Fernab von allumfassender Analyse zum Thema Ukraine, die es bestimmt da draußen irgendwo gibt, ist mir heute beim Radiohören folgendes aufgefallen: Die Ukraine wurde permanent als „Kornkammer Europas“ bezeichnet. Es ist noch nicht so lange her, da hieß es im gleichen Radio, die Ukraine sei die „Kornkammer der Sowjetunion“. Damals ging es darum, dass es dem reichen Land ein wenig zuviel war, für die Sowjetunion in die Bresche springen zu müssen und die vielfältigen Waren wie eben Getreide, aber auch Industrieprodukte aus dem Osten des Landes in die Sowjetunion exportiert wurden. Man war unzufrieden darüber. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und nachdem über die Ukraine der Neoliberalismus hinweggefegt ist, ist man nun von der Staatspleite bedroht. Man kann froh sein, wenn man als „Kornkammer Europas“ heute seine Reichtümer für einen Bruchteil dessen abtreten darf, was die Russen einst als Gegenleistung im Land gelassen hatten.

Die Bukowina, die heute zur Ukraine gehört, und aus der zum Beispiel Künstler wie Alfred Margul-Sperber, Paul Celan und Herta Müller stammen, galt bereits als koloniale Peripherie, ebenso wie das deutschsprachige Prag um Kafka und die gestern verstorbene Pianistin Alice Herz-Sommer. Daran musste ich heute denken, bei der „Kornkammer Europas“.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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