Bis jetzt habe ich mich noch nie an solchen Dingen beteiligt, aber das soll sich jetzt ändern. Daher fange ich das Blogstöckchen gerne, das mir Birgit von drüben zugworfen hat.

Welches Buch liest Du momentan? 

slIch lese mehrere Bücher gleichzeitig, aber wenn ich das recht sehe, ist das nichts Ungewöhnliches. Im Moment sind das die Poetikvorlesungen von Ingeborg Bachmann, die Tagebücher von Victor Klemperer, die ich taggenau lese und die Autobiographie von meinem Jugendheld Slash (wer den nicht kennt: Hier entlang!) Auf meinem Nachtschränkchen liegt dann noch ein Band mit Erzählungen von David Foster Wallace. Ich habe noch weitere Bücher angeknabbert, aber darin lese ich zu unregelmäßig, als dass ich sagen könnte, ich lese sie momentan.

Warum liest du das Buch? Was magst du daran?

An Ingeborg Bachmann mag ich ihre pointierten Darstellungen und ihre kurzen Ausblicke auf die Literatur links und rechts des Kanons. Außerdem stammt von ihr meine absolute Lieblingserzählung Die Geheimnisse der Prinzessin von Kagran. Aber die habe ich dieses Jahr schon gelesen, daher gibt es jetzt was anderes von ihr.

Victor Klemperers genauen Beobachtungen aus der Nazizeit haben heute nichts an ihrer eindringlichen Art verloren, den Alltag im nationalsozialistischen Deutschland zu beschreiben. Klemperer ist ein sehr guter und feinfühliger Beobachter und er ist näher dran als der Historiker heute. Dieser hohe Reflexionsgrad heute ist zwar wichtig und richtig, aber die Augenzeugenschaft verliert nichts, im Gegenteil, historische Betrachtung muss letztlich immer an den Quellen geerdet werden. Und dazu gehören Klemperers Tagebücher.

Slash hat mit 35 Jahren einen automatisch zündenden Defibrillator eingebaut bekommen, der ihm jetzt jedesmal einen Stromschlag verpasst, wenn er Kammerflimmern von zuviel oder zuwenig Alkohol bekommt. Und jedesmal wenn er Sex hat. Was man alles verpasst, nur weil man nicht so gut Gitarre spielen kann! Hier kann man es nachlesen.

David Foster Wallace gefiel mir mit seiner eindrucksvollen Rede This is water. Das machte mich neugierig auf seine Erzählungen. Postmoderne Literatur in Reinform. Aber so richtig funkt es zwischen uns noch nicht, muss ich sagen.

Wurde dir als Kind vorgelesen? Kannst du dich an eine der Geschichten erinnern?

Ja, mir wurde viel vorgelesen. Und ich erinnere mich auch noch daran, jedenfalls bruchstückhaft: Mein Vater war selbst Fan der Asterix-Reihe und hatte sie mir schon von Kleinauf vorgelesen. Somit bin ich den meisten dieser moralinsauren Erklärbär- und pädagogisch äußerst wertvollen Zeigefingerbüchern entkommen, mit denen die Tanten denken sie tun einem etwas Gutes. Und sowas gabs zu meiner Zeit leider noch nicht.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den /die du mal regelrecht verliebt warst?

Ich glaube nicht. Sowas sollte man wissen, oder?

In welchem Buch würdest du gern leben wollen?

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Von Star Trek wissen wir: Wir können uns eine Welt vorstellen, in der es einmal besser sein wird. Dagegen spricht auch nicht, dass das ganze einfach nur eine verdammt gute Serie der Kulturindustrie gewesen ist, die unter J.J. Abrams zu einer inhaltsleeren Action-Ballerei degeneriert ist! Da ist nichts mehr dabei, was Star Trek einmal ausgemacht hat: to boldly go where no man has gone before! Der bestehenden schlechten Welt den Spiegel eines besseren Lebens vorhalten! Ein Stück Zukunft antizipieren und damit ein Stück Zukunft schreiben (Handys! automatische Schiebetür! Tablets!) Aber ich schweife ab, es ging ja um Bücher….

Ich würde dann auch nicht in einen der Star Trek Romane schlüpfen wollen. Denen merkt man nämlich an, dass sie einer beschädigten Welt entsprungen sind. Aber Barries Peter Pan wär was! Der Gedanke, niemals erwachsen zu werden, hat etwas sehr Attraktives, finde ich, und James M. Barrie gefällt mir da weitaus besser als Günter Grass. Daher ist das hier auch im Moment mein Lieblingsgeschenk an die Kinder im Freundeskreis.  Aber leider bin ich schon erwachsen und da bliebe dann nur noch Captain Hook oder einer von den übelriechenden Stinkstiefeln seiner Mannschaft. Ich glaube, dann bleib ich lieber hier.

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?

Ich sammle Aphorismen und hätte einige parat. Aber die hier gefallen mir besonders gut:

„Das Absurde ist die Sünde ohne Gott.“ Camus, irgendwo im Mythos des Sisyphos.

Das schriftstellerische Ideal ist „den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es Akkorde der Ewigkeit“. Karl Kraus, in irgendeinem seiner Essays.

„Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Adorno, Minima Moralia.

„Gedichte ändern wohl nicht die Welt, aber sie verändern das In-der-Welt-Sein.“ Paul Celan, in der Prosa aus dem Nachlaß.

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So. Das Blogstöckchen soll wieder weiterfliegen. Und da ich gut zielen kann, werfe ich es zuerst einmal Sebastian Schmidt vom textbasis.blog hin, außerdem rüber zu Finbarsgift. Und ich versuche mal Matthias Engels vom dingfest-Blog sowie Maya Rinderer zu treffen!

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

14 Kommentare

  1. Das freut mich sehr, dass Du nun doch mal an so etwas teilgenommen hast. Wunderbare Aphorismen. Die Tagebücher von Victor Klemperer habe ich vor Jahren gelesen, ich teile Deine Einschätzung: Ein feinfühliger Beobachter, ein feiner Mensch. Und wie er das größte Elend dann trotz der absolut ehrlichen Auseinandersetzung mit sich und den Zuständen seiner Frau Eva angesichts ihrer Situation mit Würde trägt. Das sind Bücher, bei denen ich ab und an schlicht und einfach auch weinen musste. Kennst Du sein Buch „LTI“, Notizen eines Philologen? Eine Auseinandersetzung, Analyse der Sprache der Nazis. Kann ich nur empfehlen, wenn man der Sprache an sich auf den Grund gehen will. Herzliche Grüße, Birgit

    1. Ja, die LTI habe ich noch vor den Tagebüchern gelesen. Und das Wörterbuch des Unmenschen von Sternberger. Von heutiger Sicht aus war das ja der Anfang einer linguistischen Auseinandersetzung mit der Sprache im Nationalsozialismus gewesen. Eine etwas neuere Arbeit ist die von Utz Maas „Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand. Sprache im Nationalsozialismus“. Sehr empfehlenswert und heute noch gut zu lesen.

      1. Sternberger habe ich noch hier liegen, aber dazu brauche ich mal wieder mehr Ruhe und Konzentration. Danke für den Hinweis auf Utz Maas, interessiert mich sehr. Schönen Abend noch!

  2. Sehr, sehr interessant zu lesen, vielen Dank! Slash muss ich unbedingt noch nachholen… Und wenn Du nicht in die Star Trek-Welt schlüpfen möchtest, dann erledige ich das gerne für Dich – aber nur in einen Classic-Roman. 🙂 Viele Grüße!

  3. Danke Wolfgang, du hast mich direkt am Kopf getroffen mit deinem Stöckchen!
    Guter Wurf *lächel*

    Ich werde mich mal am Weekend damit befassen, wenn meine Beule am Kopf wieder langsam zurückgeht *grins*

    LG vom Lu

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