Der Suhrkampverlag hat zum heutigen Vorlesetag der Stiftung Lesen ein interessantes Tondokument ausgegraben. Und zwar liest Hermann Hesse sein berühmtes Gedicht Stufen. Er liest es meinem Empfinden nach, wie die meisten Autorinnen und Autoren, einen Tick zu schnell, wenn man es aber ein zweites mal hört, ist es angenehm.

Hermann Hesse wurde immer ein wenig vorgeworfen, seine Gedichte vermittelten eine etwas naive Weltsicht und sein Reimen simplifiziere statt die Wörter für Interpretation zu öffnen. Dies ist nicht ganz von der Hand zu weisen, man muss aber aufpassen, dass man mit der Kritik nicht über das Ziel hinausschießt. Denn oft verkennt diese Kritik eine Entwicklung vom Steppenwolf zum Glasperlenspieler, und genau diese Entwicklungsmöglichkeit – man möchte fast sagen Veränderungszwang – ist ja tatsächlich Teil der conditio humana, und dies thematisiert nun Hesse ja in dem Gedicht Stufen.

Das soll nicht als Immunisierung der Kritik angeführt werden, sondern verdeutlichen, dass es schwierig ist, gerade einen Autor wie Hesse statisch aufzufassen und nicht differenziert in den einzelnen Lebens- und Schaffensphasen zu betrachten. Somit wird man weder dem Autor und seinem Werk gerecht, noch dem Anspruch einer adäquat formulierten Kritik.

Vor diesem Hintergrund könnte man im Hinblick auf die eben genannte Kritik dann allerdings erwidern, dass es in der Tat eine naive Betrachtung beziehungsweise ein Allgemeinplatz ist, was da als conditio humana besungen wird. Und in der Tat, inhaltlich ist dieser Aspekt bei diesem Gedicht von der banalen Naturlyrik nicht weit entfernt. Allerdings kommt es auch da darauf an zu differenzieren. Das Gedicht Gingo biloba von Goethe unterscheidet sich zum Beispiel doch stark etwa von dem Heile-Welt-Gedicht aus dem Jahr 1945 von Wilhelm Lehmann.  Aber das ist dann wieder ein ganz anderes Thema!

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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