Die digitale Umwälzung unseres Lebensalltages hinterlässt auf sehr verschiedenen Ebenen sehr unterschiedliche Spuren. Diese vielfältigen Aspekte werden seit Jahren kommentierend begleitet. Und auch im Moment in einer Phase, in der die Schattenseiten der digitalen Revolution immer deutlicher vor Augen treten, befassen sich sehr unterschiedliche Bücher mit diesem Themenkomplex. Die verschiedenen Ansätze und Herangehensweisen schließen sich aber nicht aus, sondern ergänzen sich zum Teil hervorragend. Zeit also, sich einmal drei aktuelle Bücher näher anzusehen.

Utopien und Dystopien haben in der Literaturgeschichte eine lange Tradition. Sie haben den Reiz eine entweder positiv oder negativ konnotierte Verlängerung der eigenen Wirklichkeit zu suggerieren. Vermutlich eine der letzten bedeutenden erzählten Dystopien war Brave New World von Aldous Huxley aus dem Jahre 1932. Huxley spielte mit einer Zukunftsvision, die auf einer subtilen Art suggerierte: Die Menschen in der Zukunft hinterfragen womöglich diese dystopischen Zustände nicht, da sie nichts anderes mehr gewohnt sind und es als eine beinahe naturgesetzmäßige Konstellation ansehen. In dieser geistigen Haltung hat Huxley seine Zukunft als unsere Gegenwart in der Tat voraus gesehen. Es ist daher auch kein Wunder, dass der Reiz von heutigen Dystopien eher in einer Gegenwartsbeschreibung liegt: Bestimmte Aspekte der gesellschaftlichen Verhältnisse werden vor allem von ihren Gefahren her gesehen und beschrieben. Auch das ist eine bekannte Tradition. Mal waren es die schlesischen Weber, mal waren es die Arbeitsbedingungen in England, die industrielle Revolution beschäftigte ebenso fiktionale wie nichtfiktionale Literatur. Und ebenso ist es mit der digitalen Revolution heutzutage. Die Dystopien müssen nicht weit ausholen, sie können in unserem Alltag ansetzen und uns deutlich vor Augen führen was der Stand der Dinge ist. Das Internet und die Schöne Neue Welt, die damit zusammen hängt, haben längst ihre Unschuld verloren. Bereits vor Jahren warnten Ilija Trojanow und Juli Zeh eindringlich vor der Preisgabe all unserer persönlichen Daten und erzählten uns von dem Missbrauch durch staatliche und private Institutionen. Allein, es interessierte niemanden. Und auch in der Post-Snowden-Welt scheint es nur eine kleine interessierte Öffentlichkeit zu geben, die einer ohnmächtigen und überforderten Mehrheit gegenüber steht. Die digitale Krise heute ist eine Krise der Zivilgesellschaft: Die Politik steht einer Aufklärung und einem gesellschaftlichen Fortschritt mehr im Wege als eine Hilfe zu sein und der alte Motor des gesellschaftlichen Fortschritts der Moderne, eine kompetente und kritische Medienöffentlichkeit und die Intellektuellen, haben ihre gesellschaftliche Rolle an die Welt des Boulevards und an die Werbung abgegeben. Diese Entwicklung lässt sich seit den 1990er Jahren beobachten und sie verläuft parallel mit der technischen Entwicklung der digitalen Revolution.

Wenn man heute in der fiktionalen wie nichtfiktionalen Literatur dystopischen Gegenwartsbeschreibungen nachgeht, so fällt auf, dass sie meist einen gesellschaftlichen Aspekt, nämlich den der digitalen Kolonisierung des Alltags, isoliert betrachten von anderen gesellschaftlichen Phänomenen, mit denen sie zusammenhängen, wie etwa der neoliberalen Kommerzialisierung des Sozialen, Privaten, Intimen und Persönlichen. Man kann diese mangelnde Analysefähigkeit mit politischer Naivität erklären, oft findet eine Fokussierung aber auch bewusst statt, entweder als eine politisch motivierte Entscheidung, oder, vermutlich häufiger, um sich nicht zu verzetteln und den Schwerpunkt und das eigentliche Thema nicht aus den Augen zu verlieren. Aber dadurch entsteht ein seltsamer Zuschnitt der Realität, weil suggeriert wird, man könne diesen einen Bereich isoliert betrachten und bräuchte nur eine Stellschraube zu drehen und schon wäre es gut. Es wird suggeriert, die politischen Entscheidungsträger wären nur nicht gut genug informiert und wären sie es, sie würden die Missstände „sofort“ abstellen. Davon abgesehen, dass dies eine bedenkliche Art des obrigkeitsstaatlichen Opportunismus ist, geht diese naive Annahme an der Realität vorbei: Die politischen Entscheidungsträger haben meist kein Interesse daran, die gesellschaftlichen Realitäten zu ändern, da sie wissen, dass das eine mit dem anderen Hand in Hand geht und grundsätzlichere und umfangreiche Änderungen notwendig wären, die aber im Gesamten nicht gewollt sind. Damit wird die Politik Teil des Problems.

Dies soll als eine kurze Vorbemerkung vorangestellt werden, um den Rahmen zu skizzieren, innerhalb dessen die vorgestellten Bücher angesiedelt sind. Teilweise lassen sie erkennen, dass sie aus diesem Rahmen herausfallen, teilweise bestätigen sie ihn aber bemerkenswert genau. Auf den ersten Blick scheinen sie unterschiedliche Bereiche abzudecken und unterschiedliche Ansätze zu verfolgen. Sie ergänzen sich allerdings in der Frage, inwiefern die Digitalisierung zu technischen und gesellschaftlichen Veränderungen nahezu aller Lebensbereiche in der westlichen Welt geführt hat. Diese Art von Analysen und Darstellungen findet sich alle Jahre wieder, aktualisiert und jeweils andere Facetten betonend. Wieso diese drei Bücher trotzdem lesenswert sind, will ich im Folgenden kurz darstellen.

Das Buch von Markus Morgenroth beschäftigt sich vor allem mit der Kommerzialisierung der persönlichen Daten. Wir produzieren jeden Tag Unmengen an Daten: Das Navigationsgerät im Auto meldet dem Hersteller, wo wir welche Geschwindigkeit fahren und dieser gibt die Daten „anonymisiert“ an die Behörden weiter, die dann wiederum an den Stellen, an denen viele Autofahrer zu schnell fahren, Blitzer aufstellen. Videokameras in Supermärkten filmen die Kunden nicht mehr nur, um Diebstähle aufzuklären, sondern um herauszufinden, welchen gesellschaftlichen Status und damit welche Kaufkraft die Kundschaft hat. Wir bezahlen mit EC- und Kreditkarte, wir benutzen Kunden- und Rabattkarten, die detailliert Auskunft über unser Kaufverhalten geben. Diese Daten werden tagtäglich über uns gesammelt und zu einem Profil zusammengestellt, um uns ausgeklügelte Werbung zu präsentieren oder um unsere Kreditwürdigkeit festzustellen. Kurz, das Buch ist eine einzige Sammlung von Beispielen, wie unser Alltag mittlerweile kolonisiert, kommerzialisiert und unsere persönlichen und intimen Daten vermarktet und verkauft werden. Diese Entwicklung konnte man in den letzten Jahren sehr viel unaufgeregter verfolgen – wenn man denn wollte. Der Unterschied zur Post-Snowden-Welt ist vor allen Dingen darin zu sehen, dass das Problembewusstsein bei Menschen geregt wurde, die sich vorher nicht dafür interessierten. Und darauf zielt das Buch letztlich ab: Diejenigen zu informieren, die aufgeschreckt wurden und denen bewusst geworden ist, das ihre Daten ein begehrtes Objekt sind.

Das Buch ist populär geschrieben, hat aber Nachweise und führt die Belege über Endnoten. Diese sind größtenteils Internetressourcen, die zur weiteren Recherche einladen. Außerdem merkt man, dass es für ein deutsches Publikum geschrieben ist. Es bedient sich der German Angst, spielt mit ihr, schürt sie und greift in den Erwartungsmustern auf diese zurück. Wenn man sich dessen bewusst ist, fällt es schwer, die Aufmerksamkeit davon weg zu führen, unbedarften Leserinnen und Lesern dürfte dies jedoch ansprechen und in ihrer Mentalität bestätigen. Es führt oft zu dem Eindruck, dass das Buch nicht nur populär, sondern auch reißerisch, fast schon marktschreierisch geschrieben ist. Damit richtet es sich an den Boulevard aus. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass das Buch oft mit Suggestionen und leider auch Übertreibungen arbeitet. Zum Beispiel wird suggeriert, dass Ärzte und Apotheker Datensammlern die Daten auf den Rezepten und die dazugehörigen Diagnosen verkauften. Dies wird angedeutet durch die Kapitelüberschrift „Vertrauen Sie weder Ihrem Arzt noch Ihrem Apotheker“. Das kurze Kapitel bringt dann lediglich ein Beispiel aus den USA, wo eine Familie keine Krankenversicherung bekommen hat, weil die Versicherungsgesellschaft in einer speziellen Datenbank die Rezepte der Eheleute recherchiert hatte. Woher die Daten für diese Datenbank kommen, bleibt unklar, nur die Überschrift deutet dies an. Überhaupt, die USA: Gefühlt etwa die Hälfte der zahlreichen Beispiele sind aus den USA gewählt. So sehr das vielfach durchaus eine Möglichkeit sein kann, um zu sehen, wohin auch bei uns die Reise geht, so sehr gibt es da allerdings nach wie vor einen gewaltigen Unterschied, der wohl auch in absehbarer Zeit nicht so ohne Weiteres aufgehoben werden wird. Allerdings wird auch der Fall eines Versicherungskonzerns in Deutschland erwähnt, der sich etwas versteckt und nicht sofort ersichtlich die Einverständniserklärung seiner Kunden eingeholt hat, um die  sensiblen Versicherungsdaten weiterverkaufen zu dürfen. Das Buch hat also seine Meriten, ist aber nicht gerade ein unaufgeregter Debattenbeitrag. Das zeigt bereits der Titel des Buches an. Er macht gleich mehrere Dinge deutlich:

a) wer die angesprochene Zielgruppe ist,
b) das Niveau, auf dem argumentiert wird und
c) die Kernthesen, die dann in zahllosen Beispielen ausgeführt werden.

Nicht zuletzt ist das Buch aber empfehlenswert, auch weil sich ein umfangreicher Teil den Abwehrmaßnahmen und Gegenstrategien widmet. Hier wird aber hauptsächlich Wert gelegt auf die Internetsicherheit und Anonymität, sofern dies noch möglich ist. Allerdings wird hier weder das TOR-Netzwerk erwähnt, das einem anonymes Surfen ermöglicht, noch werden offensiv gewisse Verhaltensweisen im ganz gewöhnlichen Alltag problematisiert, die einen erst in die Fänge der jeweiligen Konzerne treiben. So ist bereits jede Verkäufer-Kunde-Beziehung von Anfang an darauf ausgelegt, den Kunden einzulullen und für das jeweilige Geschäft, Konsumprodukt oder Dienstleistung einzunehmen. Ein anderes Interesse haben letztlich gewinnorientierte Unternehmen nicht und wem das nicht klar ist, der sollte sich einmal überlegen, in welcher Wirtschaftsordnung wir uns eigentlich heutzutage befinden. Wenn man aber dieses emotionale Geschäft-Kunde-Verhältnis für sich bereits in Frage stellt, die eigene Stellung in diesem System reflektiert, dann möchte man von sich aus keine Rabattmarken, Kundenkarten, Treuepunkte und all die anderen Marketinginstrumente mehr haben. Und damit wäre man schon jede Menge Ärger los. Das Buch spricht das schon an, aber defensiv und apolitisch, was sehr seltsam wirkt angesichts des sonst eher marktschreierischen Tonfalls. Aber vielleicht ist das auch gerade ein Weg, die Menschen zu erreichen.

Ich will den Inhalt von Dave Eggers Roman nicht im Detail nacherzählen, zumal es bereits eine sehr große mediale Aufmerksamkeit erfahren hat, für eine erste Orientierung über den Inhalt kann man sich aber hier informieren. Mein Eindruck von diesem Buch ist zwiespältig. Einerseits spricht es die realen Gefahren unserer digitalen Welt sehr treffend an, andererseits verallgemeinert und simplifiziert das Buch an vielen entscheidenden Stellen. Einerseits wird ein düsteres Bild des digitalen Lebens gezeichnet, andererseits stehen wir mit einem Bein bereits mitten in dieser Welt. Das Buch ist von Anfang an anspielungsreich, das allerdings eher auf einer bereits zu Genüge strapazierten metaphorischen Ebene. Überall werden die gläsernen Wände der Konzernzentrale erwähnt, teilweise ausgestattet mit gläsernem Fußboden, die „Fallhöhe“ zwischen herkömmlichen Unternehmen und Behörden (am Beispiel Stadtwerke) und hypermodernem Internetkonzern wird besonders am Anfang überstrapaziert. Sprachlich ist das Buch auch sonst nicht besonders innovativ, die Charaktere sind eher blass gezeichnet und hin und wieder wird ein auktorialer Erzähler angedeutet, aber ansonsten rein personal erzählt. Auch hat man den Eindruck, dass Eggers ein wenig die Relationen nicht parat hatte, oder von der Realität schon überholt wurde: Dieser Konzern, der die Geschäftsfelder von Facebook, Google, Apple und Twitter übernommen haben soll, startete an die Börse mit 3 Milliarden Dollar. Dies wird als „beispiellos“ bezeichnet. In der Realität hatte Facebook bei Börsenstart bereits einen Wert von 104 Milliarden Dollar. Google ist momentan etwa 400 Milliarden Dollar wert. Das ist mehr als die fünf größten Daxkonzerne zusammen. Vielleicht ist das nur ein Detail, aber wenn es einem auffällt, dann ist es ungefähr so stimmungsvoll wie weiße Tennissocken im Bett.

Allerdings ist das Buch am Puls der Zeit, es greift Ängste und Sorgen der westlichen Zivilisation auf, die endgültig auch die Schattenseiten der digitalen Revolution nicht mehr ignorieren kann: Das Internet hat seine Unschuld verloren und eine eigentümliche Dialektik zwischen grenzenloser Konnektivität und grenzenloser Überwachung wurde offenbar. Dies zu artikulieren ist der Verdienst dieses Romans, das lässt auch darüber hinweg sehen, dass man über weite Strecken den Eindruck hat, dass hier mit heißer Nadel gestrickt worden ist. Letztlich ist die Atmosphäre aber sehr dicht, die gesellschaftlichen Konsequenzen in der darstellenden Form plastisch dargestellt. Somit bietet der Roman ein hohes Maß an Identifikationspotential an, und ein Blick in die Internetkommentare zeigt, dass es Menschen gibt, die sich nach der Lektüre aus den sozialen Netzwerken zurückgezogen haben. Freilich, die Reaktion auf den Werther hatte eine andere Qualität. Aber das war auch eine andere Zeit.

Das Buch von Jonathan Crary nimmt nun die Perspektive ein, die man bei den anderen Büchern vermisst: Es vermittelt eine Analyse von den digitalen Umwälzungen unserer Lebensbereiche, und das ist nahezu das gesamte moderne Leben, es betrifft nämlich mittlerweile auch unseren Schlaf. Kaum jemandem ist bewusst, dass die Menschen in der westlichen Hemisphäre vor 100 Jahren noch rund 10 Stunden und mehr pro Tag schliefen. Natürlich hatte das auch mit den zur Verfügung stehenden Lichtverhältnissen zu tun, aber auch das zeigt, inwiefern der Technikfortschritt unser Leben bis heute kolonisiert hat: Die Menschen heute schlafen durchschnittlich nur noch sechseinhalb Stunden am Tag. Die so gewonnene aktive Lebenszeit wurde in den meisten Fällen durch die Arbeitssphäre okkupiert. Wir sind aktiver, produktiver, flexibler und leistungsfähiger geworden. Crary führt eindrückliche Beispiele aus der Forschung auf, inwiefern der Versuch unternommen wird, die biologisch benötigte Zeit des Schlafens immer weiter zu reduzieren, nicht zuletzt hat das Militär daran ein großes Interesse. Dabei geht es, um ein Detail zu nennen, mittlerweile nicht mehr darum, die mögliche Zeit des Wachseins zu verlängern (das tat man ab dem Ersten Weltkrieg mit unterschiedlichen Drogen mit eher mäßigem Erfolg), sondern man versucht das Schlafbedürfnis selbst zu reduzieren. Gesellschaftlicher Ausdruck dieser Umwälzung ist eine veränderte Produktions- und Konsumkultur in der westlichen Welt: Die 24/7 Taktung suggeriert eine ständige Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen, von Arbeitskapazitäten und Produktionsmöglichkeiten. Das moderne Leben ist mittlerweile vielfach auf diese neue Taktung ausgerichtet. Crary hält dies für die eigentliche revolutionäre Umwälzung der letzten 20 Jahre. Und in der Tat: Beim aktuellen Stand des Immergleichen gibt es immer wieder graduelle Änderungen und technische „Revolutionen“, die auch vielfach unser alltägliches Leben verändert haben und mehr oder weniger bestimmend geworden sind. Die Globalisierung hat vielfach zu einer Synchronität der Lebensbereiche sehr unterschiedlicher Menschen und Kulturen in den unterschiedlichsten Zeitzonen geführt. Das Internet ermöglicht uns einen ständigen Austausch von Informationen in Echtzeit. Dennoch: Der eigentlich „revolutionäre“ Beginn dieser Synchronität war die Einführung eines einheitlichen Fernsehprogramms in den 1950er und 1960er Jahren und die Umstellung auf das 24/7 Programm auch nachts in den 1980er Jahren. Dieser Prozess wurde immer weiter ausgeweitet und optimiert. Was nun in der jüngsten Vergangenheit neu dazu kam ist die aktivere Partizipation des Konsumenten. Aber das nur am Rande: Crary geht es darum, dass die neoliberale Globalisierung mittlerweile einen Punkt erreicht hat, wo die Kolonisierung und Inwertsetzung des Alltags so weit fortgeschritten ist, dass das menschliche Schlafbedürfnis nicht mehr als eines der „Naturhindernisse“ des Kapitalismus angesehen wird, von denen Marx unter anderem auch die Abhängigkeit der Landwirtschaft von den Jahreszeiten beschrieben hat. Nahezu alle Lebensbereiche haben eine neoliberale Deformierung erfahren, sukzessive wurden seit den 1970 Jahren, ausgehend von dem Pinochet-Putsch in Chile, neoliberale Reformen eingeführt, von denen in Deutschland in den letzten Jahren die Agenda 2010 die größten gesellschaftlichen Umwälzungen hervor brachte. Aber das ist nicht zwangsläufig die Perspektive von diesem Buch, denn es geht hier in einem weiteren Schritt darum zu zeigen, wie weit diese Umwälzung der Lebensbedingungen bereits fortgeschritten ist. Und dies ist bereits sehr weit fortgeschritten. So haben Forscher die gemessenen Gehirnwellen von Schlafenden in Computerbilder übersetzt, die angeblich das darstellen sollen, was die Menschen gerade träumten:

Es ist vielmehr ein Zeichen einer breiteren Tendenz, alle Facetten individueller Erfahrungen so umzudeuten, als seien sie zusammenhängend und kompatibel mit den Erfordernissen des beschleunigten Rund-um-die-Uhr-Konsums. Auch wenn sich das Träumen letztlich immer dieser Vereinnahmung entziehen dürfte, wird es kulturell zwangsläufig als eine Software gedacht oder als ein vom Selbst abtrennbarer Inhalt – als etwas, was sich elektronisch verbreiten oder als Online-Video posten lässt. Es gehört zu einem breiteren Spektrum von Prozessen, in denen alles, was früher als persönlich galt, umgemodelt und dazu benutzt werden muss, den sozialen oder finanziellen Wert der eigenen digitalen Identitäten zu steigern. (…) Wenn etwas so Privates, scheinbar Innerliches wie das Träumen zum Gegenstand hochentwickelter Brainscanner wird und in der Massenkultur als downloadbarer Medien-Content imaginiert werden kann, gibt es kaum noch Hemmnisse gegen die Objektivierung derjenigen Teile des persönlichen Lebens, die digital leichter zu formatieren sind. Jeder, so sagt man uns, braucht, will er gesellschaftlich zählen oder beruflich reüssieren, einen ‚Online-Auftritt‘, eine Rund-um-die-Uhr-Selbstdarstellung. Was sich hinter der Vermarktung dieser vermeintlichen Vorteile verbirgt, ist die Monetarisierung und Quantifizierbarkeit aller sozialen Beziehungen. Es ist gleichzeitig der Übergang von einem persönlichen Leben zu Bedingungen ohne Privatheit, in denen man zum Gegenstand fortwährender Überwachung und Datenabschöpfung wird.

Das Buch ist kein Ratgeber. Es gibt keine Ratschläge oder Hinweise, wie wir mit diesen gesellschaftlichen Veränderungen umgehen sollen. Darauf kann es auch keine einfachen Antworten geben, sondern sie müssen – mindestens – auf einer gesellschaftlichen Ebene gefunden werden und letztlich wird jede/r einen persönlichen und individuellen Umgang finden müssen. Hilfreich ist das Buch, weil es eine Analyse liefert, die pointiert sehr viele Autoren der Geistesgeschichte der letzten zweihundert Jahre ins Feld führt. Somit ist eine breite konzeptionelle und ideologische Ausleuchtung des Phänomens gewährleistet.

Um nochmal den Bogen zu den anderen Büchern zu schlagen: Markus Morgenroth argumentiert technisch, Dave Eggers stellt in seinem Roman die gesellschaftlichen Umwälzungen in einem dystopischen Blickwinkel dar, der sehr anschaulich und mit den Mitteln der Belletristik die Chance hat, ein größeres Publikum zu erreichen. Der etwas über 100 Seiten starke Essay von Jonathan Crary dagegen bietet eine wissenschaftlich-politische Analyse des herrschenden Zeitgeistes, der durch die 24/7 Kultur dabei ist, auch die letzten Rückzugsmöglichkeiten des Menschen, nämlich seinen Schlaf und seine Träume, ebenfalls zu kommerzialisieren. Mit dem Phänomen der ständigen Erreichbarkeit hat man sich bereits vor Jahren auseinandergesetzt (wie zum Beispiel hier), aber so interessant dieser Aspekt auch war oder ist, er greift zu kurz. Erst durch die sich gegenseitig ergänzenden Perspektiven der drei Autoren ergibt sich eine umfassendere Sicht auf diesen Bereich unserer modernen Welt.

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Markus Morgenroth: Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich! Die wahre Macht der Datensammler. München 2014.
ISBN: 9783426276464. 19,99 €

Dave Eggers: Der Circle. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Köln 2014.
ISBN: 9783462046755. 22,99 €

Jonathan Crary: 24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus. Aus dem Englischen von Thomas Laugstien. Berlin 2014.
ISBN: 9783803136534. 14,90 €

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

7 Kommentare

  1. Herzlichen Dank für die Summary. Allmählich wird die Literatur zu dem Thema doch so umfangreich, dass man den Anspruch, alle wesentlichen Meinungsbildner gelesen zu haben, aufgeben muss. Doch wichtig erscheinen mir eben solche Resümees, die über die Inhalte hinausgehen. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dem man sich wohl „dialektisch“ nähern muss.

    Meine anfängliche Euphorie über die Fülle an Möglichkeiten, die uns die jüngsten Entwicklungen bieten, ist sicher auch ernüchtert. Doch meine Ernüchterung resultiert weit weniger aus Bedenken eines staatlichen oder privatwirtschaftlichen Missbrauchs, sondern weit mehr aus der gesellschaftlichen Eigendynamik mit dem Umgang der Möglichkeiten. Hierüber habe ich gerade nach dem Buch von Yvonne Hofstetter resümiert: http://thomasbrasch.wordpress.com/2014/10/16/sie-wissen-alles-und-wir-konnen-nicht-behaupten-wir-hatten-von-nichts-gewusst/

    Sicher, man hätte es vorher schon wissen können, wenn man sich die Kraft des gesellschaftlich Konformismus eingesteht. Sie ist eines der wesentliche Elemente, die zum evolutionären Erfolg des Menschen beigetragen hat und zugleich unseren Wunsch nach individueller Freiheit beschränkt. Sehr erhellendes dazu konnte ich bei Yuval Noah Harari „Ein kurze Geschichte der Menschheit“ erfahren: http://thomasbrasch.wordpress.com/2014/02/24/kurze-geschichte-zum-langen-nachdenken/.

    Einen schönen Sonntag noch.

  2. Ich habe grade Der Circle auf dem (Nacht-)tisch und stimme deiner Rezension ganz und völlig zu. Es scheint fast schon wieder veraltet, aber nicht schlecht, aber leider auch nicht richtig aktuell. Umso mehr freue ich mich hier Anregungen für Alternativen zu finden! Merci! 🙂

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