Neben allen Unterschieden zwischen Goethes Werther und Kunderas Unerträglichen Leichtigkeit des Seins gibt es auf verschiedenen Ebenen Gemeinsamkeiten. Die Unterschiede sind gravierend und man darf sie nicht aus den Augen verlieren. Sie sind  teilweise sehr grundsätzlicher Natur und berechtigte Einwände gegen eine Betonung der Gemeinsamkeiten angesichts der Unterschiede sind nicht von der Hand zu weisen. Trotzdem möchte ich die wichtigsten Unterschiede nur kurz nennen: Zeit/Epoche, Form, Rezeptionswirkung, Handlung.

Und doch sind die Gemeinsamkeiten interessant. Es sind beides Liebesromane, die im Grunde zwei Seiten einer Medaille erzählen. Aber das ist nicht das worauf ich hinaus möchte.

Vielfach sind auch die philosophischen Anspielungen in beiden Romanen: Während Goethe sich unter anderem auf Rousseau und Kloppstock bezieht, nimmt Kundera vielfältige Bezüge von Parmenides über Johann Sebastian Bach bis Nietzsche auf.  Auch könnte man die Gemeinsamkeiten in dem männlichen Blick und dem männlichen Zugriff auf das Weibliche anführen, als auch die männliche Inszenierung von Weiblichkeit überhaupt. Sicherlich gibt es da Differenzen, die kulturell und aus dem zeitgeschichtlichen Kontext zu erklären sind, aber im Grunde geht es um die männliche Verfügbarkeit über die Frau, die von einem männlichen Erzähler ausgeht und die Frau/die Frauen als Objekt der Begierde anführt. Kunderas Roman bricht aufgrund der Komplexität ein wenig aus diesem Muster heraus, allerdings bestätigt sich durch die Variation die grundsätzliche männliche Inszenierung von Weiblichkeit (bei Monika Marons Animal triste geht etwa die Blickrichtung von einer weiblichen Erzählerin aus. Ebenso bei Christa Wolfs Der geteilte Himmel und Sarah Kuttners Wachstumsschmerz, um einige Liebesromane aus einer weiblichen Erzählperspektive zu nennen. Aber das muss einem anderen Beitrag vorbehalten bleiben).

Ich denke, auf einer tieferen Ebene liegt die Gemeinsamkeit in der unterschiedlichen Darstellung der Melancholie. Während Goethe mit der Figur des Werther an vielen verschiedenen Stellen auf das antike Modell der Melancholie rekurriert, nimmt Kundera das Grundgefühl als solches auf, das in der Moderne gebrochen wurde und das Gefühl vom Begriff abstrahiert, in dem es keine pathologische Disposition mehr darstellt, sondern ein Lebensgefühl, in das die gesellschaftlichen Zwänge die Protagonisten drängen. Die Stürmer und Dränger erfanden mit ihrem Geniebegriff das Individuum und das Indviduelle, das heroisch mit der Wirklichkeit hadert und kämpft. Demgegenüber nimmt Kundera diese Indivdiuen und bringt sie in ein gegenseitiges Verhältnis zueinander und setzt sie dem Gesellschaftlichen, dem Sozialen aus. Sie sind mehr Spielball von höherer (sozialer) Gewalt, der sie unterworfen sind. Bei beiden Romanen wird aber trotz der unterschiedlichen Grundkonfigurationen das Thema der Melancholie unter den Bedingungen des Liebesromans verhandelt, anders als  zum Beispiel bei Benjamins Berliner Kindheit um Neunzehnhundert oder Gottfried Kellers Melancholie-Gedicht, um nur zwei andere literarische Entwürfe von Melancholie zu nennen.

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Foto: Wolfgang Schnier

Die Melancholie wird in beiden Werken verstanden als ein beherrschendes Lebensgefühl, als eine Disposition des menschlichen Lebens, unter der die zwischenmenschliche Beziehung und zwischenmenschliche Partnerschaft stattfindet. In beiden Fällen führt es zum Tod, wenn auch unter anderen Vorzeichen; interessant ist, dass er in beiden Romanen eine Rolle spielt, wenn auch eine unterschiedliche.

Den Werther als einen melancholischen Roman zu lesen ist nichts Neues, Kunderas Unerträgliche Leichtigkeit des Seins schon. Lohnend wäre eine nähere Untersuchung dieses Aspektes, auch hinsichtlich der unterschiedlichen Epochen und das daraus unterschiedliche Verständnis von Melancholie. Beispielsweise ist die Einsamkeit, die im Werther evoziert wird und den Weltschmerz verursacht, bei Kundera in der Person von Sabina verwandelt als ein Allein-Sein, das nicht unbedingt Einsamkeit bedeutet. Demgegenüber fühlt sich Teresa einsam, während sie nicht alleine ist. Ähnliches könnte man bei Lotte vermuten.

Nun, jedenfalls sind dies Gedanken, die man mehr oder weniger ausführlich wieder aufgreifen könnte. Wer allgemein mehr über die Melancholie in der Literatur lesen möchte, dem ist vielleicht mit diesem Link (pdf) geholfen, es geht bei dem Aufsatz von Hartmut Böhme um die literarische Rezeption von Dürers Melencolia I.

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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4 Kommentare

  1. Ja nun: Melancholie, Mitleid oder Strafe? – Ich habe die «Neuauflage» durch Ulrich Plenzdorf bis zur heutigen Lektüre dieses Beitrags nie als Neu-Definition der Disposition des menschlichen Lebens gesehen. Ich verstand Plenzdorf’s ebenso wie Goethe’s Werther versus Kunderas Epos (dessen Verfilmung durch , im sonntäglichen Ritual im Haus Ungarn ich mir trotz harter „Sessel“ wöchentlich reingezogen habe – als das Haus noch DAS HAUS UNGARN war) als durchaus unsentimentales Ritual, Philip Kaufman der Interpret einer Melancholie, die auch Juliette Binoche nicht aufrühren oder gar brechen konnte.

    Diese «neuen Leiden» des jungen W. ist schlicht aber nicht einfach ein Montageroman und zieht Parallelen zwischen Goethes Werther, Jerome D. Salingers Holden (Der Fänger im Roggen) und Edgar Wibeau als siebzehnjährigem Ostdeutschen in der damaligen DDR.

    Das angekündigte «Allein-Sein versus Einsamkeit» jedenfalls macht neugierig auf den späteren Aufgriff des Gedankens, wie ich lese …

    «Es gibt heute keinen Schriftsteller, der einen Kundera vergleichbaren ‹Pinselstrich› hätte, jene unheimliche Kombination aus Ironie und Bitterkeit, aus Melancholie und Leichtigkeit». (La Repubblica).

    Szenen aus «Werther» von Uwe Janson

    1. Ob Plenzdorfs neue Leiden ebenfalls unter dem Blickwinkel der Melancholie verhandelbar sind, weiß ich auf den ersten Moment nicht, aber das könnte auch interessant sein. Die Verfilmung der unerträglichen Leichtigkeit des Seins fand ich nicht gelungen, wie so oft geht die Vielschichtigkeit des Romans bei der Verfilmung verloren. Und Uwe Jansons Film kenne ich nicht und muss gestehen, dass sich mein Interesse für deutsche Filme in Grenzen hält.

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