Diese Besprechung beginnt mit dem Filmende. Es ist keine Filmbeschreibung zum anteasern, sondern eine Reflexion nach dem Film. Eine Filmbesprechung (allerdings ebenfalls mit Vorgriffen) gibt es zum Beispiel hier. Der Film bei der imdb: Death of a Superhero. Hier geht es zur offiziellen Filmseite.

Der Film ist bereits einige Zeit aus den Kinos heraus. Allerdings ist es nach wie vor ein lohnender Film, der mittlerweile auch gut zugänglich ist. Angeregt, diese Rezension zu veröffentlichen, hat mich der Beitrag zur ersten großen Liebe bei Birgit drüben. Das scheint mir auch das Bleibende des Filmes zu sein, nämlich die Diskussion dieses Topos. 

Der Film endet mit dem Krebstod des Hauptdarstellers Donald. Er liegt in weißen Laken gehüllt in seinem Sterbebett, angeleuchtet von weißem Licht, um sein Gesicht erscheint ein heller Glanz einer Aureole gleich, die Bildmetaphorik ist eindeutig: Hier ist jemand unschuldig gestorben, hier ist jemand unberührt gestorben. In dem ganzen Film geht es um die Sehnsucht des jungen Mannes, der an Krebs sterben wird. Am Ende bleibt sie zwar nicht gänzlich unerfüllt, aber sie wird nicht aufgelöst: die Spannung der unaufgelösten Sehnsucht trägt über den Tod hinweg. Das heiligt. Es ist eine zutiefst religiös-christliche Metaphorik, mit der der Film endet. Eine unschuldige Liebe, die beendet wird, bevor sie beginnen kann.

Man fragt sich: Wieso eigentlich wird die erste große Liebe derart assoziiert? Nutzen sich Gefühle etwa mit der Zeit ab? Sind sie später weniger intensiv? Oder liegt es daran, dass man noch keinen Umgang mit ihnen gefunden hat, weil man noch nicht gelernt hat mit ihnen umzugehen? Ein Erwachsener, den eine Liebesgeschichte aus der Bahn wirft, bekommt im gesellschaftlichen Blick bestenfalls sein Leben nicht geregelt, im schlimmsten Falle trifft das dann auch tatsächlich zu. Ein Erwachsener bricht, von einem Jugendlichen erwartet man, dass er daran wächst. Soweit jedenfalls die gesellschaftlich erwartete Rollenverteilung. Die besondere Konstellation in diesem Film ist nun: Das Wachsen hat keinen Sinn, es hat kein Ziel, der Tod beendet das kurze Leben eher früher als später. Damit wird aber plötzlich die Liebe zum Selbstzweck, die sich nur im Hier und Jetzt konstituiert und ohne zeitliche Dimensionen angelegt ist. Liebe hat sich selbst als telos: Was man einmal bei Erich Fromm gelesen hat, kann man hier auf der Leinwand sehen. Darauf hinzuweisen ist der große Verdienst des Filmes, auch weil für gewöhnlich die Kulturindustrie darauf verzichtet und, wie man unter anderem bei Anne-Wilson Schaef nachlesen kann, das Thema ansonsten fürchterlich zurichtet. 

Mit der Konstellation im Film wird man auf den Umstand hingewiesen, dass man gewisse Erfahrungen nur in einer gewissen Zeitspanne seines Lebens machen kann. Der Tod gewinnt am Ende so oder so – sei es durch Krankheit, Unfall oder Herzversagen. Manche haben für ihre Erfahrungen mehr Zeit zur Verfügung, manche weniger. Wie will man also diese Zeit nutzen, welche Erfahrungen möchte man gerne erleben? Die Frau vom Begleitservice, Tanya, ihr Alter könnte man auf überall irgendwo über 30 schätzen, die engagiert wurde um mit Donald das erste und letzte Mal Sex zu haben, meint so lapidar, sie sei noch nie verliebt gewesen. Man stutzt ein wenig: Wird sie es denn je werden? Oder verwechselt sie da etwas? Übt sie gerade deswegen diese Tätigkeit aus? Der Gegensatz zwischen der ‚reinen Liebe‘, nach der Donald zu suchen scheint und dem, was sie bieten kann, wird unübersehbar, die Apotheose deutet sich an.

Demgegenüber steht eine zarte, fühlende Romanze, die sich, genretypisch über Hindernisse hinweg, zu der eigentlichen Liebesbeziehung entwickelt. Die junge Rebellin wird aber Tanya zum Verwechseln ähnlich, ihr möglicher Lebensweg erscheint nicht mehr offen, nachdem offenbar wurde, dass beide ähnliche, wenn nicht gar die selben Überzeugung(en) teilen. Beide Frauen wird von außen Talent zugesprochen, das sie beide nicht zu erkennen scheinen oder es nicht wollen. Diese Parallelführung lässt an das Bonmot von Jean Anouilh denken: La vie est une eau que les jeunes gens laissent couler sans le savoir, entre leurs doigts ouverts. Solange die Jüngere nichts mit ihrem Leben anzufangen weiß, erscheint das Leben der Älteren als Schicksal vor ihr zu schweben. Ihre Eskapaden scheinen darauf hinzudeuten. Der Filmlogik nach kann kann sie alleine nur die Erfahrung der ‚reinen Liebe‘ davor retten – diese Erfahrung fehlt nämlich sowohl im Repertoire des Begleitservice an sich als auch in der Erfahrungswelt von Tanya.

Am Ende finden Donald und Shelly ihre Liebe – und wird in der nächsten Szene bereits vom angekündigten Tod abgelöst. Die ultimative Fallhöhe wurde erreicht, Donald hat die Liebe gewonnen und das Leben verloren. Vorweggenommen wurde dies bereits in den gelobten Comicstrips, die aus der Gefühlswelt Donalds stammen. Aber anders als etwa bei den extrem kurzen Filmsequenzen in Natural Born Killers, die in schwarz-weiß bruchstückhaft eingeblendet werden, im ersten Moment Verwirrung stiften statt identifizierend wirken und außerhalb des Kontextes zu stehen scheinen, aber ebenfalls die Gefühlswelt der jeweils Handelnden repräsentieren, erklären diese Comicstrips, sie stellen nichts dar. Sie erzählen dem Zuschauer minutiös und unverhohlen um was es gefühlstechnisch gerade geht. Viel Raum für Interpretation bleibt da nicht, wenngleich die Animationen schon sehr nett anzusehen sind. Trotzdem stimmen am Ende die Relationen irgendwie nicht: Der Superheld überwindet den Superschurken, aber gleichzeitig stirbt Donald. Man fragt sich: Was stellte dieser Superschurke denn dann letztlich dar, wenn er doch überwunden wurde? Doch nicht der personifizierte Krebs? Also eher die infantile Unkennnis, was ‚reine Liebe‘ sei? Dann stimmt aber auf einmal der Kontext nichtmehr zum vermittelten Bild. Die Metaphorik bricht in sich zusammen.

Donald hat die Liebe gewonnen und das Leben verloren: Der Schock findet bereits im Werk statt, wie Walter Benjamin es beschrieb. Manifestiert sich aber die Katharsis, also der Schock, bereits im Werk und nicht erst beim Betrachter, ist dies nach Adorno jedoch das konstitutive Merkmal eines kulturindustriellen Produkts. Ginge es darum, man wäre heutzutage mit jeder Filmbesprechung schnell fertig. Am Ende eines viel zu kurzen Tages ist jedoch mehr, nämlich: Kitsch. Die hohe Emotionalität des Films bricht nicht in sich selbst, sondern wird unvermittelt und ohne erkennbare Differenzierungen an den Zuschauer weiter gegeben. Der Film hat Züge der Trivialliteratur, da Interpretationsspielräume kaum bestehen beziehungsweise die Interpretation vorgegeben wird, er wiederholt tradierte Klischees ohne erkennbare Innovation und er nivelliert die Gefühlswelten und emotionale Motivationen. Ruth Klüger brachte es auf die prägnante Formel: „Der Kitsch ist die Lüge, die Kunst ist die Wahrheit.“ Die Lüge an dem Film ist die Heiligung aufgrund fehlender Erfahrung (religiöser Kitsch), die Behauptung einer soziologischen Signifikanz einer ‚ersten großen Liebe‘ als ‚reine Liebe‘, ebenfalls aufgrund fehlender Erfahrung (gesellschaftlicher Kitsch) und die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen Liebe und Sex, die in der Filmlogik auf eine Ausschließlichkeit hinausläuft (moralischer Kitsch).

Angesichts der traurig-trostlosen Geschichte ist dies selbst ein wenig traurig. Auch fragt man sich, was manche der Charaktere sonst so außerhalb der Geschichte treiben. Zum Beispiel der Psychiater, „Dr. Tod“: Hat er nicht noch etwas anderes zu tun als sich Tag und Nacht lediglich um einen einzigen Patienten zu kümmern? Ein eigenes Leben außerhalb der erzählten Zeit scheint er nicht zu haben. Er erscheint etwas eindimensional im Vergleich zu den anderen beiden Hauptcharakteren, auch wenn versucht wird, ihm etwas Tiefe zu verleihen. Das gelingt meiner Ansicht nach jedoch nicht so recht. Diese handwerklichen Besonderheiten liegen auch ein wenig auf dem Film.

Kulturindustrie, Kitsch und jede Menge induzierte Emotionen. Auch wenn man es nicht für möglich hält: Ich fand die Geschichte interessant erzählt. Man ist durchaus mitfühlend, und Am Ende eines viel zu kurzen Tages hat seine Stärken, zum Beispiel in der Szene mit dem bekifft tanzenden Vater, während seine Söhne stoned in der Ecke liegen. Eine nahezu realistische Beschreibung der Familienkonstellationen nach ’68.

Alles in Allem: Ob ich ihn mir noch einmal ansehen würde? Ich weiß nicht. Aber alleine um die Szene auf dem Dach, wo sich Donald und Shelly zum ersten Mal näher kommen, der erste Kuß aber ausbleibt, noch einmal zu sehen, könnte einen zweiten Gang wert sein. Dort nämlich findet die Liebe im Hier und Jetzt statt. Und dort gehört sie hin. Im Alltag vergessen wir das viel zu oft.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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