Kurz festgehalten: Authentische Dichtung und diskursive Erkenntnis trennt der metaphysische Gehalt von Dichtung. Authentische Kunstwerke bleiben immer ein Stück weit stumm, das Celansche Gedicht etwa bleibt stumm angesichts des Grauens, das es dokumentiert. Das Verstummen als Kategorie kommt dabei von Celan selbst, in seiner Büchnerpreisrede, dem Meridian, heißt es:

Gewiß, das Gedicht – das Gedicht heute – zeigt, und das hat, glaube ich, denn doch nur mittelbar mit den – nicht zu unterschätzenden – Schwierigkeiten der Wortwahl, dem rapideren Gefälle der Syntax oder dem wacheren Sinn für die Ellipse zu tun, – das Gedicht zeigt, das ist unverkennbar, eine starke Neigung zum Verstummen. Es behauptet sich – erlauben Sie mir, nach so vielen extremen Formulierungen, nun auch diese –, das Gedicht behauptet sich am Rande seiner selbst; es ruft und holt sich, um bestehen zu können, unausgesetzt aus seinem Schon-nicht-mehr in sein Immer-noch zurück. (TCA M 8 Nr. 32a/b)

Celan versteht die „Atemwende“, von der er spricht,  als das „Gegenwort“, das die Solidarität mit der normativen Meinungsführerschaft in der Gesellschaft aufkündigt. So sieht Celan auch Luciles „Es lebe der König“ in Büchners Dantons Tod nicht als ein Bekenntnis zur Monarchie, sondern eine selbstidentifkatorische Infragestellung des Gangs der Revolution, und ebenso ist es bei Lenz eine kategorische Infragestellung der normativ-empirischen Welt, die ihn zum Verstummen bringt. Es ist eine Auseinandersetzung am Rande des Paradoxen, wo diese „Atemwende“, dieses „Gegenwort“, zu einem Verstummen wird. Dieses Verstummen ist beseelt von dem Verdacht, das selbst noch das „Gegenwort“ sich affirmativ zur herrschenden gesellschaftlichen Unmenschlichkeit verhalten könnte und sich somit mitschuldig machte. Der Sprache wird durch die Dichtung gleichfalls das Verstummen abgerungen.

Die authentische Dichtung Celans bleibt also stumm. Ebenso finden die stummen Schreie beispielsweise Ausdruck in Picassos Guernica, sowie  etwa in Schönbergs „Ein Überlebender von Warschau„.

Verstummen wiederum meint auch immer eine Verweigerung einer diskursiven Auseinandersetzung. Authentische Dichtung ist immer auch ein Stück weit der diskursiven Erkenntnis gegenüber gesetzt und nimmt an ihr nicht mehr primär teil. Das Verstehbare, das Nachvollziehbare, das Rationalisieren der diskursiven Erkenntnis bringt im Erklären Begriffe zu einer Allgemeinheit, die vom Individuum und vom Individuellen absehen. Diskursive Erkenntnis blendet die Unmittelbarkeit des Gefühls und des Empfindens des Individuums aus, macht dies rational nachvollziehbar, sodass gleichzeitig mit einem erhöhten Abstraktionslevel in gewisser Weise eine Komplexitätsreduktion stattfindet, da das Ausblenden des unvermittelten Empfindens die Voraussetzung der diskursiven Erkenntnis ist. Dadurch hat die diskursive Erkenntnis eine strukturelle Affinität zum psychologischen Phänomen des Verdrängens. Daher hat die Kunst und das Verstummen der Dichtung einen Vorzug als nicht-diskursive Erkenntnisform, sie hat einen metaphysischen Gehalt, weil das Empfinden des Individuums unmittelbar nachvollziehbar gemacht wird. Die Dichtung ist näher dran am Empfinden. Diesen metaphysischen Gehalt hat Dichtung der erklärenden und rationalisierenden Prosa voraus.

Metaphysik, verstanden als ein Einfühlungsvermögen etwa in Leid, Trauer, Hoffnung oder auch Empathie des Menschen, hat eines der letzten Residuen in authentischer Dichtung. In einer durchrationalisierten Welt erinnert am Ende vielleicht nur noch das Gedicht den Menschen an sein Menschsein:

 Ende:
Man belasse dem Gedicht sein Dunkel; vielleicht – vielleicht! – spendet es, wenn jene Überhelle, die uns die exakten Wissenschaften schon heute vor Augen führen wissen, die Erbmasse des Menschen von Grund auf verändert hat, – vielleicht spendet es auf dem Grunde dieses Grundes den Schatten, in dem der Mensch sich auf sein Menschsein besinnt. (MIK 142 Nr. 257.2)

Zitiert aus:

Paul Celan: Der Meridian. Endfassung. Entwürfe. Materialien. Tübinger Ausgabe. Herausgegeben von Bernhard Böschenstein und Heino Schmull unter Mitarbeit von Michael Schwarzkopf und Christiane Wittkop. Frankfurt am Main 1999. 

Paul Celan: „Mikrolithen sinds, Steinchen“. Die Prosa aus dem Nachlaß. Kritische Ausgabe. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann und Bertrand Badiou. Frankfurt am Main 2005. 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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5 Kommentare

  1. Danke. In diesem Beitrag finde ich so vieles wieder, was ungesagt bleibt. Manchmal, wenn ich ein Gedicht veröffentliche, beispielsweise neulich von Celan, geschieht dies aus einer Stimmung oder Absicht heraus, die ich nicht erläutern kann oder will. Gleichwohl freue ich mich dann über Kommentare, fühle mich aber nicht in der Lage, darauf zu antworten. Es ergeht mir so, als ob jeder Erklärungsversuch die Worte zerstören könnte.

    1. Ja, manchmal sucht man nach Worten und findet keinen richtigen Ausdruck. Es freut mich, wenn Du hier welche gefunden hast!
      Und Dein Gefühl kenne ich sehr gut. Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich überhaupt etwas zu Lyrik, zu einem Gedicht sagen konnte, weil ich Angst hatte, es zu zerreden.

  2. „Dadurch hat die diskursive Erkenntnis eine strukturelle Affinität zum psychologischen Phänomen des Verdrängens.“ Dem kann ich so nicht folgen. Die lautlos gestellten Lücken im Gedicht gründen strukturell auf einem Formwillen, zumindest in meinem Verständnis und in meiner Praxis. Womöglich gilt dies auch für den geformten Diskurs. In der Verdrängung jedoch findet sich das Ausblenden der Inhalte.

    Recht gebe ich Dir in der Conclusio, der singulären Position der Lyrik.

    1. Die diskursive Erkenntnis abstrahiert und sieht vom Individuellen und seinem Empfinden ab, da es Begriffe, Zustände und Begebenheiten auf eine Allgemeinheit bringt. Das Verdrängen läuft ähnlich ab: Das Geschehen wird rationalisiert, ein Schuldiger wird gesucht oder zumindest eine monokausale Ursache, einfache Erklärungen also, es findet eine Komplexitätsreduktion statt. Ein Beispiel aus der Psychoanalyse wäre etwa die kognitive Dissonanzreduktion. Verdrängung kann natürlich auch schlicht „Ausblendung der Inhalte“ meinen, allerdings geschieht das meist über den Weg der Rationalisierung.

      1. Das Entbergen des Verdrängten folgt assoziativen Strukturen, die durch Übertragung bewusstseinsfähig gemacht werden. Der Diskurs jedoch basiert auf einer Weitungs- und Verengungsdynamik der kommunikativen Basis. Ja, das hat (im Diskurs!) mit Komplexitätsreduktion zu tun – also einem Bewusstseinsprozess. Die Zielrichtung der Verständigung verläuft jedoch nicht zwangsläufig parallel zu der Entdichtung (also dem Entbergen, der niemals verlorenen Komplexität). All dies gilt natürlich nur für diejenigen, die nicht ausschließlich Materialisten sind und die ein wirksames Unbewusstes als Hypothese akzeptieren können (das weiter gefasst ist als das Vorbewusste der Behavoristen).

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