Manchmal muss man sich ein besonderes Buch gönnen. Eines von der Sorte, wie man es sich höchstens nur einmal in einem Jahr kauft. Jetzt war es bei mir soweit: Ich habe mir die Odyssee in der Neuübersetzung von Kurt Steinmann als Hörbuch und die dazugehörige bibliophile Sonderedition gekauft.

Foto: Wolfgang Schnier

Foto: Wolfgang Schnier

Die Neuübersetzung ist, soweit ich das bereits überblicke, sehr gelungen. Steinmann baut in seiner Übersetzung den griechischen Hexameter nach, was die Übersetzung näher an das Original rückt als etwa die Prosaübersetzung von Wolfgang Schadewaldt aus dem Jahr 1958. Die Übersetzung von Johann Heinrich Voß hat man gewiss noch in den Ohren, vor allem aber wohl wegen der heute etwas scheppernden deutschen Sprache. Kein Wunder, hat diese Übersetzung schon einige Jahre auf dem Buckel, sie erschien 1781. Wichtig jedenfalls war mir eine aktuelle Sprache, die man heute gerne hört und liest.

Zu Christian Brückner als Sprecher der Hörbuchversion muss man nicht viele Worte verlieren. Er ist aus zahlreichen Produktionen bekannt durch seine markante Stimme und seine angenehme Art zu sprechen. Wer die Stimme nicht in den Ohren hat, kann hier kurz in die Odyssee hineinhören. Ich habe erst die ersten Gesänge gehört und mitgelesen, Brückner ist sehr textnah und sein Vortragsstil ist sehr emphatisch. Es macht Spaß zuzuhören und dem Fortgang zu folgen.

Foto: Wolfgang Schnier

Menschen, die nicht auditiv sind, so wie ich, denen ist mit einem Hörbuch alleine nicht gedient. Wir werden müde beim Zuhören, weil es so anstrengend ist, die meisten Vorleser lesen viel zu schnell, aber würden sie noch langsamer lesen, es wäre noch langweiliger. Ich versuchte einmal, längere Fahrten mit dem Auto mit Hörbüchern zu versüßen, allein, es ging nicht, es war so anstrengend, mich überfiel eine unglaubliche Müdigkeit. Aber wenn ich gleichzeitig mitlesen kann, dann ist es wieder angenehm: Ich lese die Worte in der gleichen Geschwindigkeit mit dem Vorlesetext mit und kann mich endlich auch an dem schönen Vortragsstil erfreuen.

Foto: Wolfgang Schnier

Ein Wort vielleicht zur Odyssee selbst. Das interessante an den Homerischen Epen ist der Umstand, dass sie an der Schnittstelle zwischen Mythos und Aufklärung, zwischen Vorgeschichte und Geschichtsschreibung stehen. Die Ilias berichtet in einer anregenden Mischung vom Ratschlag der Götter und dem Kampf um Troja und vermischt somit historisches Faktum mit mythischer Erklärung. Die Odyssee berichtet von den Auseinandersetzungen des Menschen mit den (mythisch konnotierten) Naturkräften und der Anwendung der Ratio als Mittel der Unterwerfung der Natur. Mit Homer tritt nun der Okzident das erste Mal fassbar in Erscheinung. Und es findet nicht zuletzt ein Medienwechsel statt: War vorher die mündliche Tradition vorherrschend, so steht Homer am Beginn der schriftlichen Tradition der abendländischen Kultur.

Ich habe hier die 2007 erschienene Schmuckausgabe aus dem Manesse Verlag erworben, die leider nur noch antiquarisch zu erhalten ist. Ich hatte das Glück noch günstig an ein neues Exemplar zu kommen. Sich bei den üblichen Verdächtigen umschauen lohnt sich. Die weitaus günstigere Ausgabe für gut 30 Euro aus dem gleichen Verlag hatte ich auch zur Ansicht hier, sie ist ebenfalls sehr empfehlenswert und zudem lieferbar.

Alles in allem eine Anschaffung für lange Winterabende. Aber ob ich so lange warten kann?

——————————————-

Homer: Odyssee. Ins Deutsche übersetzt von Kurt Steinmann, mit Illustrationen von Anton Christian. Manesse Verlag 2007, 448 Seiten. ISBN: 3717590200. 

Christian Brückner liest: Homer Odyssee. Ein Weltgedicht. Deutsche Übersetzung von Kurt Steinmann, Illustrationen von Anton Christian. Ungekürzte Lesung. Laufzeit ca. 16 Stunden 53 Minuten. Parlando Verlag 2008, 13 CDs. ISBN: 394100400.  49,95 €.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

6 Kommentare

  1. Da hast Du eine schöne Anschaffung gemacht, Glückwunsch! Ich war leider zu geizig, da ich zur Zeit des Erscheinens gerade eine neue Odysee + Illias in der Voß-Übersetzung gekauft hatte. Jetzt stinkt mir das, angesichts Deiner Beschreibung…

    1. Ja, es ist wirklich eine sehr schöne Ausgabe und eine sehr gute Übersetzung. Jetzt muss man wirklich Glück haben um das Buch noch zu einem vernünftigen Preis zu bekommen. Allerdings hat mir die Ausgabe für knapp 30 € auch gut gefallen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s