„Das neue, das neunzehnte Jahrhundert liebt seine Jugend nicht. Ein glühendes Geschlecht ist erstanden: feurig und kühn drängt es von allen Windrichtungen zugleich aus den aufgelockerten Schollen Europas der Morgenröte neuer Freiheit entgegen. Die Fanfare der Revolution hat diese Jünglinge erweckt, ein seliger Frühling des Geistes, eine neue Gläubigkeit entbrennt ihnen in der Seele.“ 

So schreibt Stefan Zweig in seinem Buch über den Kampf mit dem Dämonen. Er hat damit die Generation zu Beginn des langen 19. Jahrhunderts im Blick, die im Zuge der Französischen Revolution den Aufbruch in ein neues Zeitalter spürten. Vor allem in der Heiligen Allianz, in Preußen, Österreich und Russland, wurde diese Jugend von der Reaktion verbrannt. Die Geburtsschmerzen der Demokratie lassen sich auf deutschem Boden weit bis 1848 verfolgen. Man kann das besonders bei Heine und Büchner nachlesen, aber auch bei Autorinnen wie Fanny Lewald oder Bettina von Arnim.

Ein Jahrhundert später verbrennt eine ganze Generation in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges und in den gescheiterten Revolutionen Europas. Die Revolution frisst zum zweiten Male ihre Kinder. Davon ist ja dieser Tage viel zu lesen.

Und heute habe ich auch nicht gerade das Gefühl, dass das neue Jahrhundert seine Kinder lieben würde. Die Freiheitskämpfe in der arabischen Welt sind, wenn nicht sogar schon verloren, so doch dabei zu Ersticken, die klerikalfaschistische Reaktion in Ägypten und Libyen, die alte Garde in Syrien, sie alle haben einen langen Atem. Tunesien ist vielleicht ein Hoffnungsschimmer, aber davon hört man nahezu nichts mehr. In Venezuela, Chile und Brasilien kämpfen die Jugendlichen um ihre Zukunft. In den USA verläuft sich die Bewegung der „other 99/Occupy“ frustriert im Sande. In der Türkei wird gekämpft, in Russland, in der Ukraine. Es ist kein Ende in Sicht. Auch kein gutes.

Stefan Zweig sagte 1925, als er die Zeilen oben in Salzburg schrieb, die Vergangenheit voraus.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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