Ein, zwei Worte  zu Enzensbergers Thesen vom Wochenende:

Erstens, Enzensberger argumentiert unpolitisch. Die Verweigerungen zur Volkszählung 1987 waren politisch, da sie ein abgegrenztes, zeitlich limitiertes System zu unterminieren suchten. Die digitale Welt von heute ist aber nicht abgrenzbar, nicht zeitlich limitierbar und es gibt anders als 1987 keine Option zu einem status quo ante. Diese Möglichkeit haben allenfalls vielleicht Rentner, wie es die Süddeutsche mit einem Seitenblick auf den ehrwürdigen Intellektuellen anmerkt. Das Dafürhalten einer Trotzhaltung als scheinbare Lösung ist eine unpolitische Herangehensweise an ein politisches Problem.

Zweitens, es wird vermutlich auch bei der Überwachung keinen Weg mehr zu einem status quo ante geben. Was das für die Postdemokratie bedeutet, wird man erst noch erarbeiten müssen. Da steht die weltweite Diskussion allenfalls erst in den Startlöchern.

Drittens hat Enzensberger das Problem der Werbung sehr genau erkannt. Werbetreibende hat niemand ins Internet eingeladen und jetzt spielen sie sich auf, als würde es ihnen gehören. Die Reichweite von Zeitungen muss sich nach wie vor an der Auflage bemessen und nicht an der Höhe der Werbeeinkünfte. Bei kostenlosen Services ist man nicht der Kunde, sondern das Produkt. Die ganzen kostenlosen Apps für die Smartphones geben jeden Tag eindrücklich Zeugnis davon ab. Ein letztes bekanntes Beispiel für eine App, die ihre Kunden verkauft, ist die beliebte Musikerkennungs-App Shazam.

Seit Enzensberger das Fernsehen als Nullmedium analysiert hat, ist viel passiert. Vermutlich hat sich die Welt zu schnell verändert, als dass man heute noch derart klare Analysen wie damals aus dem Ärmel schütteln könnte. Enzensbergers Trotzreaktion kann allenfalls ein Diskussionsbeitrag sein.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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3 Kommentare

    1. Bereits jetzt, gut eine Woche später – was ist davon geblieben? Da war der Debattenbeitrag von Snowden schon etwas wuchtiger. Das Thema Überwachung hat er ja nicht erfunden. „Freiheit stirbt mit Sicherheit“ ist ein Schlagwort aus den 1990ern Jahren, als es noch couragierte FDP-Politiker gab wie Leutheusser-Schnarrenberger, die wegen des Großen Lauschangriffs zurückgetreten ist. Die zwei Handvoll Thesen von Enzensberger rangieren angesichts dessen dann doch eher unter ferner liefen.

      1. recht haste! *lächel* er ist halt doch nicht wirklich ein antihandytaktiler internetter, der sich durchzusetzen weiss *g*

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