Meine Lieblingspassage aus Victor Klemperers Tagebüchern ist eigentlich recht profan, gemessen an all den Dingen, die sich darin finden lassen. Aber ich muss oft an die Passage denken; ich hatte sie zunächst überlesen und musste sie später wieder suchen, da sie mich nicht mehr los ließ. Es ist eine allgemeine Lebensweisheit, die, je älter man wird, desto tiefer reicht, scheint mir. Ich lasse sie auch ohne weitere Ausführungen einfach so für sich stehen:

Ich war heute in Dorf Dölzschen irgendein Schreiben im Rathaus abgeben und bei demselben ‚Bauer Fischer‘, der uns das Land umgepflügt hat, Stroh für den Schacht der Wasserleitung bestellen. Prachtvoll die verschneiten glatten Felder, der Nebel in der Ferne und Tiefe, auch über der Hochebene, aber darüber der blaue Himmel. Irgendwie erinnerten mich die weißen Felder an Winterspaziergänge 1901 in Landsberg während meiner Primanerzeit. Damals war ich tief bedrückt, weil ich mich exiliert fühlte und das Abitur fürchtete. Jetzt kommen mir die Sorgen von damals kindisch vor. Sie haben mich aber damals nicht anders beschwert als heute die heutigen. Ob mir auch diese einmal klein erscheinen werden?

Geschrieben am 15.12.1933. Victor Klemperer hatte vor einigen Tagen übrigens seinen 54. Todestag.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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