Sexualkundeunterricht für Pubertierende ist eine undankbare Aufgabe. Das sage ich heute, rückblickend, aber als Befürworter von Sexualkundeunterricht für meine Kinder in der dritten Klasse Grundschule, wo ihnen beigebracht wird, was Oralsex ist. Um sie zu schützen.

Zu meiner Zeit fand die Aufklärung mitten in der Pubertät statt. Einen ungünstigeren Zeitpunkt konnte man nicht wählen. Und so hatte ich, netto gerechnet, ganze fünf bis zehn Minuten Sexualkundeunterricht, bevor ich aus der Klasse flog. Es ging um den schematischen Aufbau der Geschlechtsorgane der Frau. Auf einem großen Plakat war der Querschnitt einer Frau in einem sehr unnatürlichen Rosa zu sehen. Der Lehrer zeigte gerade irgendwo auf das Plakat und sprach so etwas wie: „Und das ist der Geburtskanal.“ Und mir fiel als Scherz nichts besseres ein, als den einzigen Kanal laut in die Klasse zu rufen, den ich kannte: „Suezkanal?!“ Haha.

Dabei war mir die ganze Veranstaltung, also die ersten fünf bis zehn Minuten, schon sehr suspekt gewesen. An die Mädchen in der Klasse gerichtet, meinte die männliche Lehrkraft allen Ernstes, sie sollten bei der zukünftigen Wahl ihrer Männchen darauf achten, ob diese ihre Fingernägel sauber hielten. Daran erkenne man, ob sie auch ihren Penis regelmäßig wuschen. Stolz zeigte er seine blank geputzten Finger vor. Irritiert schauten wir Jungs auf unsere abgerissenen, angeknabberten und dreckigen Fingerspitzen.

Ich hielt das für einen Scherz, „den Johannes eines Mannes erkennt man an dem Zustand seiner Fingernägel?“, das hörte sich doch ziemlich esoterisch an. Jedenfalls dachte ich, wenn der Lehrer so zu Scherzen aufgelegt ist, könne ich auch meinen mit dem Suezkanal bringen. Ich irrte.

So flog ich achtkantig unter dem Gelächter meiner Mitschüler aus der Klasse und machte mir dann vor der Klassentür erst einmal die Fingernägel sauber.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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6 Kommentare

  1. das mit den Fingernägeln ist mir neu, so etwas wurde uns damals nicht beigebracht (dabei kann man damit so einfach und mit einem Blick wesentliche Informationen erhalten!), aber zumindest weiß ich nun, was manikürte Fingernägel bei Männern bedeuten könnten (bzw. auch umgekehrt…)
    LG, Marlis

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