Eine kurze Notiz zu dem Film Mr. Turner — Meister des Lichts: Es ist ein klassischer Arthouse-Film, der ausgewählte Episoden aus dem Leben des britischen Meisters Joseph Mallord William Turner erzählt. Beeindruckend sind die stimmungsvollen Szenen, die der Film zeigt, Stilkunden der Landschaftsmalerei, übertragen auf die Kinoleinwand. Sie bilden die Kulisse für William Turners Malerei, die allerdings leider etwas zu kurz kommt. Ja, ja, er ist andauernd am Malen in dem Film, man sieht ihn auf einigen seiner Reisen (jedoch fehlen seine Reisen durch Europa, vor allem nach Italien). Allerdings sind die Dialoge über seine Bilder und über sein Malen dürftig, der längste Dialog wird dominiert von einem Mäzenen, der im Grunde ein Kunstbanause ist. So kommt die unglaublich wichtige Stellung von Turner in der Kunstgeschichte nur im Subtext zur Sprache: William Turner nimmt eine Scharnierfunktion zwischen Romantik und dem aufkommenden Impressionismus ein. Dies thematisiert der Film schon, allerdings wird es nicht diskutiert und nimmt meiner Meinung nach einen zu geringen Raum ein.

William Turner beobachtete sehr genau die vielfältigen technischen Neuerungen seiner Zeit. Der Beginn der industriellen Revolution nahm bekanntlich in England an Fahrt auf. Turner war Zeuge der ersten Eisenbahnen als auch der Daguerreotypie. Diese zeitgeschichtlichen Entwicklungen beeinflussten seine Malerei, was ja auch schließlich seine exponierte Stellung in der Kunstgeschichte ausmacht. Interessant ist die Episode, in der Turner sich an den Mast eines Schiffes binden lässt; dies wird nach Odysseus einmal mehr zum Sinnbild und zur Metapher des Menschen in der modernen Welt.

Was spricht gegen den Film? Nun, er ist ein wenig eklektisch. Er erzählt Episoden aus dem Leben von William Turner, die in ihrer Auswahl beliebig erscheinen. Wichtige Dinge fehlen, wie etwa Reisen nach Italien und durch das übrige Europa (Flandern wird angedeutet, ja). Und, wie gesagt, es findet keine ausführliche Diskussion mit seinen Bildern statt. Auch könnte man meinen, er habe eine prekäre Stellung in der Gesellschaft seiner Zeit. Der Film spielt ein wenig zu sehr mit seiner Kauzigkeit und überinterpretiert vielleicht an dieser Stelle.

Und was spricht für den Film? Ein unglaublich gutes Gefühl für das Motiv. Es grenzt gefährlich nah an die Trivialität, wenn man festhält, dass ein Film über einen Bildenden Künstler motivstarke Szenen zeigt: Atemberaubende Sonnenuntergänge. Sensationelle Szenen an den Steilküsten Englands. Malerische Schiffsszenen. Viele Motive in dem Film spielen Szenen aus den Bildern von Turner nach. Und es wäre ein schlechter Film, würde er dies nicht in tun: Die Bilder von Turner bekommen einen Raum, in dem sie situiert sind und der Künstler in seiner Zeit wird dargestellt, die zu seinen Bildern führen. Ob er bei seinem Bordellbesuch die junge Dame erst in seinem Skizzenbuch festhielt, mag dahingestellt sein. Allerdings passt es in das Cliché und der damit verbundenen Erwartungshaltung des Zuschauers, mit dem der Film spielt. Ein Künstler, der nicht noch todsterbenskrank die an Land angespülte Wasserleiche skizzieren würde? Absurd! Ein Künstler, der bei der royalen Ausstellung eines seiner Bilder beinahe ruinierte? Famos! Nicht zuletzt die Charakterschauspieler geben dem Film eine ganz besondere Note.

Zu William Turner ist vor einigen Jahren ein mehr oder weniger erfolgreicher Roman erschienen: Der Schatten des Malers. Ironischerweise spielen die deutschen Titel des Films und des Buches mit den Stilmitteln von Licht und Dunkelheit. Sind diese Elemente durchaus prägend so gut wie für jeden Bildenden Künstler, so haben sie doch für William Turner eine ganz eigene Bedeutung. Auch das wird am Rande erwähnt ohne näher darauf einzugehen: Turner litt an einer Augenkrankheit, am grauen Star, der mit zunehmendem Alter sein Sichtfeld eintrübte.

Alles in allem waren es aber vergnügliche und interessante zwei Stunden. Geblieben ist das Grunzen des Genies am Ende fast eines jeden Satzes: Verärgert in Gegenwart seiner Exfrau, vergnüglich im Gespräch mit seinem Vater, es wird raunend, wenn er sich über die Haushälterin hermacht und zustimmend-liebevoll gegenüber seiner zweiten Frau. Wer den Film gesehen hat, wird fortan das Grunzen beim Betrachten der Bilder hören, das der Meister einst von sich gab. Naja, fast.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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