Dies ist ein Text aus dem Jahr 2004. Gemeinhin wird die „Perfekte Welle“ des Liedes interpretiert als diese eine Chance des Lebens, die man nutzen sollte, wenn sie auftaucht, weil sie einem nur ein einziges Mal erscheinen. Meine Interpretation geht davon aus, dass das lyrische Ich des Liedes eben diesen Moment verpasst und das weiß. Daran schließen sich diese Gedanken an. 

Perfekte Welle

Mit jeder Welle kam ein Traum,
Träume gehen vorüber,
dein Brett ist verstaubt,
deine Zweifel schäumen über,
hast dein Leben lang gewartet,
hast gehofft, daß es sie gibt,
hast den Glauben fast verloren,
hast dich nicht vom Fleck bewegt.

Jetzt kommt sie langsam auf dich zu,
das Wasser schlägt dir ins Gesicht,
siehst dein Leben wie ein Film,
du kannst nicht glauben, dass sie bricht.

Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
lass dich einfach von ihr tragen,
denk am besten gar nicht nach.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
es gibt mehr als du weißt,
es gibt mehr als du sagst.

Deine Hände sind schon taub,
hast Salz in deinen Augen,
zwischen Tränen und Staub,
fällt es schwer oft dran zu glauben,
hast dein Leben lang gewartet,
hast die Wellen nie gezählt,
das ist alles nicht gewollt,
hast viel zu schnell gelebt.

Jetzt kommt sie langsam auf dich zu,
das Wasser schlägt dir ins Gesicht,
schließt dein Leben wie ein Film,
du kannst nicht glauben, dass sie bricht.

Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
lass dich einfach von ihr tragen,
denk am besten gar nicht nach.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
es gibt mehr als du weißt,
es gibt mehr als du sagst.

Du stellst dich in den Sturm und schreist,
ich bin hier ich bin frei,
alles was ich will ist Zeit,
ich bin hier ich bin frei,
Du stellst dich in den Sturm und schreist,
ich bin hier ich bin frei,
ich bin hier ich bin frei.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
lass dich einfach von ihr tragen,
denk am besten gar nicht nach.

Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
es gibt mehr als du weißt,
es gibt mehr als du sagst.

Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag dafür.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag

(Text: Simon Triebel / Juli)

Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
denn blieb ich auch lebendige Zeit
ich hätte wenig Glück

Gershom Scholem, Gruß vom Angelus

 

Bei manch großen Theorien der Geschichte und des Zusammenlebens der Menschen bin ich versucht, sie im Kleinen anzuwenden, sie statt auf der Makroebene des Sozialen in der Mikroebene des Individuums zu versuchen. Sie haben den Reiz, sich der Illusion hingeben zu können, sie erklärten ebenso wie das große Ganze auch die kleinen Splitter, sie können dem Bedürfnis entgegenkommen, der fragmentarischen Wirklichkeit des Einzelnen Ordnung und Struktur, Erklärungsentwürfe und einen Sinnzusammenhalt zu verleihen.

Popsongs und mit ihnen Popkultur gehören dem Reich des Flüchtigen an, diese Musik lebt für den Augenblick, sie ist sein Ausdruck, die Takte pulsieren wie ein Pulsschlag – Mode folgt auf Mode, und nach einem Kosten, nach einem Atemzug verfliegen ihre Melodien mit der Leichtigkeit, der sie entsprungen sind. Popsongs sind selten mehr als eine Momentaufnahme, mehr als ihren Inhalt transportieren sie durch ihre Form die Vergänglichkeit. Sie haben erst gar nicht den Anspruch auf Wiederkehr, auf Ewigkeit, sie sind dem Hier und Jetzt zugewandt, sie verbrennen sich selbst im Zeitgeist, sie haben ihren Anteil an der Gegenwart und erheben keinen Anspruch auf die Zukunft, sie wecken Bedürfnisse und werden konsumiert, sie sind Waren einer Industrie, die sie unentwegt ausspuckt und den Lidschlag des Augenblicks in ihre Dienste stellt. Durch ihrer Hinwendung auf das Gegenwärtige, ihre Möglichkeit, Gefühle, Eindrücke und Empfindungen mit Druck auf die Play-Taste hervorzurufen, sind sie in erster Linie ein Symbol für das dem Leben zugewandte Bewusstsein, welches sich dem Moment hingibt und in ihm aufzugehen wünscht. Unabhängig davon, ob die Lieder angenehme oder unangenehme Gefühle transportieren, sind sie Ausdruck von Lebensfreude.

Manchmal geschieht es, dass ich durch einen unverhofft guten Liedtext auf mich selbst zurückgeworfen werde. Ich stelle mir Fragen, die in mir schlummerten, die aber eines Katalysators benötigten, um sie frei zu legen.

I.

Wie viele Arten von Wellen hat eigentlich ein gewöhnliches Menschenleben? Sind es – frei entlehnt bei Fernand Braudel – drei Arten? Die oberflächliche Kräuselung jeden Tag, das tägliche Auf und Ab, das sich Ärgern über Mitmenschen und das Freuen über Nähe und Geborgenheit; dann Trends, die Entwicklungen, worunter die pubertären Schübe ebenso fallen würden wie Lebensabschnitte und –tragödien, menschliche Erfahrungen und Schnitte, neuralgische Punkte in einem jeden Leben, Midlife Crises genauso wie die Erste große Liebe? Sind letztlich auch die Ideen, das Konzept eines Menschen, wie eine Welle? Eben diese Ideen, an denen sich die Menschen orientieren, die ihnen Halt im Leben vermitteln, die sie sich zu Eigen machen und modifizieren, die sie trainieren, die sie anpassen und – dies alles mehr oder weniger unbewusst – in ihrem Weltbild als Tapete benutzen und von Zeit zu Zeit erneuern – muß man auf diese Wellen auch warten, sie suchen und finden? Muß man an sie erst ´glauben´, damit sie ´erscheinen´, oder sind sie gleichfalls da, wenn man sie nicht erwartet, ersehnt oder erhofft?

II.

Wie das Leben so die Traufe. Wen das Leben überrascht, beißen die Hunde. Oder die Letzten.  Oder so ähnlich. Hat nicht jeder einmal sein Leben wie ein Film an sich vorbeiziehen sehen, damals, in wilden Jugendtagen, als das Leben noch besenrein war, die Sorgen sich noch leicht mit dem Morgenrot vertreiben ließen, der Ernst des Lebens zwar an der Tür klopfte, jedoch nach wie vor im Notfall an die der Eltern?  Nein? Vielleicht muß man das auch nicht, um zu begreifen, dass Chancen im Leben nicht ewig auf den Wellenreiter warten und man manchmal nicht die Zeit zum Nachdenken hat, um auf die Welle aufzuspringen. Wenn ich das auch noch langsam auf mich zu kommen sehe, es aber nicht wahrhaben will, was das Schicksal mit mir macht – dann  kann ich auch nicht glauben, dass sie bricht.

Was das Schicksal mit mir macht – wird es denn nicht zum großen Teil von mir  selbst bestimmt, was ich ´daraus´ mache? Sehr wohl, wie es scheint, habe ich doch zu jedem Zeitpunkt die Wahl, mich zu entscheiden, und später die Qual, sie zu bereuen.

III.

Deine Hände sind schon taub,
hast Salz in deinen Augen,
zwischen Tränen und Staub,
fällt es schwer oft dran zu glauben,
hast dein Leben lang gewartet,
hast die Wellen nie gezählt,
das ist alles nicht gewollt,
hast viel zu schnell gelebt.

Die letzte Zeile ist der Schlüssel zu den sieben vorigen. Viele Sachen begonnen, vieles abgebrochen, weniges beendet, kurz, nichts Ganzes und nichts Halbes, mehr Zeit verschwendet als genutzt. Wie jemand, der 60 Jahre lang Lotto spielt und sich denkt: Wenn ich erst mal gewinne, fange ich an zu leben. In einem anderen pop-modernen Lied heißt es „Du willst noch leben irgendwann – wenn nicht heute, wann denn dann?“ Man sieht hier das Spannungsverhältnis modernen Lifestyles: Das diffuse Gefühl, im vorherrschenden Weltordnungssystem ums Leben betrogen zu sein artikuliert sich in Form verpasster Chancen. Als hätte ich je die Möglichkeit gehabt, den ganz großen Wurf zu landen. Ganz pragmatisch wird dies weggewischt mit dem Hinweis, dann doch wenigstens das Beste daraus gemacht zu haben. Treibt mich die Realität erst zu der Erkenntnis, dass dies eine Illusion ist, mit dem Hinweis auf die zusammenfallenden Wellenberge, so habe ich entweder die Wahl, so weiter zu machen, wie bisher, oder ich ergebe mich der Tatsache, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt.

Ich habe viel zu schnell gelebt – das Gefühl beschleicht mich jeden Tag aufs Neue: so schnell und fiebrig, wie sich das Leben um mich zu drehen scheint, mag es mich manchmal unfähig machen, es noch wahrzunehmen, mit welch hoher Geschwindigkeit ich mich durch die Zeit bewege. Auch hier ist ein tendenzieller Widerspruch: Jemand, der sein ganzes Leben gewartet hat, kann der überhaupt zu schnell leben? Sicher, es kommt darauf an, wie er die Wartezeit verbracht hat.

IV.

Gegen den Strom hört sich gut an – verkauft  sich gut und verhilft mittelmäßigen Musikmachern manchmal zu ihrem nicht verdienten Durchbruch. Aber gut ist es trotzdem. Zweckoptimismus. – Ein Wellenbrecher ganz besonderer Art ist der Gedanke, dass man sich ein Selbstbild, dominiert von der Vorstellung, man schwimme gegen den Strom, und diese Vorstellung so massiv, dass es jede Faser des Bewusstseins zu durchdringen scheint, und es womöglich nicht so recht verstehen kann, das dies außerhalb seines Ichs nicht so ganz nachvollzogen wird, noch auf einer Meta-Ebene dieses „Gegen den Strom“ als ein gegen den Strom schwimmen attestieren kann. Denn diese Welle bricht schon bei der Feststellung, dass Che Guevara genau so zu einer Marke mutierte, wie Coca Cola eine ist, und wie sie die Erben der United Fruit Company tagtäglich produzieren, die es zu konsumieren gilt. Was nützt alles heisere Grölen nach Freiheit mitten in einem solchen – wahnhaft konstruierten oder wahnhaft demaskierten – Sturm? Mein Lebensgefühl, geprägt von solch heiserer Freiheit, gebrüllt in eine Welt, die ansonsten recht still daherkommt und deren Tücke nicht aus einem Sturm, sondern mangelnder Resonanzfähigkeit zu bestehen scheint, vermittelt nicht die Empfindung utopischen Gehalts, vielmehr deren Schattenseite: Die Ohnmacht und schließlich die Resignation beim Anblick der Gleichgültigkeit bei dem Verstreichen der übrig gebliebenen Restlaufzeit dieses Planeten. Geläutert vor Erfahrung streife ich spätestens jetzt den Che Guevara Pulli vom Körper (und empfinde ihn unmittelbar danach, ich kann ihn noch auf der Haut und im Kopf spüren, als ein Korsett) und kann dann erst recht brüllen, ich wäre frei. Willkommen in der Spaßgesellschaft. Was für ein Fortschritt.

V.

Spielt man als Kind heute eigentlich noch Spiele, wie sie in Zeiten vor Handy und Internet üblich waren? Zum Beispiel dieses: Man stellt sich im Kreis auf, gibt sich die Hände, einer stellt sich in die Mitte und macht die Augen zu. Der Kreis wird eng gezogen, der in der Mitte lässt sich nach einer beliebigen Seite fallen. Diejenige lässt sich dann einfach tragen – und denkt im besten Fall auch gar nicht darüber nach. War das noch ein Lebensgefühl, als Beziehungen noch mit real existierenden Menschen zu tun hatten, anstatt mit sms-entfernten Internetbekanntschaften, die man heranzieht, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern. Digital geknüpfte Bindungen im Internet sind wertlos, austauschbar, ersetzbar und anonym. Jedoch setze ich im Internet nur fort, was in diesem Wirtschaftssystem im ´richtigen Leben´ vorexerziert wird. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden reduziert auf ihren Gebrauchswert, ich messe sie in Waren, wovon die wertvollste meine Zeit ist. Man ist nicht mehr bereit, sie sich gegenseitig zu opfern. Ich werde zu dem Banker, zu der Ich-AG, die sich selbst managt. Ich werde zu der Sorte Mensch, vor denen mich meine Lieder vor zehn Jahren noch warnten. Ich sehe, wie zwischenmenschliche Beziehungen im Privaten konsumiert werden, ich sehe die Eintagsfliege im Bett und die narzisstische Ausbeutung des Familienlebens. Dass wir uns irgendwie erhoffen, ausgerechnet zwischen den SMS-Zeilen oder auf den Internetportalen eine Ersatzbefriedigung für die soziale Kälte zu finden, ist eine harmlosere Illusion, als die Projektionsfläche der großen starken Nation.

Was trägt einen Menschen denn dann eigentlich? Um es kurz zu machen: Sind es letztlich nicht seine – drei Arten – Wellen, die das Leben umsäuseln? Aber sind es nicht die Menschen, die diese Wellen mit Leben füllen, die sie erst zum Leben erwecken und in guten wie in schlechten Momenten das Gefühl geben, am Leben zu sein? Ist eine Datenleitung dafür dick genug? Ich lese bei Kundera: „ Solange die Menschen noch jung sind und die Partitur ihres Lebens erst bei den ersten Takten angelangt ist, können sie gemeinsam komponieren und Motive austauschen. Begegnen sie sich aber, wenn sie schon älter sind, ist die Komposition mehr oder weniger vollendet, und jedes Wort, jeder Gegenstand bedeuten in der Komposition des einzelnen etwas anderes.“ Was bleibt, wenn wir im Leben des anderen in die Tasten hauen?

Die Beschwörung eines ‚perfekten‘ Tages lässt Sehnsüchte wach werden, die ganz stark nach Abhängigkeit riechen. Ich bin auf der Suche nach dem perfekten Tag, wie es auch ein Song in dem Film ‚Trainspotting‘ besingt, dem perfekten Lebensgefühl, alles muß immer einfach nur ‚perfekt‘ sein. Als müsse das Leben eine Fieberkurve sein, steil nach oben gerichtet, eben gerade ohne Wellentäler, ohne die Aufs und Abs, die, wie Insider behaupten, erst das Salz in der Suppe des Lebens ausmachen. Der Tag ist nur noch dafür da, um ‚perfekt‘ zu sein. Kühl und rational könnte man noch argumentieren, dass man dann überhaupt keinen Vergleichswert mehr hätte um überhaupt festzustellen, was denn nun eigentlich ‚perfekt‘ sei. Emotional übersetzt bedeutet das nichts anderes, als dass die Erfüllung der Sehnsucht nach einem ‚perfekten Tag‘ so fade wäre wie ungewürzter Tofu, der zwischen den Grillstäben ins offene Feuer tropft – noch so eine gebrochene Welle.

VI.

So richtig unbequem wird der Liedtext erst dann, wenn ich das anfangs benannte Gefühl nicht in der Gegenwart verorte, sondern in der Vergangenheit. Dann gesellt sich dazu nämlich ganz schnell ein anderes, brandaktuelles: Das ich etwas verpasst habe. Es rauscht in den Ohren nach wie ein Abgesang auf bessere Tage, ein letzter schmetternder Akkord nach der Toccata, es wirkt wie ein Wachmacher, der mir die Augen aufreißt, obwohl ich doch eigentlich recht zufrieden mit dem Wegschauen war. Diese Verortung in der Vergangenheit birgt ein ganz eigenes Problem:  Sie reißt mich aus der Gegenwart heraus und lähmt meinen Blick in die Zukunft.

Letztlich läuft es doch auf folgendes hinaus: Das Leben zwingt den Menschen zum Fatalismus. Man ist gefangen in seinem Netz aus Erinnerungen, gefesselt an sein Leben und an seine Zeit, man spürt mit jeder Faser des Körpers den gelebten Widerspruch zwischen den erwarteten Gelegenheiten und den bereits gebrochenen Wellen, wie in einem Traum spürt man die bleiernen Fesseln, die sich bisher unsichtbar anschmiegten. Es ist die Vorstellung der Passivität des Lebens, die hier hindurchscheint, der ‚Sinn des Lebens‘ soll dem Menschen zugeflogen kommen, man wird zum Schicksalsempfänger. „Alles was ich will ist Zeit“ – ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen.

Und so destilliert sich dieser Wunsch in mir endlich zu der Erkenntnis, dass die Zeit mein Gefängnis ist; eine Kurve, die ich schicksalsergeben durchlaufe, und mit jenem Grauen, das mich packt, erkenne ich in ihr meinen schlimmsten Feind. Ich wünsche mir: Morgen. Morgen erst, während doch mein ganzes Selbst sich dem widersetzen sollte.

Es bleibt der Schmerz über den Verlust der Illusion.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s