Heute ist der 133. Geburtstag von Victor Klemperer. Zu seinem 60. Geburtstag 1941 notiert er in seinem Tagebuch: „60 Jahre. Veillard. Ich habe nie so recht geglaubt, den Tag zu erleben, seit Berthold und Wally es auf nur 59 gebracht haben. Ich erlebe ihn in sehr bedrückter Stimmung. In normalen Zeiten wären mir Ehrungen zuteil geworden, jetzt trage ich den Davidstern.“ Und ein paar Zeilen später heißt es: „Ich bin froh, daß dieser Sechzigste zu Ende geht, morgen ist wieder Alltag. Ich will es als günstige Schicksalsfügung, als Stoff für mein Curriculum, als Bereicherung nehmen, daß ich all diese Schmach an Ort und Stelle erlebe.“

In seinen Tagebüchern lassen sich minutiös die Stationen des Terrors nachvollziehen, die er unter Lebensgefahr notiert. Er führt beinahe Tag für Tag Protokoll des nationalsozialistischen Alltags. Victor Klemperer überlebt in Dresden, die alliierten Bombenangriffe vom 13. Februar 1945 retten ihm das Leben vor der drohenden Deportation.

Foto: Wolfgang Schnier

Seine Tagebücher sind heute ein wichtiges Zeitdokument über das (Über-)Leben im nationalsozialistischen Deutschland. Victor Klemperer hatte eine ganz eigene Sicht und ein geschärftes Auge auf die Verhältnisse um ihn herum. Die Tagebücher, die er unter Lebensgefahr heimlich schrieb und die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurden, geben ein erschütterndes Bild wieder. Das Destillat aus seinen Notizen ist die weitaus berühmter gewordene LTI, die heute noch in vielen Bereichen maßgeblich ist bei der Beschäftigung mit der Sprache im Nationalsozialismus – sie ist freilich nicht mehr der aktuelle Stand der Forschung, sondern vielmehr ihr Beginn. Neuere Forschung wie etwa von Cornelia Schmitz-Berning (Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin 1998) oder das Standardwerk von Utz Maas („Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand“. Sprache im Nationalsozialismus. Versuch einer historischen Argumentationsanalyse. Opladen 1984) bauen letztlich auf die Vorarbeiten von Klemperer und auch Sternberger auf.

Während man seine Lingua Tertii Imperii heute eher aus philologischem Interesse zur Hand nimmt, als ehrenwertes Dokument der linguistischen Wissenschaft (nichtsdestotrotz überaus erhellend und auch für Nichtphilologen absolut empfehlenswert!), so greifen seine Tagebücher weit tiefer. Seine privaten Ansichten und Beobachtungen haben oft auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Sie laden ein, sich selbst in den Zeilen wiederzufinden. Sie regen manchmal zum Widerspruch an, öfters aber zu energischer Zustimmung. Wer würde zum Beispiel behaupten können, die folgende Beobachtung nicht auch selbst schon gemacht haben? Nur – wer hat es aufgeschrieben? Es war eben Victor Klemperer am 15.12.1933, am Vorabend des endgültigen Schreckens:

Ich war heute in Dorf Dölzschen irgendein Schreiben im Rathaus abgeben und bei demselben ‘Bauer Fischer’, der uns das Land umgepflügt hat, Stroh für den Schacht der Wasserleitung bestellen. Prachtvoll die verschneiten glatten Felder, der Nebel in der Ferne und Tiefe, auch über der Hochebene, aber darüber der blaue Himmel. Irgendwie erinnerten mich die weißen Felder an Winterspaziergänge 1901 in Landsberg während meiner Primanerzeit. Damals war ich tief bedrückt, weil ich mich exiliert fühlte und das Abitur fürchtete. Jetzt kommen mir die Sorgen von damals kindisch vor. Sie haben mich aber damals nicht anders beschwert als heute die heutigen. Ob mir auch diese einmal klein erscheinen werden?

Seine Beobachtungen sind feinfühlig, fast filigran. Aber sie sind nie überzogen. Victor Klemperer registriert mit immer größer werdendem Kopfschütteln die Geschehnisse um ihn herum, und das ohne sich intellektuell aus der Ruhe bringen zu lassen. Ich denke, das ist die Besonderheit seiner Tagebücher und das ist der bleibende Wert seiner Betrachtungen. Victor Klemperer legt als unmittelbar Betroffener, als Todeskandidat, auf den das Fallbeil jede Minute hinabfallen kann, ein moralisches Zeugnis ab von einer Zeit der Amoralität. Das unterscheidet ihn von denen, die ähnliche Notizen anfertigten, die aber fliehen konnten und auch von denen, die sich in die innere Emigration begaben.

Man kann heute sehr viel über die nationalsozialistischen Zeit lesen. Mit Victor Klemperer können wir einen direkten Blick in diese Zeit werfen.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Danke fürs Erinnern…immer wieder nehme ich die Tagebücher Klemperers zur Hand. Sie sind ein Zeitdokument, das bis heute nachwirkt und erschüttert. Kennst Du auch die mehrteilige Fernsehverfilmung mit Matthias Habicht?

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