Es soll ja noch Leute geben, die Punk hören und trotzdem politisch interessiert sind. Die Schnittmenge ist heutzutage vermutlich nicht mehr so groß wie man vielleicht meinen mag. Punk ist längst von einer Lebenseinstellung zu einem fashion style verkommen, aber bereits in den 1970er und 1980er Jahren war Punk mehr ein Mittel zur Weltflucht als eine Auseinandersetzung mit der Welt. Und, übrigens: Johnny Ramone war stink-konservativ.

Jedenfalls könnte es ja tatsächlich Menschen geben, die sich für den Hintergrund des einen oder anderen gecoverten Liedes interessieren, das die Toten Hosen letztes Jahr herausbrachten.

Ein Lied auf ihrer CD ist das Moorsoldaten-Lied:

Wem zwischen Punkdasein und Frisurberatung langweilig ist, sei diese Dissertation zu den Insassen der frühen Emslander Konzentrationslager ans Herz gelegt. Das Lied entstand 1933 im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg im Emsland und fand weit über die Grenzen des Emslandes und auch Deutschlands Beachtung. Ernst Busch sang es mit dem Chor der 11. Brigade im Spanischen Bürgerkrieg. Hannes Wader gab es 1977 zum Besten. Paul Robeson sang es 1942 auf englisch, genauso wie sein Folkkollege Pete Seeger. Pete Seeger, der vor ein paar Wochen gestorben ist, war das Urgestein des amerikanischen Folk. Der jahrelange Boykott amerikanischer Radiostationen konnten seiner Popularität nichts anhaben. Von Pete Seeger gibt es dann auch eine Aufnahme des Liedes aus dem Jahr 1967 aus Berlin:

Das Lied hat über die Jahre hinweg seine ungeheure Kraft nicht eingebüßt, und selbst frühere Bearbeitungen aus dem Punkgenre wie zum Beispiel von den Schnittern oder auch solche von der Elektropopkapelle Welle: Erdball überstand das Lied in aller Regel ohne größere Blessuren.

Das Konzentrationslager Börgermoor war hauptsächlich für politische Gefangene vorgesehen. Dort war das Lied selbst bei der Wachmannschaft sehr beliebt, die regelmäßig das Singen einforderte, obwohl es von der Lagerleitung verboten war. Durch entlassene oder verlegte Insassen wurde das Lied weiter verbreitet, so bekam es 1935 Hanns Eisler in London zu hören, der dann auch gleich die Melodie überarbeitete. Da es bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg beliebt war, wurde das Lied auch international bekannt. So existieren heute Versionen auf deutsch, englisch, spanisch, italienisch und französisch.

Foto: Lüko Willms / Wikipedia
Gedenkstein Börgermoor
Foto: Lüko Willms (CC BY-SA 3.0)

Seine Kraft zieht das Lied heute wie damals aus dem Prinzip Hoffnung. Es ist die Hoffnung auf ein besseres Leben, das dem Lied zugrunde liegt und das über die gegebenen schlechten Verhältnisse heute wie damals hinaus weist, ohne die Verhältnisse gleichzusetzen und zu nivellieren. Es ist die musikalische Bearbeitung eines Themas, das in der Literatur sehr populär ist, zum Beispiel durch Anna Seghers Buch „Das siebte Kreuz“. Man mag ja zu den verschiedenen Interpretationen stehen wie man will, sie zeigen jedoch, dass sich ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Biographien auf das Lied beziehen. Seine ungeheure moralische Kraft weist über den unmittelbaren Entstehungszeitraum hinaus und hat bis heute Bestand. Das macht die Faszination des Liedes aus – und ist damit politischer als der Punker mit seiner Haarfrisur.

Schon einige Zeit gibt es eine Dokumentation der verschiedenen Interpretationen des Liedes auf zwei CDs. Sie wurde herausgegeben vom Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager in Papenburg. Erschienen ist sie mittlerweile in zwei Auflagen und enthält neununddreißig verschiedene Interpretationen des Liedes. Punkrockern mit einer Aufmerksamkeitsspanne eines durchschnittlichen Musikvideoclips sei vor dem Hören eine Ladung Ritalin empfohlen: Es ist neununddreißig Mal das gleiche Lied. Es sind neununddreißig unterschiedliche Zugänge, unterschiedliche Geschichten zu dem Lied, das von 1933 bis 2000 in unterschiedlichen Zusammenhängen von unterschiedlichen Menschen interpretiert wurde. Das 64-seitige Booklet gibt dabei solide Hintergrundinformationen über die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Liedes.

Die CDs haben eine Gesamtspielzeit von 154 Minuten und kosten nicht mehr als ein normaler Friseurbesuch heutzutage. Wer sich also schon die Hosen zugemutet hat, dem sei diese Doppel-CD wärmstens ans Herz gelegt.

Das Lied der Moorsoldaten: „1933 bis 2000“; Bearbeitungen, Nutzungen, Nachwirkungen. Herausgegeben vom Dokumentations- und Inforationszentrum (DIZ) Emslandlager, in Kooperation mit der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Frankfurt am Main. 2-CD-Edition, 39 Tracks, 154 Minuten, 64 Seiten Booklet. 18 Euro.
ISBN 978-3-926277-17-6

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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12 Kommentare

    1. Ich halte das mal für eine rhetorische Frage. Punk zumindest ist schon so alt, dass er heute in Teilen schon wieder reaktionär geworden ist. Und er ist unpolitisch in meinen Augen.

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