Im Folgenden sollen hier elf Thesen zur Lyrik von Heidi Pataki aus dem Jahre 1968 dokumentiert und zugänglich gemacht werden. Diese Thesen befanden sich auf einem Beiblatt zu ihrem Gedichtband Schlagzeilen. Sie sind nicht ohne weiteres heute ohne Kommentar verständlich. Zum Hintergrund der Thesen und zur Person Heidi Pataki befasst sich ein eigener Artikel. Daher sollen die Thesen an dieser Stelle nicht weiter kommentiert, sondern lediglich dokumentiert werden.

 

1. Gedichte müssen geistesgegenwärtig sein.
Ein Gedicht hat keine Zukunft, sondern nur Gegenwart.



2. Lyrik ist eine Spezies der Mode.
Wir kleiden uns nicht nur modisch – wir sprechen auch so. Das Kind der Mode ist das Gedicht.



3. Individualismus ist altspätzisch.
„Alles geht so vor sich“, sagt Lévi-Strauß, „als hätte in unserer Zivilisation jedes Individuum seine eigene Persönlichkeit zum Totem.“ Das ist unökonomisch.
In diesen Gedichten verklärt das Individuum nicht länger seine privaten Gefühle: es reduziert sich auf Schlagzeilen.


4. Originalität ist Unsinn.
Jeder Satz, den wir noch sagen können, ist schon tausendmal ausgesprochen worden. Darüber ist die Bedeutung verlorengegangen: der Gebrauch zerstört die Bedeutung.


5. Étaper la bohème!
Der Zwang des geordneten Lebens produziert als sein Gegenstück die heimliche Sehnsucht nach der Anarchie des Künstlers.
Was soll das! Anarchistisch ist nur die Ordnung. Ordnung als Anarchie – das ist die message dieser Gedichte.


6. Ein Gedicht muß seinen Leser mundtot machen.
Er darf sich nach der Lektüre nicht mehr trauen, den Mund aufzumachen.


7. Man kann keine neuen Gedichte mehr schreiben.
Jedes Gedicht zitiert seine Vorfahren. Darum verfügen diese Gedichte gewissenlos über die Literarurgeschichte: nichts, nicht einmal Goethe, bleibt dem Leser erspart. Die Literaturgeschichte wird zum Panoptikum der Musen.


8. Die Sprache ist unbrauchbar geworden.
Jeder ist von seinem Mitmenschen durch ein Sammelsurium von Vorurteilen getrennt. Wir leiden nicht am Unverständnis, sondern am Mißverständnis. Die Gedichte verzichten darauf, noch irgendein Verständnis herstellen zu wollen. Sie nehmen das Mißverständnis beim Wort: syntaktische Metaphern.


9. Die Welt zerfällt in Aggressionen.
Der Sadismus ist die lebendigste Form der Kommunikation zwischen den Menschen. Nur wenn wir den anderen verletzen, spüren wir ihn noch. Der Rest ist Konvention.


10. Ein Gedicht ist keine Lehre, sondern ein Bild der Welt. Lyrik ist transzendental.
Die Transzendentalphilosophie untersucht die Möglichkeit aller Erfahrung. Aber ist Erfahrung überhaupt noch möglich? An die Stelle von Erfahrung sind Klischees getreten. Klischees sind das Material des Gedichts.


11. Literatur ist ein Sprachspiel.
Sie unterscheidet sich nicht von Autofahren, Kettenrauchen, Reiskochen, Museen besuchen. Literatur ist eine Lebensform. Nicht gerade die interessanteste, aber die Zeit vergeht.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Ein Gedicht muß seinen Leser mundtot machen.
    Er darf sich nach der Lektüre nicht mehr trauen, den Mund aufzumachen.

    Ja! So geht es mir häufig mit Gedichten – da ist jedes kommentierende Wort eines zuviel.

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