Denk dir

Denk dir:
der Moorsoldat von Massada
bringt sich Heimat bei, aufs
unauslöschlichste,
wider
allen Dorn im Draht.

Denk dir:
die Augenlosen ohne Gestalt
führen dich frei durchs Gewühl, du
erstarkst und erstarkst.

Denk dir: deine
eigene Hand
hat dies wieder
ins Leben empor-
gelittene
Stück
bewohnbarer Erde
gehalten.

Denk dir:
das kam auf mich zu,
namenwach, handwach
für immer,
vom Unbestattbaren her.

 

 

Paul Celan hat dieses Gedicht zwischen dem 7. und 13.6.1967 unter dem unmittelbaren Eindruck des 6-Tage-Krieges geschrieben, bei dem Israel gegen seine arabischen Nachbarn kämpfte. Das Moorsoldatenlied war Celan durch Eugen Kogons Buch Der SS-Staat bekannt. Massada war der letzte jüdische Stützpunkt im Kampf gegen die Römer, die Festung fiel im Jahre 73 n. Chr.

Bemerkenswert ist hier, unter anderem natürlich, die breite zeitliche Spanne, die von der jüdischen Selbstverteidigung gegen die Römer bis zu den Überlebenskämpfen des jüdischen Staates in der Gegenwart reicht. Israel ist dabei eine der wenigen manifesten Konsequenzen aus der Shoah und dem Zweiten Weltkrieg. Die Tage musste ich an Broder denken: Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen:

Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen
Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen

Das Gedicht ist das letzte Gedicht in dem Gedichtband Fadensonnen, Celans  Frau Gisèle Lestrange berichtete, dass ihm das Gedicht besonders am Herzen lag.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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