Ein Bildschirm in der Größe einer Pizzaschachtel für eine Familienpizza, ein Ding, das jedem, der noch Röhrenmonitore kennt, äußerst modern vorkam, und für alle anderen einfach nur ein normaler Monitor an einer Wand bedeutete, zeigte im vielgeschossigen und hochfrequentierten Verwaltungsgebäude vierundzwanzig Stunden am Tag die aktuellste Energiesparquote an. Die Anzeige des Monitors arbeitete derart exakt, dass er auf fünf Minuten genau die aktuelle Werte der Solarstromanlage auf dem Dach mit einbezog und gleichzeitig mit dem Verbrauch der elektrischen Anlagen im Gebäude gegenrechnete. Unglücklicherweise war der Stromverbrauch des Gebäudes größer als die durchschnittliche Leistung der Solarstromanlage auf dem Dach und führte dazu, dass der arme Monitor ein ganzes halbes Jahr nur negative Werte anzeigte, bis die Mühlen der Verwaltung soweit mahlten, dass einer der Verantwortlichen einen Techniker anwies, den Monitor dergestalt einzustellen, dass er von nun an nur noch den produzierten Strom von den Sonnenkollektoren anzuzeigen habe. Begründet wurde dies durch eine erhöhte Objektivität. Man wolle den Menschen verdeutlichen, welch positiven Effekte auch ihre Verwaltung erzielen könne. Von diesen wolle man nicht ablenken. Einige Zeit hielt sich in dem Gebäude die Erinnerung an das halbe Jahr voller negativer Werte auf der Anzeige des energiefressenden Monitors, aber nach Ablauf dieser Frist erfüllte die Anzeige die Mitarbeiter mit Stolz und Zuversicht und mit einem unbewussten Glauben an die Richtigkeit des eigenen Tuns. Irgendwann lag nur dem Techniker noch die technische Änderung vor Augen, die er von Zeit zu Zeit anpassen musste. Aber es diente einem höheren Ziel, sagte er sich, so dass es ihn nur umso mehr mit Stolz und Zuversicht erfüllte.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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