Heute bin ich dazu gekommen, diese CD einmal in Ruhe anzuhören. Letztes Jahr erschienen, gab es Grund zum Aufhorchen.  Vorneweg: Die Idee ist nicht neu. Ein paar Mal habe ich schon Lesungen von Celans Gedichten gehört, die mit Klezmermusik untermalt wurden, einmal auch mit Helmut Eisel, der seit 1989 immer wieder mit Giora Feidman für einzelne Projekte zusammenarbeitet. Trotzdem ist diese Aufnahme von Ben Becker und Giora Feidman etwas Besonderes.

Und das liegt hauptsächlich an der bemerkenswerten Leistung von Giora Feidman. Seine Musik ist einfühlsam und die Stücke passen nahezu perfekt zu den einzelnen Gedichten und Texten. Leider lassen sich die Lieder nicht separat als einzelne Tracks auf der CD anwählen, sondern sind den Gedichten nachgestellt.

Foto: Wolfgang Schnier

Und da finden sich dann auch die Schwächen des Arrangements. Aber der Reihe nach: Zuerst stellt man fest, dass ein sehr breites Spektrum aus den Gedichten ausgewählt wurde und neben altbekannten Texten auch eher unbekannte Gedichte aufgenommen wurden, wie etwa das erst aus dem Nachlass publizierte Gedicht Schreib dich nicht.

Foto: Wolfgang Schnier

Auch ist ein so wichtiges Gedicht wie Denk dir zu finden, ebenso finden sich die bekannteren Gedichte Corona, Wolfsbohne, In eins, Fadensonnen und Coagula in der Sammlung. Dagegen vermisst man Gedichte wie In Ägypten, Schibboleth, Psalm oder Du darfst. Aber eine Auswahl muss immer getroffen werden, daher fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht. Und es befindet sich auch die Todesfuge auf der CD, die Celan sehr betrübt 1966 in einem Gespräch mit Hugo Hupperts als „mittlerweile lehrbuchreif gedroschen“ bezeichnete. Um dieses berühmte Gedicht ranken sich im Laufe seiner Rezeptionsgeschichte so viele Missverständnisse und Fehlinterpretationen, sodass es beinahe unverantwortlich geworden ist, das Gedicht unkommentiert sich selbst zu überlassen. Da ist es auch besser, zu der auch erst vor ein paar Jahren erschienenen CD „Paul Celan liest. Ich hörte sagen. Gedichte und Prosa“ zu greifen. Hier liest Celan seine Gedichte selbst. Diese Sammlung ist sehr viel umfangreicher und hat allein deshalb schon einen Vorzug. Celan liest außerdem besser und deutlicher, aber das kann ein sehr subjektiver Eindruck sein. Allerdings sind die Gedichte von Celan fehlerfrei gelesen. Das ist bei Ben Becker leider nicht der Fall. Er liest im Gedicht In Eins „Im Hintergrund“, wo es „Im Herzmund“ heißen muss. Ein tieferes Verständnis der Gedichte kommt somit nicht nur nicht zum Ausdruck, sondern es offenbart sich auch eine gravierende Textschwäche in der Präsentation.

Foto: Wolfgang Schnier

Letztlich ist es jedoch eine Stärke des Hörbuchs, dass Briefe und Korrespondenz aufgenommen wurden. So kommt ein nicht abgeschickter Brief von Ingeborg Bachmann zur Geltung, ebenso ein Brief von Celans Frau Gisèle Celan-Lestrange. Allerdings könnte man hier fragen, weshalb man keine Briefe von Celan an Bachmann und seine Frau genommen hat. Aber sowas kann man immer hinterfragen und auswählen muss man letztlich so oder so. Im Großen und Ganzen ist die Gesamtauswahl schon stimmig, wenn die Wahl der Briefe auch etwas beliebig wirkt.

Giora Feidman und Ben Becker legen hier eine CD vor, deren Stärke eindeutig die musikalische Untermalung ist, während der eigentliche Schwerpunkt doch auf den Gedichten liegen sollte. Aber genau das ist nicht wirklich gelungen. Abraten kann man von dem Projekt letztlich nicht gänzlich, aber man kann es auch nicht vorbehaltlos empfehlen. Sucht man einen Zugang zu Celans Gedichten über ein Hörbuch, sollte man zu oben genannter Alternative greifen. Ist man eher an dem Arrangement mit Klezmermusik interessiert, ist man hier richtig, wenn man bereit ist, deutliche Abstriche in Kauf zu nehmen.

Paul Celan: Giora Feidman & Ben Becker. „Zweistimmig“. Lesung mit Musik. Gelesen von Ben Becker, Musik von Giora Feidman. Laufzeit ca. 65 Minuten. Random House Audio, 2013. 19,99 €. 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

8 Kommentare

  1. Danke für die Besprechung – eine eindeutige Entscheidungshilfe. Mich hat der Name Ben Becker abgeschreckt, Deine Besprechung bestätigt das. Schade – aber mir geht es vor allem um das Gedicht, das Wort, da greife ich dann doch lieber zu der von dir vorgeschlagenen Alternative.

    1. Was Herrn Becker betrifft, so kann ich – auch aus betrüblich privater Erfahrung heraus – nur beipflichten. Ich habe ihn a.a.O. – und bei allem Respekt – bereits eine Hure geschimpft, weil er – ebenso wie sein Stiefvater in seinen letzten Jahren – nichts auslässt, alles machen muss und eben, wie wir im Theater sagen, eine „Rampensau“ vor dem Herrn ist. Bei der beigewohnten „Live-Performance“ hat Celan sich im Grabe herumgedreht.

      1. Ich muss sagen, ich bin ziemlich unbefangen an das Projekt herangegangen. Mir war Ben Becker nicht wirklich ein Begriff. Und wie ich schrieb, auch ganz nüchtern betrachtet überzeugt er nicht. Das kann man ganz emotionslos feststellen.

      2. Ich kenne Herrn BB nur als Schauspieler. Da habe ich einen leicht egomanischen (Stichwort Rampensau) Auftritt bei einem Brechtabend mitlerben dürfen/müssen. Wenn Herr BB aus B nach A kommt, um mir den BB zu vermiesen, werde ich säuerlich. Nun verträgt es ja der Baal noch, daß einer den „Kraftkerl“ mimt, aber ich will gar nicht wissen, was er mit dem feinnervigeren Celan anstellt. Otto Sander? Von ihm hätte ich das jetzt nicht gedacht.

  2. Wie geschrieben, die Rezension war hilfreich – wegen der Kombination Paul Celan& Feidman hätte ich evt. trotz Becker die CD erworben, aber Textungenauigkeiten sollten bei einem solchen Projekt nicht sein. Dazu zudem die Vorerfahrungen mit seinem Vortragsstil. Ergänzend – aber wahrscheinlich schon bekannt: Paul Celan spricht die Todesfuge: http://www.youtube.com/watch?v=gVwLqEHDCQE

    1. Wenn ich mich nicht täusche, ist das die Aufnahme von Celan, die auch auf der erwähnten CD mit seinen Gedichten drauf ist, die er selbst liest. So wirklich viele unterschiedliche Aufnahmen gibt es von ihm nun auch wieder nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s