Medien waren einst dazu da, um Inhalte aus der realen Welt wahrheitsgemäß, verfremdend oder gefiltert wiederzugeben. Diese Funktion der Medien ist seit der Erfindung des Buchdruckes bekannt und allgemein anerkannt. Die Medien wurden von Menschen, die etwas Interessantes zu sagen hatten, dazu benutzt, um sich Gehör zu verschaffen. Dieses Verhältnis hat sich umgedreht.

Peter Nowak spricht von der Boulevardisierung der Medien im Kontext der Wulff-Affaire. Das ist zu kurz gegriffen. Dieser Prozess war bereits 1988 weitgehend abgeschlossen, als Enzensberger in einem seiner lesenswertesten Essays das Fernsehen als Nullmedium analysiert hat. Wir sind heute weiter, und die Tatsache, dass die Zeitschrift Cicero die Herr- und Frauschaften Grass und Schwarzer als mit die einflussreichsten Intellektuellen bezeichnet, spricht Bände. Alleine schon die Idee zu einem solchen Ranking, großformatig mit Bildchen und kurzen Anteasertext für die Kundschaft, zeigt bereits die relative Abgeschlossenheit dieses Prozesses der Boulevardisierung der Medien. Als überregionale Zeitung ist die Frankfurter Rundschau vor einigen Jahren zu einem neuen Format gewechselt, viele regionale Zeitungen vollzogen ein Redesign. Was da „lesefreundlicher“ oder „publikumsorientierter“ genannt wurde, war immer das selbe: Größere Bilder, weniger Text.

Es geht aber darüber hinaus. Die Medien, allen voran das Fernsehen, erschaffen mittlerweile in zahlreichen Formaten von früh bis spät ihre Ereignisse, über die sie berichten. Es sind nicht mehr Anleihen in der realen Welt, die genommen werden, um etwas darzustellen, wie es etwa noch der Kriminalroman des 18. und 19. Jahrhunderts tat, und geschickt damit kokettierte, dass das fiktive Ereignis genau so wie erzählt hätte stattfinden können. Im Gegenteil, das realste an den Fernsehshows sind die Werbeblöcke, die die Beiträge filetieren. Shows, Ereignisse und Nachrichten werden selbst produziert, über die man dann berichtet.

Wer noch etwas zu sagen hätte, wird nicht gehört, wenn er oder sie nicht gleichzeitig ein totales Talent zur Selbstvermarktung mitbringt, um wohlportioniert einen Gedanken so mundgerecht zu präsentieren, sodass er vom Publikum nicht mehr selbst durchgedacht werden muss. Dies aber widerspricht nicht einer Boulevardisierung, sondern fördert sie in doppelter Hinsicht: Einmal in der Darstellungsform, die verspricht, die größte Reichweite zu erlangen, und dann auf Seiten des Rezipienten, der bereits mit vorgefertigten Kategorien an den Medienkonsum herangeht. Medienkonsum wird zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Der Sender weiß schon, wie er senden muss, bevor er festgelegt hat, was es sein wird, und der Konsument weiß schon, was ihn erwartet, bevor er konsumiert hat. Man spricht auch vom aktuellen Stand des Immergleichen.

Das Verhältnis hat sich umgedreht: Es sind heute diese absurden Shows und Events, die als Vorgabe für die reale Welt gelten. Wer sich davon noch nicht überzeugt hat, der sehe sich einmal Facebookseiten für Jugendliche an oder höre Eltern zu, deren Kinder eine Magersucht entwickelt haben.

Gleichzeitig nimmt paradoxerweise das Bedürfnis nach Orientierung und Ordnung exorbitant zu. Dazu braucht man nur einmal einen Blick in eine Buchhandlung zu werfen. Ratgeberbände sind der Verkaufsschlager. Jeder ist sein eigener Experte, jeder möchte senden und sich Gehör verschaffen, was die digitale Welt heute auch unterstützt und fördert. Damit sinkt aber auch das Niveau, denn man weiß nicht mehr, wem man eigentlich zuhören soll. Zu einem Problem gibt es zehn Experten mit zwanzig Meinungen. Man sehnt sich förmlich nach den Tagen der alten Bundesrepublik, als man noch ungefähr wusste, wem man überhaupt noch zuhören sollte. Das Prinzip ist heute: Wer am lautesten schreit, wird wahrgenommen, wer die pointiertesten Thesen präsentiert (eins bis zehn, vorzugszweise), der wird noch abgedruckt, wer sich einen Irokesenschnitt frisieren kann und dafür Geld von einem multinationalen Konzern kassiert, wird angeklickt. Das ist die Boulevardisierung der Gesellschaft: Medien berichten über Ereignisse, die sie selbst kreieren und aus einem unübersichtlichen Haufen an selbsternannten Experten, die einem alle Orientierung verkaufen wollen, resultiert eine Orientierungslosigkeit.

Und was kann man dagegen tun, wie soll man damit umgehen? So fragt der an Ratgeber geschulte Geist auf der Suche nach Orientierung. Dem muss man entgegnen: Die Erkenntnis, dass es keine einfachen Antworten gibt, dass die Welt nicht in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß aufgeteilt ist, dass die Fähigkeit zu differenzieren die erste Voraussetzung für selbstständigeres Denken wäre und Kritik, mitunter auch Selbstkritik, die zweite, und dass man beides meist erst entwickeln kann, wenn man sich von den News verabschiedet, wären die ersten Schritte.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Toller Beitrag und so wahr… Es ist einfach traurig, was mittlerweile im Fernsehen gezeigt wird und v.a. was dort als normal gilt. Skandale und moralisch höchst fragwürdiges Verhalten zu der besten Sendezeit. Kinder, die eigentlich um 19 Uhr das Sandmännchen gucken sollten sehen ausufernte Partys und Szenen die früher allenfalls im Nachtprogramm gezeigt wurden. Und so viele Zuschauer die eben nicht die „Fähigkeit zu differenzieren“ haben sehen das als anstrebenswert. Und leider fehlt diese Fähigkeit enorm vielen Menschen…

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