Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich.


Ein Gedicht von Brecht, an das ich oft denke. Auch ist es das einzige Gedicht, das ich auswendig kenne. Aber ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu dem Gedicht. Zum einen bin ich kein Brechtexperte, bei vielen Dingen bleibe ich eher ratlos zurück. Zum anderen verstört und fasziniert mich dieses Gedicht in nahezu gleichen Teilen. Es zeigt mit sehr einfachen Mitteln die grundsätzliche Dialektik unserer modernen Gesellschaft auf, die man mehr oder weniger so durch die Geschichte des Kapitalismus verfolgen kann. Wir haben erst kürzlich die schwerste Finanzkrise seit 1929 erlebt und wer einen Blick in den Wirtschaftsteil der Tageszeitungen wirft, der erfährt dort, dass sich die Kommentatoren nicht wirklich sicher sind, ob die Krise überhaupt vorbei sei. Es sei wie im Auge des Hurricans, wir sind nur in einer kurzen Verschnaufpause. Und doch: Leute wie Sibylle Berg denken darüber nach, ob Armut erst moralisch macht, weil es den Reichen keinen Vorteil bringt. Also doch nicht zuerst das Fressen, dann die Moral?

Es verstört und fasziniert mich in nahezu gleichen Teilen: Ist das also der V-Effekt?

Wie dem auch sei, dieses Gedicht ist nicht so leicht zugänglich, daher der Hinweis, dass es im Rahmen des Scherzgedichtes „Alfabet“ zu finden ist, das Brecht für seinen Sohn Stefan im Jahr 1934 geschrieben hatte. Jede Strophe beginnt mit einem Buchstaben des Alphabetes, die erste Strophe mit „A“ ist ebensfalls berühmt geworden:

Adolf Hitler, dem sein Bart
Ist von ganz besondrer Art.
Kinder, da ist etwas faul;
Ein so kleiner Bart und so ein großes Maul.

Zu finden ist das Gedicht an folgender Stelle:

Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Herausgegeben von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus-Detlef Müller. Band 14, Gedichte und Gedichtfragmente 1928-1939 (Gedichte 4). Berlin/Frankfurt am Main 1993, S. 230-234. 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

2 Kommentare

  1. Das ist wohl eher ein Gedicht für Rollkommandos, die johlend durch Villenviertel ziehen, dort auf „Geldsäcke“ einzuprügeln. Aber eben auch ein Beweis für das Genie von Berthold Brecht, wie wenige Worte ihm genügen zwei wildfremde Menschen derart miteinander in Beziehung zu setzen, dass einer vom anderen wie selbstverständlich sein „Recht“ einfordern kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s