Es ist eigentlich keine bewusste Selbstgehässigkeit von mir, Zeitungen in einem Abstand von zwei Jahren zu lesen. Manchmal bleibt aber eine Zeitung einfach liegen. Und zwei Jahre später hat sie wieder einen Reiz gewonnen, der so überhaupt nicht beabsichtigt gewesen ist: Sie steht außerhalb der Kräuselung des Alltags, das oberflächliche Auf und Ab des Tages, vieles, wenn nicht das meiste, ist nämlich belanglos geworden. Eine Ebene tiefer allerdings wird es interessant: Was ist von den Entwicklungen von vor zwei Jahren noch geblieben? In welchem Lichte stehen die Dinge von vor zwei Jahren? Ich würde jedem einmal dieses Experiment empfehlen: Eine Tages- oder Wochenzeitung in einem Abstand von zwei Jahren wieder in die Hand zu nehmen.

Aber das nur nebenbei. In meiner heutigen Zeitung von vor zwei Jahren war etwas Bleibendes. Und zwar eine Stilkunde in 20 Lektionen, angereichert mit Beiträgen von mehr oder weniger bekannten und mehr oder weniger interessanten Schreiberlingen.

Foto: Wolfgang Schnier

Jetzt möchte man meinen: Was gibt es da denn eigentlich noch Neues zu erzählen? Das hat man doch alles schon tausendmal gelesen, gehört, inhaliert, seziert und dann dem Nächstbesten mit den eigenen Worten im schlimmsten Falle vor die Füße gekotzt. Nein, keine Angst: Das mache ich jetzt nicht. Ich wollte nur sagen, wenn zufällig diese Zeitung noch irgendwo herumliegt (67.Jahrgang, Nr. 20, Mai 2012), es lohnt sich noch ein Blick hinein. Ja, die Lektionen sind pedantisch, besserwisserisch und mit einem Duktus geschrieben: Hier ist die Fackel der Weisheit, erleuchte dein dummes Haupt damit. Bastian Sick wird auch (mindestens) einmal genannt, dieser deutsche Oberlehrer, nach dem niemand mehr so richtig Lust aufs Schreiben hatte (2006 wusste man übrigens schon: Der Zwiebelfisch stinkt vom Kopf her). Aber ein paar Dinge werden doch gut angesprochen in diesen 20 Lektionen, weil: Sie werden auf kurzem Raum zusammengefasst. Vieles kennt man schon von Mark Twain und seinem Resümee über die deutsche Sprache. Auch kann man diese 20 Lektionen in ganze Bücher wie mit dem Nudelholz ausbreiten. Besser macht es das aber auch nicht. Dann doch lieber knapp und würzig. Das gelingt auch deshalb, weil die Zielgruppe sehr breit gestreut ist, die diese kleine Zeitung in der Zeitung erreichen will (beziehungsweise wollte), sodass sich jede/r etwas abschneiden kann, ohne dass auf irgendwelche Spezialinteressen eingegangen werden muss, was auch nicht mehr erhellen würde, sondern den Text nur weiter aufblähte. Angereichert werden die Beiträge dann noch durch Kurzpotraits deutscher Schriftsteller und Meister des Wortes (weder Büchner oder Hölderlin, dafür aber neben anderen Nietzsche, Kleist und Kafka), die die einzelnen Lektionen durch klug gewählte Beispiele umrahmen.

Ja, ich weiß, es ist etwas schräg über eine Beilage einer Wochenzeitung von vor zwei Jahren zu schreiben. Aber damit lässt sich sehr schön etwas demonstrieren, was in diese 20 Lektionen nicht so recht hineingepasst hat: Ein guter Stil ist nicht durch Worte allein zu finden. Zum guten persönlichen Stil gehört auch noch etwas anderes: Das Thema, der Stoff, das Fleisch um das es geht. Und deshalb schreibe ich über eine Beilage einer Wochenzeitung von vor zwei Jahren: Weil ich es kann (und Du nicht) und weil es sonst niemand macht. Ätsch.

Eine Zeitung kann man sich auch zu einem bestimmten Ereignis aufheben: Der runde Geburtstag, der Hochzeitstag, Pfingsten, Neujahr, was auch immer. Der Aha-Effekt ein paar Jahre später ist gewiss. Es ist etwa so wie mit dem Eichhörnchen und den Nüssen: Irgendwann hat man die Zeitung schon ganz vergessen, aber man freut sich doch sofort, wenn sie einem dann doch wieder in die Hände fällt. Anders als die Nuss sollte man die Zeitung allerdings nicht im Garten vergraben, sondern vielleicht dezent in den Stapel bereits archivierter Zeitungsartikel mogeln.

Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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7 Kommentare

  1. Kompliment – auch ohne die Nudelholz-Tipps der „Schreiberlinge“ oder Wiedervorlage einer Zeitungsbeilage zum Thema Sprachstil: Dieser Beitrag ist sehr schön geschrieben…besonders dort, wo er bissig wird. Bastian Sick, ach herrjemine…

  2. Sofern ich einen Wunsch äußern dürfte: Bitte das Thema „Persönlicher Stil“ mit dem Nudelholz bearbeiten. Alte Zeitungen sind auch sehr nützlich bei Umzügen. Oder bei Verkaufsfahrten zu Flohmärkten. Oder in Vogelkäfigen direkt unter dem Streusand.

    1. Vielen Dank! Ich würde allerdings davon absehen, eine Zeitung zwei Jahre lang in einem Vogelkäfig aufzuheben, um sie danach wieder hervorzukramen. Dann muss man sie tatsächlich mit dem Nudelholz lesen!

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