Nachdem die Punkrocker an dieser Stelle eine kurze Einführung in die historischen Zusammenhänge ihres Metiers bekommen haben, will ich heute den umgekehrten Weg gehen und allen Nicht-Punkrockern ein Punklied vorstellen. Die Interpretation ist schon ein oder zwei Jahre alt — ebenso wie ja auch die Interpration der Perfekten Welle — , aber da das Lied aus den 1990er Jahren stammt, kommt dem Ganzen sowieso keine Tagesaktualität zu.

Vampire haben eine ganz eigene Kulturgeschichte, die mittlerweile bis in die Popkultur hinein ragt. Seit einiger Zeit könnte man auf die Idee kommen, dass Vampire teilweise Eigenschaften haben, wie sie in anderen Kulturen auch Trickster-Figuren zugeordnet werden. Diese sind Figuren, kurz gefasst,  die sowohl positiv konnotierte oder „gute“ und negativ konnotierte oder „böse / verwerfliche“ Eigenschaften miteinander vereinen. Sie sind somit weder eindeutig Gut oder Böse, sondern irgendwo dazwischen. Sie greifen in das Schicksal der Menschen ein, mal auf der einen oder anderen Seite. Vielfach hat man den Eindruck, als wirke das Schicksal selbst durch sie hindurch, und so bringen sie dem einen Glück, dem anderen Unglück. Dies ist jedoch nur ein Aspekt von einem Trickster, der vielfältiger und mehrdimensionaler daherkommt als manch anderer Mythos. Lediglich in dem christlichen Kulturbereich verloren diese Figuren mit der Zeit  ihre Wechselseitigkeit und Ambiguität und wurden dadurch eindeutig negativ und verwerflich konnotiert.

Das popkulturelle Spiel mit dem — zumindest berüchtigten — Vampir, der doch eigentlich ganz liebenswert daher kommt, ist keine reine Erfindung dieses Jahrtausends und es gibt einige nicht so bekannte Beispiele wie das von US-Autorin Stephenie Meyer mit ihrerTwilight Reihe. Irgendwann in den 90ern erschien eine CD der Gruppe „Spass dabei“, in deren Booklet weder das Jahr noch eine eindeutige Bandhistorie nachvollziehbar ist (auf der CD selbst ist allerdings eine laufende Nummer mit dem Jahr 1996 angegeben); lediglich ein Name samt einer Anschrift in Frankenthal und Telefonnummer werden genannt. Außer dieser CD habe ich von der Gruppe nie wieder etwas gehört. Auf dieser CD ist ein hochinteressantes Lied, das den Vampir genau mit den oben beschriebenen ambivalenten Eigenschaften ausstattet und mit ihnen spielt:

 

 

Hier werden verschiedene Bedeutungsebenen miteinander verwoben. Die eine, offensichtliche, erzählt aus der Ich-Perspektive von einem Vampir, dessen Qual der Einsamkeit in dem Augenblick des Liedes ein Ende finden soll. Es beschreibt den Weg des Ichs zu einem Du und erzählt in der zweiten Strophe den Ablauf des Bisses, der das ich mit dem Du ‚für die Ewigkeit‘ verbindet. Direkt zu Beginn wird ‚Gott‘ als der einzige eindeutig negativ konnotierte Begriff in dem ganzen Lied eingeführt;  in direktem Zusammenhang mit dem ‚grellen Licht‘. Somit wird eine Umdeutung vorherrschender Deutungen vorgenommen, die auch irgendwie zu dem Cliché des Vampirs als religiöser Outlaw passt. Mit wenigen Pinselstrichen wird klar: Das Ich ist ein Außenseiter, aber es ist auch einsam; trotz seines Außenseiterums hat es ein langes Leben ohne einen Gott. Das ‚lange Leben‘ suggeriert ein Wissen, wonach der Atheismus  eine Plausibilität erlangt, die bereits an eine Gewissheit denken lässt. Kurz gesagt, ‚Gott‘ ist kein positiv besetzter Begriff,  und die Feststellung, dass das Ich nicht an Gott glaubt, dient zur Abgrenzung und zur näheren Charakterisierung des Ichs. Gleichzeitig werden Begriffe, die nicht unbedingt eine positive Konnotation mitbringen, umgedeutet.  In einer romantisch-verklärenden Sichtweise miteinander verbunden werden die Begriffe „tanzen“, „Untergang“, „dunkle Nacht“, „Blut“/“Lust“, „Mondenschein“, „hypnotisiert“, „Ewigkeit“/“Leben lang“ — der Ausdruck „stille Einsamkeit“ ist zumindest ambivalent. Es wird eine umfassende Umdeutung bestehender Wertemuster vorgenommen: ‚Gott‘ wird abgewertet, ‚Licht‘ nur als ‚grell‘ wahrgenommen, ‚Blut‘ wird mit ‚Lust‘ verknüpft, der ‚Untergang‘ wird als erstrebenswertes Ziel verfolgt. Somit wird letztlich der Rezipient verunsichert, wie er die einzelnen Elemente in moralischen Kategorien einordnen soll; sie verschwimmen miteinander und werden durch und durch ambivalent: Gut wird Böse, Anrüchiges wird Erstrebenswert. Eine ähnliche Umdeutung  christlicher Metaphorik und Vermischung der eigentlich durch diese Metaphorik suggerierte klare Trennung zwischen Gut und Böse findet man bereits in dem 1992 erschienen Film Bram Stoker’s Dracula von Francis Ford Coppola. Die christliche Symbolik von Kreuz, Blut und Weihwasser wird einer Verfremdung und letztlich Umdeutung unterworfen, die die klaren moralischen Grenzen verschwimmen lassen. 

Cover der CD
Cover der CD

Wie man das Lied interpretieren möchte — und es gibt verschiedene Ansätze, die sich ineinander verschränken — , es gibt ein die unterschiedlichen Interpretationen verbindendes Motiv: Das Lied berichtet von einer Sehnsucht des Ichs, geboren aus dessen Einsamkeit, und dem erhofften und gewünschten Ende dieser Einsamkeit durch die Vereinigung mit dem Du. Das Motiv der Einsamkeit ist die Einzigartigkeit des Ichs in seinem Dasein als Vampir. Diese Einsamkeit wird durch die ersten Strophen charakterisiert: Das Ich glaubt nicht an Gott und muss grelles Licht meiden. Die Einsamkeit ist in dem Rahmen des Liedes total, da das Du nur als Nichtvampir zu denken ist. Das Alleinsein ist charakterisiert durch das Vampirsein, also durch die absolute Andersartigkeit des Ichs. Daraus speist sich letztlich die Sehnsucht. Diese Sehnsucht überträgt sich damit auf das Du, es wird der Fluchtpunkt des Liedes; die entscheidenden Zeilen der zweiten Strophe „Jetzt gehörst du mir/ und wir tanzen durch die Nacht“ verdeutlichen dies. Seine Darstellungskraft erhält das Moment der Sehnsucht durch den durchweg im Präsens gehaltenen Aussagen; nur zwei Verse stehen im Perfekt. Der Abstand zwischen dem Ich und dem Zuhörer wird verringert, die beschriebene Handlung vollzieht sich im Moment des Zuhörens. Dadurch kann eine Identifizierung mit dem Ich leichter stattfinden; die Sehnsucht nach dem Du kann sich leichter auf den Zuhörer übertragen, das Lied wird individuell codierbar.

Man kann das Lied als eine Liebeserklärung der anderen Art deuten. Das Ich möchte zu dem Du – fast die gesamte zweite Strophe handelt von einem Wir, die Beziehung zwischen dem Ich und Du wird durchweg positiv aufgefasst. Mit dem Hypnotisieren wird eine Verführung umschrieben, der Tanz wird zur Metapher für das gemeinsame Leben. Die Besiegelung des Liebesverhältnisses läuft über Blut – das Vampir-Ich beißt in den Hals des Du, weil es nicht mehr anders kann, fortan tanzen sie ein Leben lang – und das ist eindeutig christlich konnotiert: „Tanze mit mir in den Untergang“ ist eine etwas düstere Umschreibung des christlichen Treueschwurs „bis in den Tod“. Auch die Konstellation Vampir – Nichtvampir wird gegen Ende aufgehoben; durch den Biss wird das Du ebenfalls zum Vampir, die Konstellation Ich-Du wird zu einer Schicksalsgemeinschaft, die nicht mehr umzukehren ist. Das christliche Versprechen „bis in den Tod“ wird verstärkt und überhöht. Die Einsamkeit des Ichs wird dadurch aufgehoben, dass das Du ebenfalls zu einem Vampir wird; überspitzt könnte man sagen, dass das Du erst genau so werden muss wie das Ich. Ich problematisiere dies gleich, doch zuerst noch ein Wort zu der christlichen Metaphorik: Diese kommt scheinbar durch die Hintertür wieder in die Motivation des Ichs hinein, das sich ja bereits in der ersten Zeile von einem Gott los gesagt hatte. Man kann das in zwei Richtungen interpretieren. Entweder ist der Text inkonsequent und unschlüssig. Damit wäre das Motiv ‚bis in den Tod‘ als ein religiöses verstanden, auf das dann doch zurück gegriffen wird. Oder man versteht dieses ‚bis in den Tod‘ als ein extrareligiöses Prinzip, auf das sowohl christliche  Motive zurückgreifen, als auch areligiöse Moralvorstellungen Zugriff haben. Wie man es auch deuten mag, es ist eine deutliche Nähe zur religiösen Metaphorik zu erkennen, die das Ich davon nicht derart unabhängig erscheinen lässt, als zuerst suggeriert.

Jedoch drängt sich noch eine zweite Interpretationsebene auf. Man kann das Lied als eine ästhetisierte Umschreibung einer Vergewaltigung interpretieren. Dabei ist das Ich alleine der Handlungsträger, das Du bekommt einen Objektstatus und bleibt letztlich statisch und wird nicht weiter charakterisiert; lediglich das Ich durchlebt eine Veränderung, das Du ist Mittel zum Zweck. Durch die Tat werden Ich und Du aneinander gebunden und zu der beschriebenen Schicksalsgemeinschaft gezwungen. Der egoistische Trieb des Vampirs nach Blut, das sein Überleben sichert, wird zur Chiffre des Sexualtriebs. Ein Opfer, das hypnotisiert ist, ist auch gleichzeitig paralysiert. Der Tanz durch die Nacht wird zum Sexualakt, dem sich das Du nicht entziehen kann; der Untergang ist das Schicksal des Opfers, das ein Leben lang währt. Deutlich ist das Vampir-Ich männlich konnotiert, das Opfer-Du weiblich; nicht zuletzt auch wegen der männlichen Gesangsstimme. Aber auch ohne diese sind die Assoziationen klar festgelegt. Der Vers ‚ Du bist die Geisel meiner Macht‘ lässt eine kaum zu steigernde Hierarchie erkennen, die nur noch durch das Abhängigkeitsverhältnis des Du zum Ich überboten wird, das schwerlich Interpretationsspielraum übrig lässt.

Aus Gender-Sicht hat das Lied nicht viel Innovatives zu bieten; es ist ein weiteres Indiz dafür, dass spätestens mit den 1990er Jahren Punk reaktionär geworden ist. Ein alternatives Geschlechts- und Rollenverständnis, wie es zum Beispiel die Band Roving Bottles in den 1990ern vertraten, sucht man hier vergeblich.

Rückseite der CD
Rückseite der CD

 

Mir scheint, als würde das Lied eine Überlagerung dieser beiden Interpretationsansätze suggerieren, die beiden Ansätzen die Spitze nimmt, damit aber umso deutlicher das eingangs erwähnte Sehnsuchts-Motiv unterstreicht. Das macht das Lied letztlich auch so interessant. Im Lichte der fortwährenden Umdeutungen von tradierten Bedeutungsmustern kann man auch nicht so ohne weiteres an dem Topos einer Vergewaltigung festhalten. Das Du leistet keinerlei Widerstand und es fehlen jegliche Hinweise, die eine direkte oder indirekte Ablehnung  suggerieren würden. Auch deutet das  dem Biss direkt folgende ‚und wir tanzen durch die Nacht‘ mit der positiven, hier hochromantischen Konnotation, in die Richtung einer gegenseitigen Kooperation. Aus dem Gesamtkontext heraus lässt sich daher eher an eine Verführung denken.  Es bleibt die Identifizierung mit dem Ich und die daraus mögliche Übertragung der Sehnsucht auf den Zuhörer mit einer stark erotischen Metaphorik. Das Du behält den Objektstatus bei und wird nicht näher beschrieben – und wird dadurch erst variabel und individuell codierbar. Auch suggeriert gegen Ende das ‚wir‘ eine Aufhebung der Sehnsucht und des Alleinseins des Ichs.  Das Lied wird zu einer Erotisierung des Vampirmotivs, das wiederum als Toposgeber für die die unterschiedlichen Ebenen des Liedes verbindende Sehnsuchtsthematik dient.  Das induzierte Gefühl der Sehnsucht überlagert die beiden Ebenen und wird somit zur Kernbotschaft des Liedes.

Nicht zuletzt wäre zu überlegen, ob das Lied eventuell eine ästhetisierte Variante des Stoffs darstellt, wie er zum Beispiel auch in einem Lied der Wohlstandskinder vorkommt.

Spass Dabei – Tanz‘ mit mir (1996; Lost & Found Records) 

Ich glaube nicht an Gott
und ich hasse grelles Licht
In meinem langen Leben
hab ich schon einige erwischt
doch in dieser neuen Zeit
da hab ich‘s furchtbar schwer
ich leb‘ in stiller Einsamkeit
und ich will jetzt nichtmehr
Ich fliege durch die dunkle Nacht
mein Weg führt mich zu Dir
plötzlich bist du aufgewacht
und vor dir steht ein Vampir

Tanze mit mir in den Untergang
Tanze mit mir in den Untergang

Ich nehm dich in meinen Arm
hab dich schon hypnotisiert
ich spür dein Blut
es ist ganz warm
du weißt was jetzt gleich passiert
unsere Schatten steh‘n im Mondenschein
dein Hals der macht mich an
und ich beiße voller Lust hinein
weil ich nicht mehr anders kann
Jetzt gehörst du mir
und wir tanzen durch die Nacht
Denn ich bin dein Vampir
Du bist die Geisel meiner Macht

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s