Jean Améry hat Geburtstag: Am 31.10.1912 wurde er in Wien geboren. Von Belgien, wohin er nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland geflüchtet war, kam er als „feindlicher Ausländer“ in das Konzentrationslager in Gurs in Südfrankreich, konnte aber fliehen und schloss sich dem Widerstand an. Nach seiner Verhaftung wurde er im Gestapo-Gefängnis Fort Breendonk in Belgien gefoltert. Er überlebte Auschwitz-Monowitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen.

In seinen für den Süddeutschen Rundfunk entstandenen Betrachtungen Jenseits von Schuld und Sühne reflektiert Jean Améry die Rolle des Intellektuellen im nationalsozialistischen Konzentrationslager. Die Essaysammlung gilt heute als einer der zentralen Texte der Holocaustliteratur.

Foto: Wolfgang Schnier

Améry wandte sich gegen Hannah Arendt einerseits, der er entgegen hielt, dass das Böse nicht banal gewesen sei, sondern schlicht abgrundtief böse und sie mit ihrer Formulierung letztlich das Böse banalisierte und trivialisierte. Andererseits warf er Adorno vor, in Hinblick auf die 1966 erschienene Negative Dialektik, aus Auschwitz philosophisches Kapital zu schlagen. Dies führt er an einem Beispiel näher aus, Adorno sage nämlich an einer Stelle in einer „von sich selber bis zur Selbstblendung entzückten Sprache“ im Grunde, dass es nicht möglich sei, nach Auschwitz noch an einen Sinn in der Geschichte zu glauben. Dem hält Améry entgegen: „Die Opfer haben unter Umständen sehr wohl ihrem Geschick einen Sinn abgerungen; wie, läßt sich nachlesen in Jean-Francois Steiners Treblinka.“ Améry ließ sich weder von Adorno noch von einem anderen auf eine Metaebene zwingen, die vom Subjekt und vom Subjektiven abstrahierte. Dies ist übrigens eine Kritik, die auch Paul Celan an Adorno hatte. Überhaupt hatte Jean Améry eine Skepsis gegenüber Überlegungen und Gedankenexperimenten über Deutschland und den Nationalsozialismus, Auschwitz  und die Shoah von Menschen, die den Nationalsozialismus im Exil überlebten. So sah er den „Kulturemigrant“ Thomas Mann im kalifornischen Exil „am Luftschloß der deutschen Kultur“ bauen, und Hannah Arendt warf er vor, das Böse nur aus einer fast schon zoologischen Anschauung her zu kennen und nicht selbst in die „Dutzendgesichter“ geblickt zu haben, die tagein, tagaus folterten: „Es gibt nämlich keine ‚Banalität des Bösen‘, und Hannah Arendt, die in ihrem Eichmann-Buch davon schrieb, kannte den Menschenfeind nur vom Hörensagen und sah ihn nur durch den gläsernen Käfig.“ Allerdings verteidigte Améry die Banalität gegenüber den Dialektikern seiner Tage, nämlich dort, wo er auf den Unterschied zwischen Täter und Opfer beharrte. Dies, so Améry, sei letztlich eine banale aber fundamentale Unterscheidung, zu der keine dialektische Überlegungen notwendig seien, die die scharfe Klarheit dieser Unterscheidung womöglich verschleiere oder gar vertusche. Und mit Blick auf Sartre hielt er schon beinahe lapidar fest:

In seinem Buch ‚Die Wörter‘ hat Jean-Paul Sartre an einer Stelle geschrieben, er habe dreißig Jahre gebraucht, um sich des traditionellen philosophischen Idealismus zu entledigen. Bei uns, das kann ich versichern, ging es schneller. Ein paar Lagerwochen haben meist genügt, um die Entzauberung des philosophischen Inventars zu bewirken, um die andere, vielleicht unendlich viel begabtere und scharfsinnigere Geister ein Leben lang ringen müssen.

Für Jean Améry ergibt sich der Zwang, Jude zu sein, aus der schlichten Tatsache, vom Antisemitismus betroffen zu sein. Dabei versuchte er in Jenseits von Schuld und Sühne erst überhaupt nicht, den Antisemitismus zu erklären: „Die Antisemiten haben zu bewältigen, nicht ich. Ich würde ihnen in die unsauberen Hände spielen, wollte ich untersuchen, welchen Anteil an den Judenverfolgung religiöse, ökonomische und andere Faktoren haben.“ Jean Améry hält am Antisemitismus als gesellschaftliche Realität und daher reale Bedrohung fest: „Der Antisemitismus, der mich als einen Juden erzeugt hat, mag ein Wahn sein, das steht hier nicht zur Debatte. Jedenfalls aber ist er, Wahn oder nicht, ein geschichtliches und soziales Faktum: ich war nun einmal wirklich in Auschwitz und nicht in Himmlers Imagination.“ Aus diesen Überlegungen leitete Améry auch seine Solidarität zu Israel ab und kritisierte die Studentenbewegung scharf, die, in den 1950er und beginnenden 1960er Jahren unter dem Eindruck der Shoah prozionistisch gewesen war, ab dem Sechstagekrieg 1967 sich immer weiter antizionistisch und in großen Teilen auch antisemitisch radikalisierte.

Foto: Wolfgang Schnier

Eine Stelle aus Jenseits von Schuld und Sühne ist berühmt geworden, weil da Jean Améry sehr eindrücklich seinen Versuch schilderte, angesichts des Terrors und des unvorstellbaren millionenfachen Mordes um ihn in Auschwitz herum, der das Unsagbare im Alltag zur Normalität pervertiert hatte, ein Stück Kultur entgegenzusetzen:

Ich erinnere mich eines Winterabends, als wir uns nach der Arbeit im schlechten Gleichschritt unter den entnervenden ‚Links, zwei, drei, vier‘ der Kapos vom IG-Farben-Gelände ins Lager zurückschleppten und mir an einem halbfertigen Bau eine aus Gott weiß welchem Grunde davor wehende Fahne auffiel. ‚Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen‘, murmelte ich assoziativ-mechanisch vor mich hin. Dann wiederholte ich die Strophe etwas lauter, lauschte dem Wortklang, versuchte dem Rhythmus nachzuspüren und erwartete, daß das seit Jahren mit diesem Hölderlin-Gedicht für mich verbundene emotionelle und geistige Modell erscheinen werde. Nichts. Das Gedicht transzendierte die Wirklichkeit nicht mehr. Da stand es und war nur noch sachliche Aussage: so und so, und der Kapo brüllte ‚links‘ und die Suppe war dünn, und im Winde klirren die Fahnen.

Jean Améry schreibt in seiner Essaysammlung Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod: „Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.“ Am 17. Oktober 1978 ging Jean Améry diesen Weg des Humanen.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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