Dieses Buch hat für einige Aufmerksamkeit gesorgt und wurde teilweise frenetisch gefeiert. Peter Burke wurde als letzter Universalgelehrte bezeichnet, der alles im Griff habe. Das Buch sei ein Panoptikum unseres Wissens. Die meisten Rezensionen sind überschwänglich, daher habe ich irgendwann genervt aufgehört sie zu lesen. Ich empfehle auch dieses Buch, allerdings etwas weniger aufgeregt und etwas abwägend. Es hat seine absoluten Stärken, aber auf einige Schwächen und auf die grundsätzliche Konzeption muss man auch hinweisen.

Zuerst einmal muss man etwas feststellen, woran die meisten Rezensenten bereits scheitern: Es ist ein Buch über das Wissen. Es ist nicht das Wissen selbst. Wenn zum Beispiel Einsteins Relativitätstheorie 1905 bzw. 1916 genannt wird, so ist das Wissen über die Relativitätstheorie, aber nicht das Wissen, das sie selbst vermittelt. Und so ist es auch mit allen anderen Dingen, die das Buch aufzählt: Es nennt wichtige Meilensteine der einzelnen Disziplinen, aber es erklärt das präsentierte Wissen nicht. Die Forschungsreisen von Humboldt sind vermutlich komplett aufgezählt, inklusive der Anzahl der Blätter seiner Notizen, aber was er herausgefunden hat und welche Erkenntnisse neu gewesen sind, diese Frage wird nicht beantwortet. Wenn man sich das einmal überlegt, dann ist das auch völlig klar und es kann ja auch eigentlich nicht anders sein, sonst wäre es ein Buch über Humboldt oder Einstein und nicht über das Wissen und die Wissensproduktion. Allerdings suggerieren mir einige Rezensenten mit ihren überschwänglichen und unkritischen Kommentaren, dass man hier das gesamte Wissen der Neuzeit präsentiert bekäme.

Auch muss man festhalten, dass dies keinesfalls eine neue Idee ist und die Fragestellung auch schon zu anderen Zeiten bearbeitet wurde. So hat etwa Ivan Illich eine bemerkenswerte Detailstudie zur Wissenssoziologie vorgelegt, die heute noch empfehlenswert ist und auch vor ein paar Jahren erst wieder neu aufgelegt wurde. Auch werden Kenner nicht zum ersten Mal den Namen Vilém Flusser hören, der ganz unterschiedliche Zugänge zu diesem Spezialgebiet der Geschichte beigetragen hat. Peter Burke hat also nicht das Rad neu erfunden, wie hier und da angedeutet wird.

Nun, nach diesen Einschränkungen, was bietet das Buch? Es dürfte in der Tat das faktenreichste Buch auf seinem Gebiet sein. Wichtige Meilensteine in so unterschiedlichen Fachbereichen wie Geographie, Archäologie, Physik, Chemie, Literaturwissenschaft, Medizin, Biologie und Astronomie werden kenntnisreich mit den jeweiligen Forschern (ja, das Buch zeichnet ungewollt die männliche Dominanz in den Wissenschaften nach) verknüpft und dargestellt. Dazu kommen noch die Entwicklungen im Archivwesen, in der Kriminologie und eine kurze Geschichte der Spionage als eine Sonderform des Wissenserwerbs. Auch das Nichtwissen oder Unwissen, die Agnotologie, wird aufgeführt und an Fallbeispielen wie etwa der Parapsychologie und der Eugenik gezeigt, wie Wissen in Ungnade fiel beziehungsweise nie in den Rang einer Wissenschaft gelangte. Von dieser Sicht aus gesehen ist das Buch wirklich eine beeindruckende Nabelschau der Wissensproduktion von der Frühen Neuzeit bis heute. Und an der Stelle hören die Rezensionen für gewöhnlich auf.

Foto: Wagenbach-Verlag

Dabei fängt es hier erst so richtig an interessant zu werden: Wenn man nämlich fragt, wie dieser Zugriff auf das Wissen geschieht, ergeben sich ganz neue Perspektiven. Es ist sehr bemerkenswert (und überhaupt kein Zufall), dass der Schwerpunkt eindeutig auf den Naturwissenschaften liegt, die Geisteswissenschaften finden zwar Erwähnung, vor allem die Geschichtswissenschaft, allerdings ausschließlich in einem ganz bestimmten Modus. Auch fällt dem aufmerksamen Leser auf, dass die gesamte Philosophiegeschichte fehlt. Und wenn man das Buch kurz aus der Hand legt und darüber nachdenkt, dann ist das auch kein Wunder. Das Buch ist nämlich in der geschichtsphilosophischen Tradition des Positivismus geschrieben. Dem Positivismus geht es vor allem darum, Fakten möglichst vollständig zusammenzutragen, zu erhalten und zugänglich zu machen. Der historische Positivismus lehnt eine Bewertung der gesammelten Fakten kategorisch ab. Das ist das Leitmotiv dieses Buches. Dadurch erhält die Realität eine seltsame Wertneutralität, die so nicht in ihr liegt. Es führt auch zwangsläufig dazu, dass zum einen nur Fakten gesammelt werden können (daher kann auch keine Philosophiegeschichte vernünftigerweise Platz finden, da sie nicht in dieses Raster passt) und somit die Naturwissenschaften einen viel größeren Raum einnehmen, eben weil sie vor „belastbaren“ Daten und Fakten nur so strotzen. Zum anderen führt das auch dazu, dass diese Fakten aus dem Kontext gerissen werden, weil die Nennung des Kontextes zu einer Bewertung führen würde. So findet man erstaunlicherweise die Biopiraterie in dem Buch, allerdings wird sie ganz nüchtern als eine Form der Wissensaneignung aufgezählt, die gesellschaftlichen Zusammenhänge werden ausgeblendet. Dies ist kein Einzelfall. Vermutlich fühlt man sich als Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler bei folgender Stelle zu der Situation der 1960er Jahre in den USA im ersten Moment geschmeichelt:

Die Generäle, die sich nur ungern von Zivilisten bevormunden ließen, schickten einige ihrer Offiziere auf die Universität, wo sie das Vokabular der Gesellschaftswissenschaften erlernen sollten, um so besser für die Verteidigung ihrer Autonomie gewappnet zu sein.

Das mag zwar so stimmen. Dass dies aber eine Gegenbewegung gegen den gesellschaftlichen Befreiungsschlag im Zuge der McCarthy-Ära war und sozusagen eine Vorbereitung auf die sich anbahnenden Studentenunruhen, dieser Kontext fehlt gänzlich. Man mag anführen, dass dieser Kontext irrelevant sei. Nun, das ist dann eine ganz spezifische Weltsicht und eine bewusste Entscheidung. Es gehört viel Arbeit dazu, die Kontexte adäquat darzustellen, das stimmt. Es ist aber ebenso gehörige Arbeit vonnöten, die Kontexte auszublenden.

Somit erzählt Burke eine ganz bestimmte Geschichte des Wissens und es ist keinesfalls eine allumfassende, sondern eben eine ganz bestimmte Sicht auf das Wissen, nämlich eine positivistische. Das kann man durchaus auch wohlwollend sehen und es ist wirklich sehr interessant zu lesen, nicht zuletzt ist der Stil auch ansprechend und flüssig.

Zu Beginn erzählt Burke, dass nach Claude Lévi-Strauss die Information das „Rohe“ sei und das Wissen das „Gekochte“. Die Daten und Fakten müssen in einen anderen Aggregatzustand versetzt werden, damit man mit ihnen etwas anfangen kann. Diesen Sprung versucht das Buch in den letzten Kapiteln, aber er überzeugt nicht auf ganzer Linie. Das unglaubliche Faktenfeuerwerk auf den ersten 200 Seiten des Buches ist viel zu dominant und erdrückend, sodass der positivistische Zuschnitt kaum abgemildert wird.

Nun, vielleicht gibt es ein Buch in der Form tatsächlich nicht, jedenfalls nicht auf dem neuesten Stand, in dem auch Spyware und Anti-Spyware eine Erwähnung im Zusammenhang der Wissensakkumulation finden. Aber es ist eben viel zu sehr das Rohe, das Ungekochte, was aus dem gewählten positivistischen Zugriff auf die Wissensgeschichte resultiert.

Ja, das Buch ist empfehlenswert, aber mit dem Vorbehalt, dass man eine enge Weltsicht präsentiert bekommt, was von einer ungeheuren Faktenfülle überdeckt wird. Nichtsdestotrotz ist es eine angenehme Lektüre, von der man leicht beeindruckt sein kann. Vielleicht ist es daher genau das richtige für diese Jahreszeit.

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Peter Burke: Die Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia. Aus dem Englischen  von Matthias Wolf unter Mitarbeit von Sebastian Wohlfeil. Berlin 2014. 392 Seiten, 29,90 €
ISBN: 9783803136510

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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