Dieses Jahr ist ein interessantes Jahr für altgediente Herren der bundesdeutschen Punkrock/ Hardcore/Crossover-Szene. Es gab einige Comebacks und Reunions dieses Jahr, die in dieser geballten Form nicht zu erwarten waren. Teilweise waren sie bereits letztes Jahr angekündigt gewesen, wie etwa bei Blackeyed Blonde, bei Wizo kam das Album dagegen sehr überraschend. Von Pyogenesis hörte man Anfang des Jahres wieder alte Töne, während die Schröders einfach nur Lust hatten, wieder auf ein paar Festivals zu spielen (vielleicht auch, um unverbindlich auszuloten, wie es eventuell weiter gehen könnte), und bei Hass hatte man nicht wirklich den Eindruck, dass sie überhaupt weg waren. Grund genug, sich das Ganze einmal näher anzusehen.

Die Bitches sind back in Town (Foto: Wolfgang Schnier)

In den 1990er Jahren gab es eine kurze Debatte (und ich glaube, es war eine Wiederauflage einer Diskussion aus den 1968er Jahren), ob Punk beziehungsweise Protestsongs allgemein in der Lage sind, identitätsstiftend eine Gegenkultur zu formieren, um mit gemeinsam vereinbarten und verstandenen Codes und ständig wiederkehrenden Themen kohäsionsstiftend zu wirken, oder ob vielmehr die Musik Protestpotential bindet, kanalisiert und als eine Art Blitzableiter Kritik im vorpolitischen Raum absorbiert, bevor es politische Konsequenzen nach sich ziehen würde (siehe als Einstieg in diese Debatte den Beitrag Was ist ein Protestsong von Günther Jacob). Wenn man über Jugendkulturen in der BRD nachschlägt und sich Jugendbewegungen historisch ansieht, dann muss man beiden Positionen in gewisser Hinsicht recht geben: Musik wirkt identitätsstiftend, allerdings gilt das für jegliche Musik und für jegliche Altersstufe. Demgegenüber kanalisiert, bündelt, organisiert Punkmusik Protestpotential, bevor es politisch relevant wird. Einer der wenigen kurzen Momente, wo dies in reales politisches Handeln übersprang, war vermutlich während der Chaostage in Hannover 1995. Das nicht explizit ausformulierte Ziel der Chaostage, das halb bewusst im Hintergrund stand, zielte darauf, der liberal-demokratischen Gesellschaft eine autoritär-polizeistaatliche Reaktion aufzuzwingen, um deren „wahres Gesicht“ zum Vorschein zu bringen. Sieht man sich die Medienberichte von damals an, ist das auch 1995 mehr oder weniger gelungen. Dies geschah allerdings um den Preis der Aufgabe einer eigenen politischen Position. Durch monokausale Schuldzuweisungen wurde versucht, eine eigene Identität zu stiften, die eine radikale Selbstexklusion zur Folge hatte. Da man sich selbst bewusst außerhalb der gesellschaftlichen Debatten stellte, brauchte man erst gar nicht auf die Exklusionssemantiken der bürgerlichen Gesellschaft zu warten, sondern vollstreckte bereits selbst das, was man an der teilweise als „faschistoid“ apostrophierten liberal-demokratischen Gesellschaft dann anklagte. Die selbst vorgenommene Exklusion vollführte im Vorfeld bereits das, was man hinterher „der Gesellschaft“ vorwerfen wollte. Schließlich gab man dann dieser holistisch und nicht differenziert wahrgenommenen Gesellschaft die Verantwortung an der eigenen Situation: Die Gesellschaft ist schuld, das ich so bin. Dies war ungefähr das Selbstverständnis der Punks und Punkmusik in den späten 1980er und 1990er Jahren, und von heute aus betrachtet wirkt diese geistige Höhe etwas befremdlich. Löblich ist allerdings, dass wenigstens Wizo diese Position zu reflektieren scheinen und teilweise revidieren.

Dies soll kurz den Hintergrund vieler Bands darstellen, die in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren ihre Hochzeit hatten. Die Zeitumstände heute haben sich verändert ebenso wie die politischen und gesellschaftlichen Realitäten, die Jugendkulturen haben sich stark verändert und die Protagonisten sind älter geworden. Teilweise versuchen sie aber, textlich wie musikalisch an die Zeit von vor 10 oder gar 20 Jahren anzuknüpfen. Das wirkt ähnlich schräg wie es sich anhört. Das Publikum von damals ist in der bürgerlichen Welt angekommen, teilweise haben die Bands selbst in ihren bürgerlichen Berufen Karriere gemacht (Ärzte sind dabei, ebenso wie Lehrer). Wenn sich heute also wieder die Punker von gestern rülpelhaft aufführen wie vor 10 oder 20 Jahren, und bejubelt werden von einem Publikum quer durch alle Altersschichten, dann hat das zum einen etwas von Resozialisierung altgedienter Freizeitpunks, andererseits aber auch etwas von Folklore. Es gibt ja auch Freizeitparks und Hotels, die Armut, Not und Krisengebiet simulieren, für die die reichen Touristen viel Geld bezahlen. Daran musste ich jedenfalls hin und wieder denken.

aktuelles Kontrastprogramm
aktuelles Kontrastprogramm (Foto: Wolfgang Schnier)

Schaut man sich dagegen Punkbands der Gegenwart an, wie etwa Pascow oder Turbostaat, aber auch Marathonmann und Frau Potz, dann fallen ein anderer Habitus dieser eher jüngeren Bands auf (jünger im Sinne von: Hatten ihre Hochzeit nicht in den 1990er Jahren). Es scheint ein Standpunkt nach der Generation-X artikuliert zu werden, der nicht auf einen völligen Abbruch der Kommunikation mit der Mehrheitsgesellschaft zielt, sondern in vielen Texten das (melancholische) Hadern des Individuums mit der Gesellschaft, der Welt oder dem Leben zum Thema macht. Wenn Pascow feststellen: Die Zeit die mir fehlt ist das Geld das ich krieg, dann wird nicht nur eine sehr viel subtilere und feinfühligere Kritik am Zeitgeist artikuliert, sondern die eigene Position innerhalb der verwalteten Welt wird deutlich von der Position unterschieden, die die Punks der 1990er Jahre noch eingenommen hatten. Insgesamt scheint auch der Anspruch an die eigene künstlerische Darstellung höher zu sein, was die Texte und was die Musik angeht. Den Prollpunk mit den drei Akkorde zum Berauschen, bitterbösen Texten lauschen/Kulturbanausen lieben halt Lieder über Sex, Bier und Gewalt gibt es in der Form heute nicht mehr. Das ist die Sollbruchstelle zwischen den Generationen.

Nun geben die Bands von Gestern kein einheitliches Bild ab, sondern haben durchaus unterschiedliche Herangehensweisen an ihr Comeback. Teilweise sind sie ihrem alten Habitus verhaftet, teilweise versuchen sie, einen neuen Standpunkt, einen „Post-Generation-X Standpunkt“, zu formulieren. Allerdings tun sie das, indem sie an bekannte Elemente anknüpfen, diese aber teilweise variieren. Wenn zum Beispiel Hass davon singen, dass der Widerstand weiter gehe, weil die Bedingungen immer noch die selben seien wie damals, als „alles“ begann, dann ist das ein ähnlicher Topos wie die Frage von Wizo, wo überhaupt die ganze Wut hin sei. Der scheint bei Wizo allerdings in die Frage kanalisiert worden zu sein, wie und wo sich das Individuum im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit eigentlich befindet. Es ist eine selbstreflexivere Position, aber auch eine unsichere. Dagegen findet man bei Hass immer noch einen Strang des Punks, wie man ihn seit den Anfängen in den 1970er Jahren schon immer in unterschiedlicher Variation vorgefunden hat: Nämlich die faktische Selbstaufgabe eigenständiger Verantwortung angesichts der als totalitär-monolithisch wahrgenommenen Gesellschaft, der man radikal ablehnend gegenüber steht, und das daraus erwachsende individuelle Ohnmachtsgefühl mit der gleichzeitigen Klage über die Abgabe der eigenen Verantwortung:

Bei Wizo wie bei Hass hört man sehr deutlich, dass sie ihren musikalischen Wurzeln treu geblieben sind. Das ist bei Blackeyed Blonde ähnlich, allerdings ist die Weiterentwicklung, die in diesem Fall eine Verengung ist, sehr offensichtlich. Blackeyed Blonde waren in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ein Geheimtipp, die auch auf den damaligen Musiksendern eine feste Sendezeit hatten. Mit durchaus politischem Anspruch, wie etwa dem äußerst populären Lied gegen Polizeigewalt Kämpf oder ihrem Klassiker Boomerang (beide Lieder sind in Deutschland nicht ohne Proxy erreichbar, sind aber trotzdem online: Kämpf, Boomerang), begeisterten sie auch 17 Jahre nach ihrem letzten Auftritt ihre Fans, und es ist durchaus beachtlich, wie das Publikum sich nach wie vor angesprochen fühlt. Allerdings ist die Weiterentwicklung etwas paradox: Zum einen ist der musikalische Stil nicht mehr so verspielt und experimentell, was viele an ihrer Musik schätzten, sondern der musikalische Stil ist härter und aggressiver geworden, während gleichzeitig die Texte nicht mehr politisch und ernst sind, sondern fast ausnahmslos eine just for fun– Attitüde vermitteln:

Einen ganz ähnlichen Eindruck kann man von Pyogenesis bekommen, die sich überraschend zurückgemeldet haben. Auch hier scheint eine Einengung auf einen speziellen Aspekt des eigenen musikalischen Repertoires stattzufinden.

Pyogenesis haben kein neues Album angekündigt oder überraschend veröffentlicht, sondern ihr Debüt-EP aus dem Jahre 1994 erschien im Mai 2014 wieder in einer limitierten Neuauflage, die sofort ausverkauft war. Man darf gespannt sein, ob dies ein Hinweis auf die weitere musikalische Entwicklung sein wird: Zurück zu den Anfängen im Death-/Gothic Metal (das unterlegte Lied in dem Teaservideo ist Fade away von der ebenfalls 1994 veröffentlichten LP Sweet X-rated Nothings. Ein weiterer Hinweis auf ein back to the roots).

Die letzte Band, die sich ebenfalls zurückgemeldet haben, allerdings nur für einen Festivalsommer, das sind die Schröders. Auf Facebook fragten sie nach den beliebtesten Liedern, die sie dann auf den wenigen Konzerten spielen wollten. Es gab kaum Überraschungen bei den Wünschen der Fans, ganz oben dabei war eines ihrer erfolgreichsten Lieder:

Hass, Wizo, Schröders, Pyogenesis, Blackeyed Blonde. Vielleicht liegt es an der Luft in diesem Sommer, vielleicht ist aber die Zeit auch wieder reif für Bands aus früheren Jahren.

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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