Wer die Tage die Innenpolitik der USA beobachtet hat, konnte Zeuge eines mehr oder weniger spektakulären politischen Erdbebens werden. Der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, der Republikaner Eric Cantor, verlor die Vorwahlen gegen den Herausforderer der Tea Party. David Brat, der die Vorwahlen gewonnen hat, ist College-Professor eines kleinen privaten Colleges in Viriginia. Bereits vorher stand fest, dass ein anderer Professor ebenfalls von diesem College für die Demokraten ins Rennen gehen würde. Die Welt ist klein: Ich habe an diesem College studiert.

Amerikanische Innenpolitik ist für deutsche Ohren meist fremd. Da streiten sich die Leute über eine allgemeine Krankenversicherung, die im Deutschen Reich noch der konservative Knochen Bismarck einführte, während die eine Hälfte in den USA die andere Hälfte deswegen des Sozialismus verdächtigt, wenn nicht sogar bezichtigt. Da werden Überraschungseier verboten, weil sie gefährlich für Kinder seien, während  nach einem Schulmassaker gebetsmühlenartig argumentiert wird, mit bewaffneten Sicherheitskräften in Schulen oder gar bewaffneten Lehrern könne man solchen Amokläufern beikommen. Das Problem seien nicht etwa zu viele Waffen, sondern zu wenige Waffen in den richtigen Händen. Man mag von diesen Debatten halten, was man möchte, sie zeigen zumindest, dass es in den USA kulturell etwas anders zugeht als in Deutschland. Demgegenüber ist es in den USA völlig unverständlich, wenn in Deutschland ein 32-jähriger Lehrer mit einer 14-jährigen Schülerin schläft, vor Gericht vom Vorwurf der Verführung Minderjähriger bzw. Schutzbefohlener freigesprochen wird und daraufhin den Vater wegen Rufschädigung verklagt. Das Beispiel führe ich gerne an, wenn der Verdacht ensteht, ‚die Amis‘ hätten ein Vorrecht auf soziokulturelle Schrullen und Verwerfungen.

Wie dem auch sei. Die Niederlage eines Mehrheitsführers in den Vorwahlen ist ein einmaliger Vorgang in der politischen Geschichte der USA. Eine derartige Niederlage hat es bislang nicht gegeben. Er ist ansatzweise und nur ungefähr damit zu vergleichen, als würde Angela Merkel ihr Direktmandat nicht gewinnen und deswegen aus dem Bundestag fliegen (mir sei die grobe Vereinfachung verziehen, die so natürlich nicht stimmt, schon alleine, weil Merkel über die Landesliste abgesichert wird, allerdings wird so in etwa deutlich, um was es hier geht).

Es gibt sehr viele Analysen zu dem Thema, und Google News listet nicht weniger als 10 Millionen Treffer zu „Eric Cantor“ und immerhin über 120.000 zu „David Brat“ auf. Einige einschlägige Analysen seien hier kurz genannt: Time Magazine, The Guardian,  New York Times (1, 2, 3), Washington Post (1, 2), sowie die Lokalpresse Richmond Times.

Was nun aber das ganze noch kurioser macht: Für den siebten Bezirk in Richmond treten nun zwei Professoren des gleichen Colleges an. David Brat, der Tea Party Kandidat, der nun die Wahlen gewonnen hat, ist Wirtschaftsprofessor, der einen Master in Theologie in Princeton erhalten hat und den PhD in Wirtschaftswissenschaften von der American University in Washington, D.C. Bereits länger steht fest, dass für die Demokraten der Soziologieprofessor Jack Trammell ins Rennen geht. Beides sind Professoren an dem selben kleinen College in einem 8.000 Einwohner zählenden Vorort von Richmond.

Bild: Washington Hall  © Wolfgang Schnier
Bild: Washington Hall
(Foto: Wolfgang Schnier) 

Generell (und damit etwas verallgemeinernd gesprochen) gibt es in den USA zwei Arten von Universitäten: Klein und privat und groß und staatlich. Das Randolph-Macon College zählt zu den ersteren und rangiert, gemessen an den Studiengebühren von ca. 40.000 $ im Jahr, in der oberen Klasse der privaten Colleges. Das Verhältnis zwischen Professoren und Studenten liegt in etwa bei  1:11, die durchschnittliche Seminarstärke bei 16 Teilnehmern. Das Betreuungsverhältnis kann man sich in Deutschland nicht so recht vorstellen, es gibt, soweit ich weiß, nichts Vergleichbares. Als Anhaltspunkt soll in etwa folgendes Beispiel dienen: Verschläft ein Student eine Prüfung, wird ihn sein Professor persönlich anrufen und nachfragen, ob er denn verschlafen habe. Selbstverständlich kann er dann die Prüfung mit etwas Verzögerung nachholen, sobald der Student dann endlich erscheint: „No problem“, wie der amerikanische Professor an dem privaten College dann zu sagen pflegt.

Jetzt gibt es zu den beiden Professoren und dem College ebenfalls kurze Analysen von den einschlägigen Zeitungen (New York Times, Washington Post (1, 2)), und von einem ehemaligen Studenten, der erst vor einigen Wochen seinen Abschluß in Politikwissenschaften erhalten hat und nun in einem kleinen Think Tank gelandet ist, gibt es (mehr oder weniger) eine Innenansicht zu lesen.

Was macht das College so besonders? Nun, an Colleges wird in erster Linie unterrichtet, die Forschung steht nicht so sehr im Mittelpunkt. Daraus kann man ableiten, dass sich hier vor allem Professoren wohlfühlen, die ein Maß an Sendungsbewusstsein mitbringen, das über dem normalen Durchschnitt angesiedelt ist. Außerdem haben die Professoren hier die Zeit, um sich gleichfalls nebenher noch politisch zu engagieren. Von Universitätsprofessoren hört man so etwas eher seltener.

Was aber im Unterschied zu Deutschland auch deutlich wird: In den USA hat man ein gewisses Verständnis und eine andere Meinung von Elite. Dieses ist nicht verpönt und es ist nichts ungewöhnliches, dass man am College ein Nebenfach wie Leadership Studies belegt. Wer also etwas zu sagen hat, der möge bitte vortreten und sprechen, gerne öffentlich und für die Öffentlichkeit. Dass die Demokratie in den USA funktionsfähig ist, hat der Sieg von David Brat eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Jedenfalls ist es mit keinem Geschmäckle behaftet, dass sich bei den Wahlen zwei Collegeprofessoren gegenüber stehen. Allerdings braucht man in den USA den PhD weniger für Imagezwecke, denn für eine wissenschaftliche Karriere – in Deutschland scheint mir dies von Zeit zu Zeit ein wenig aus den Augen verloren gegangen zu sein.

The fountain is lighted in blue © Wolfgang Schnier
Foto: Wolfgang Schnier

Zum Schluß noch ein, zwei Anmerkungen zu der Sache. Ich habe mit Leuten vor Ort gesprochen, um ein wenig die Stimmung mitzubekommen. Demnach ist der Sieg von David Brat kein Anzeichen einer Radikalisierung der politischen Rechten, weder auf lokaler Ebene in Richmond, noch auf Bundesebene. Eric Cantor führte vor wenigen Wochen noch mit über 34 Punkten Vorsprung – und hat deutlich mit 11 Punkten Unterschied verloren. So wie es aussieht, war er sich seines Sieges viel zu sicher und hat sich um seine Tagesgeschäfte in Washington gekümmert, aber nicht um seine lokale Absicherung vor Ort. Erst als es schon zu spät war, pumpte er Millionen in seine Werbekampagne und ließ Flyer drucken und Wahlwerbespots drehen, während David Brat über die ganze Kampagne verteilt mit einem Budget von rund 200.000 $ auskam und so sparsam, konzentriert, bescheiden und somit letztlich seriöser erschien.

Bei den Republikanern sind die Augen ganz schön groß dieser Tage. Aber auch manch ein Demokrat sieht düster angesichts des Wahlsieges eines Professors, der die Ökonomie mit Hilfe der Bibel erklärt. Dabei sieht es mittelfristig für die Demokraten nicht allzu schlimm aus. Die extremistische Rhetorik der Tea Party schreckt auch so manchen Republikaner ab. Außerdem, wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte: Und das ist häufig eben das demokratische Lager, sind doch die Republikaner und die Tea Party-Anhänger oftmals mit sich selbst beschäftigt und befinden sich, so scheint es, oft in einer selbstverstärkenden Spirale um die schärfste Rhetorik, die markantesten Sprüche und die provokantesten noch duldbaren Invektiven gegen den schwarzen Präsidenten. Aus der Ferne sieht das wie ein extremistischer Haufen aus, allerdings ist dieser aus der Nähe betrachtet kaum mehrheitsfähig. Vorsichtig gesprochen ist daher die Rechte tendenziell eher in der Defensive, die Demokraten eher in einer komfortableren Situation.

Das ist nun ausdrücklich keine Einschätzung, wie die Wahlen zum Repräsentantenhaus in einem halben Jahr im siebten Richmonder Wahlbezirk ausgehen werden. Das sind sehr stark personalisierte Wahlen und es wird darauf ankommen, wie sich beide Kandidaten in den kommenden Monaten präsentieren werden. Das Motto des Randolph-Macon Colleges lautet „believe in the moment of connection“ – ich würde nur zu gerne wissen, wie es in der nächsten Zeit in der Mensa für die Beschäftigten zugeht. Aber vielleicht frage ich einfach einmal nach.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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