Ich werde immer nachlässiger, das Embargo immer schlüpfriger. Dieses Buch stammt allerdings aus einem gut sortierten Antiquariat und war sehr günstig.

Hans Mayer beschäftigt sich in diesem Standardwerk aus dem Jahre 1975 mit literarischen Außenseitern: Frauen, Homosexuelle, Juden. An den Beispielen von Judith und Dalila, Sodom und Shylock greift er eine große Breite der Kulturgeschichte auf, um seine Eingangsthese zu untermauern: „Dieses Buch geht von der Behauptung aus, daß die bürgerliche Aufklärung gescheitert ist.“ 1975 war dies noch eine provokantere These als heute.

Zum Thema Shylock bemerkt Hans Mayer:

Allein der Ewige Jude meint niemals den einzelnen Juden. Er steht für ein theologisches Schicksal, nicht für irgendeine jüdische Singularexistenz. Daher ist Ahasver kein Ärgernis, nicht einmal in einem eschatologischen Verstande. Ärgernis setzt den voraus, der es gilt. Das impliziert Einzelexistenz in Zeit und Raum: auf dem Rialto, unter den Palmen des weisen Nathan, als Führer der Tories im Unterhaus, im Jockeyclub, als jüdischer Reichsaußenminister. Phänotyp für die gescheiterte jüdische Emanzipation ist nicht der unsterbliche Ahasverus, sondern die Kunstfigur eines Dramatikers: Shylock, der Mann ohne Vornamen, der Jude von Venedig.

Auch hat er ein interessantes Kapitel zu dem Thema Judenhaß nach Auschwitz. Hier liest man die interessante Position, die nicht an Aktualität verloren hat:

Umgekehrt ist eine von der Genese her progressive Weltmacht als solche leicht geneigt, Freiheit und Schutz der Außenseiter den Realinteressen zu opfern. ‚Nicht erst das antisemitische Ticket ist antisemitisch, sonder die Ticketmentalität überhaupt.‘ Denkt man diese These jedoch zu Ende, so wird sich jede Ticketmentalität, die nicht mehr Aufklärung repräsentiert, sondern deren Abschaffung notfalls einzukalkulieren hat, zu gegebener Zeit ebenso des Judenhasses zu bedienen suchen und bedienen, wie die Leute von gegnerischen Ticket.
Das ist unsere Wahrheit heute und hier. Wer den ‚Zionismus‘ angreift, aber beileibe nichts gegen die ‚Juden‘ sagen möchte, macht sich oder andern etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhaß von einst und von jeher. Wie sehr das auch am Wechselspiel der Außenpolitik und der Innenpolitik beobachtet werden kann, zeigt die Innenpolitik der dezidiert antizionistischen Staaten: sie wird ihre jüdischen Bürger im Innern virtuell als ‚Zionisten‘ verstehen und entsprechend traktieren.

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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