„Das, um es nochmal kurz zusammenzufassen, meine lieben Studentinnen und Studenten, war das erste demokratische Zeitalter. Sie wissen es bereits, der Beginn wird gemeinhin mit der Atlantischen Revolution angegeben und das Ende im frühen 21. Jahrhundert in einem schleichenden Prozess. Verbunden mit diesem Zeitalter war ja auch der Nationalismus, der die vormals religiösen Gegensätze säkularisierte. Darauf gehe ich jetzt aber nicht näher ein, sie kennen das alles. Sie sollten sich allerdings merken, dass Nationalstaaten Inklusion und Identifikation formierten, also das, was heute unsere transatlantischen Unternehmen übernommen haben. Man leistete sich kostspielige Parlamente, die aus heutiger Sicht ineffizient verwaltet haben. Effizientere Verwaltung innerhalb des normalen Gestaltungsrahmens, wie wir ihn heute kennen, kam erst im frühen 21. Jahrhundert auf, als man mit dem Argument der ‚Sachzwänge‘ und ‚Alternativlosigkeit‘ langsam von alten Vorstellungen weg kam. So wie man am Beginn der Industriellen Revolution die Menschen zur geregelten Arbeit erziehen musste, etwa durch die Erfindung der mechanischen Uhr und mit Hilfe von Arbeits- und  Zuchthäusern, so war es zu Beginn der damaligen Digitalen Revolution wichtig, die Menschen von überkommenen Gesellschafts- und Politiksystemen zu entwöhnen. Damals gab es tatsächlich Bereiche, die nicht nach streng wirtschaftlichen Gesichtspunkten verwaltet wurden. Wir können uns das heute gar nicht mehr vorstellen. Überhaupt war es damals üblich, dass Politiker oftmals Juristen waren. Heute würde man sagen: Man hat sehr viel Potential vergeudet. Jedenfalls, dieser Prozess der Entwöhnung gelang unter anderem auch deshalb, weil man innerhalb eines relativ kleinen Meinungsspektrums eine äußerst lebhafte Debatte zuließ und so die Menschen langsam von Argumenten entwöhnte und durch die gleichzeitige Einführung von quantitativen Bewertungssystemen erreichte, dass die Meinungsbildung der Menschen besser und effizienter kanalisiert wurde. Dieses System wurde dann, das kennen Sie ja, in der politischen Verwaltung übernommen. Auch fällt in diese Zeit die Optimierung der persönlichen Leistungsfähigkeit. Außerdem die Optimierung des Social Engineerings, also die Reichweitenmessung in den frühen sozialen Netzwerken, die Publikationsreichweite, Followerzahlen, und so weiter, all das half, frühere Argumentationsmuster zu überwinden.  Sie meinen nicht, worüber die Menschen sich früher alles den Kopf zerbrochen haben! Die Vorlesung über die Internetarchäologie zum Beginn der Digitalen Revolution finden Sie den Gang hinunter.

Vergessen Sie nicht die heutige Vorlesung zu bewerten und kaufen Sie sich schon die Karten für die nächste Vorlesung. Das Thema ist dann etwas weniger trocken, wir besprechen neue Methoden der sozialen Kennzifferberechnung!“

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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5 Kommentare

  1. Fühlt sich an, als sei die Dystopie bereits fortgeschritten und die Wolken dunkler…

    Jetzt muss ich nur noch die Buttons für Like und Donate finden…

  2. „Damals gab es tatsächlich Bereiche, die nicht nach streng wirtschaftlichen Gesichtspunkten verwaltet wurden.“ … Sehr schön schaurig beschriebene Vision, dass es solche Bereiche irgendwann bald nicht mehr geben könnte!
    Aber müsste es nicht mindestens das „zweite demokratische Zeitalter“ heißen? Oder müssen wir auch noch annehmen, dass die künftigen Kapitalhumanoiden nicht einmal mehr bis zur Athenischen Demokratie werden zurückdenken können?! Dabei wurden in diesem Kulturraum doch die ersten Geldmünzen (mit Herrschaftssymbolen) geprägt. Tatsächlich wahrscheinlicher ist freilich, dass die Geschichtsschreibung der künftigen Kapitalokratie frühestens mit der – wie passend! – aus China stammenden Erfindung des Papiergelds im 10. Jh n. Chr. beginnen könnte.
    Die noch zynischere Bezeichnung wäre ohnehin „letztes demokratisches Zeitalter“…

    1. Danke für diesen nachdenkenden Kommentar! Ich würde die Attische Demokratie zwar schon so nennen, aber ich zögere, es „Zeitalter“ zu nennen. Die Periode war relativ kurz und nach Frauen und Sklaven fragen wir am besten gar nicht. Aber darüber kann man gewiss streiten, das steht außer Frage. Nein, der Punkt an der Stelle geht in die andere Richtung der Zeitachse: Die „Demokratie“ ist derart positiv besetzt, sodass auf absehbare Zeit keine Herrschaftsform im Westen darauf verzichten wird, sich so zu nennen. Daher werden wir auch in der Zukunft „Demokratien“ haben, die diesen Titel zu Recht oder zu Unrecht tragen werden. Diese Stelle hier suggeriert also, dass der Professor seine eigene Zeit als das zweite (oder dritte,…) demokratische Zeitalter definieren würde. Darauf wollte ich hinaus.

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