Dieses Buch ist es wert gelesen zu werden. Es wurde bei seinem Erscheinen sehr gelobt, und dieses Mal kann ich mich dem weitestgehend anschließen, habe jedoch dazu ein, zwei Anmerkungen. Insgesamt gesehen muss ich allerdings sagen, dass die jubelnden Besprechungen eher gerechtfertigt waren als bei Peter Burkes Buch. Dabei ist Harald Welzer in Deutschland kein Unbekannter: Angefangen in der nationalsozialistischen Täterforschung, machte er sich durch verschiedenste Beiträge einen Namen. Neben der historischen Forschung arbeitete Harald Welzer in vielfältigen Forschungszusammenhängen mit und habilitierte sich schließlich in der Sozialpychologie und in der Soziologie. Allerdings ist dies kein wissenschaftliches Buch, es ist für die Allgemeinheit geschrieben und nicht für ein Fachpublikum. Harald Welzer fragt in seiner Rolle als Zukunftsforscher: Wie wollen wir in der Zukunft leben? Und was hat das mit uns heute zu tun? Ist eine bessere Welt möglich? Das ist das Thema des Buches, der Titel weist auf den Umstand hin, dass jeder selbst Teil dieser Entwicklung in die Zukunft sein kann. Man muss sich aber das eigenständige Denken wieder zurück erobern.

Zu Beginn des Buches erzählt Welzer folgende Geschichte:

Vor etwa einem halben Jahrhundert veräußerten die Anhänger eines kultischen Glaubens in Wisconsin all ihre Habe, weil ihrer Anführerin prophezeit worden war, dass der Weltuntergang in Form einer gewaltigen Überschwemmung unmittelbar bevorstehe. Anschließend versammelten sich die Sektenmitglieder auf dem höchsten Berg der Umgebung, um gemeinsam die Apokalypse zu erwarten und als Auserwählte von einem UFO gerettet zu werden. Der Weltuntergang trat aber bekanntlich nicht ein, und die Gläubigen standen nun ratlos auf dem Berg.
Leon Festinger interessierte sich dafür, wie sie mit dieser herben Enttäuschung ihrer Erwartung zurechtkommen würden, und machte eine überaschende Entdeckung. Statt etwa frustriert zu sein, an ihrem Glauben zu zweifeln oder gar ihren grotesken Irrtum einzusehen, hatten die vermeintlichen Auserwählten umgehend eine neue Theorie entwickelt: Zweifellos handele es sich hier um eine Prüfung der Festigkeit ihres Glaubens. Damit war der Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Überzeugung beseitigt, und Leon Festinger hatte das Phänomen der kognitiven Dissonanz entdeckt.

Und im Grunde geht es in dem gesamten Buch um nichts anderes als um unsere kognitiven Dissonanzen in der heutigen Zeit. So wissen wir im Prinzip schon sehr lange, dass die Ressourcen, auf denen die westliche Konsumgesellschaft aufbaut, endlich und im Grunde sehr, sehr knapp sind. Trotzdem wurden auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise die Verbraucher angehalten, ihre funktionstüchtigen Autos verschrotten zu lassen, um Geld für neue Autos auszugeben.  Klimaforscher stellen seit mindestens zwanzig Jahren fest, dass ein Klimawandel stattfindet und politische wie persönliche Konsequenzen längst überfällig sind. Das Fach erfährt seit einiger Zeit in einer Welt der Aufmerksamkeitsökonomie eine besondere Beachtung, was sich unter anderem in einer Erhöhung der Forschungsgelder und somit der Karrierechancen für Wissenschaftler widerspiegelt. Und was machen diese Wissenschaftler in der Hochkonjunktur ihres Faches? Sie unterhalten immer mehr internationale Konferenzen und Fachtagungen, zu denen dann die immer weiter wachsende Wissenschaftscommunity hinfliegt. Klimaschonender wäre es, wenn sie zuhause blieben. Noch ein Beispiel gefällig? Früher schaffte man sich Möbel unter anderem unter dem Gesichtspunkt an, ob man sie weiter vererben kann. Somit wechselte zwar nicht das ganze Mobiliar von einer Generation zur nächsten, aber doch ausgewählte Familienstücke, die einen von Kindheit an noch an die Großeltern erinnern konnten. Man stelle sich ein junges Paar heutzutage vor, das im IKEA steht und sich die ersten Möbel aussucht und vor einer Couch stehen bleibt: „Die nehmen wir. Die können wir noch weitervererben.“ Absurd? Ja. Heutzutage. Kaum jemand wundert sich in einer Wegwerfkultur noch darüber, dass unsere Möbel im Vergleich zu früher nur noch einen Bruchteil der Lebenszeit haben.

Und so arbeitet sich Welzer an dem Zeitgeist ab. Die Lektüre wird die Leserinnen und Leser in zwei Lager spalten: Für die einen wird es eine unangenehme Lektüre sein, bei der die Gefahr besteht, dass sie das Buch frühzeitig aus der Hand legen, weil sie nach dem Lesen nicht mehr sagen könnten, sie hätten von nichts gewusst. Der andere Teil der Leserschaft wird sich denken „Das habe ich doch schon alles mehr oder weniger gewusst“ und sich bestätigt fühlen. Interessant ist, dass das Buch für beide Teile geschrieben ist: Es macht allenthalben Friedensangebote an diejenigen, die sich unangenehm angesprochen fühlen, aber trotzdem aus irgendeinem Grunde das Buch in die Finger bekamen. Der andere Teil der Leser, die sich auf der richtigen Seite der Geschichte wähnen, werden an der ein oder anderen Stelle verunsichert, ob denn ihre Position denn wirklich so moralisch zweifelsfrei ist. So werden zum Beispiel auch Aktionsgruppen wie Greenpeace kritisiert, die mitunter auch einmal ein Weltkulturerbe irreparabel zerstören, um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu erhalten (ein aktuelles Beispiel, das Buch bringt weitere Beispiele treffend auf den Punkt). Insgesamt steht die Ökologiebewegung auf dem Prüfstand: Hat sie gehalten was sie einst versprochen hat? Oder ist sie etwa Teil des Problems? Der Aktionismus der Ökobewegten findet in der Aufmerksamkeitsökonomie unter den gleichen Bedingungen statt wie alle anderen Formen des Marketings auch. Da die NGOs mit dieser Betroffenheitspolitik seit spätestens der 1990er Jahren ungeheuer erfolgreich geworden sind (Stichwort: Brent Spar), was sich zu einem eigenen Wirtschaftszweig gemausert hat (darauf wies übrigens Nick Hornby in seinem Roman About a Boy am Rande hin), entwickelte sich in den letzten Jahren ein neues Marketingsegment: Der verantwortungsbewusste Konsum. Adorno schrieb bereits sehr treffend (und eigentlich wurde damit schon alles zu dem Thema gesagt): „Dem Markt entgeht keine Theorie mehr: eine jede wird als mögliche unter konkurrierenden Meinungen ausgeboten, alle zur Wahl gestellt, alle geschluckt.“Auch die Vorstellung, dass etwas für die Umwelt getan werden müsse, wird marktkonform beantwortet: Man hat nur noch nicht genug umweltbewusst konsumiert. Was zwischen den ganzen kognitiven Dissonanzen verloren geht, die die Menschen heutzutage anstauen: Das Problem ist der Konsum an sich, ob blau, rot oder heutzutage eher grün, egal ob Marke X, Marke Y oder Marke Z. Die Verschränkung von Wachstum und vermeintlichem Verantwortungsbewusstsein führt in Deutschland zu solch seltsamen Blüten, dass man sich trotz laufend steigenden Wachstumsraten im Energie- und Rohstoffverbrauch als grün und nachhaltig wähnt. Eine weitere kognitive Dissonanz.

Es ist auf Dauer etwas unangenehm und für den durchschnittlichen Leser auch anstrengend, andauernd auf die psychologischen Dispositionen und Unzulänglichkeiten unserer spätkapitalistischen Gesellschaft hingewiesen zu werden. Das Buch arbeitet dabei mit zwei Tricks, um das Ganze etwas erträglicher zu machen und das Lesen zu belohnen. Der eine ist so simpel wie der andere: Zum einen ist das Buch in zwei Teile aufgeteilt, der erste Teil beschäftigt sich mit dem Ist-Zustand, der zweite mit dem Soll-Zustand. Nach der Hälfte des Buches kommt also eine angenehme Verschnaufpause. Der zweite Trick ist nun kein billiger Rhetoriktrick, sondern schlicht das Versprechen, das Bücher schon immer gaben, das aber manche nicht einlösen können: Man ist am Ende klüger als vorher. Und man weiß mehr als derjenige, der dieses Buch (noch) nicht gelesen hat. Umgangssprachlich kann man dieses Gefühl auch Aha-Erlebnis nennen, und davon gibt es auf beinahe jeder Seite eines. Und anders als andere Bücher hält dieses Buch auch was es verspricht. Es ist eine Anleitung zum selbstständigen Denken. Die Betonung liegt auf „Anleitung“, das „selbstständig“ kommt dann hoffentlich danach.

Foto: Wolfgang Schnier

Was ist nun die Schwäche des Buches? Nun, Welzer stolpert sozusagen über seinen eigenen Anspruch. Er weiß, dass rationales Wissen nicht gleichbedeutend übersetzt wird in rationales Handeln. Man kann Vernunft nicht von Oben verordnen und eine bessere Gesellschaft kann man nicht am Reißbrett planen. Menschen sind ihrem Habitus verbunden und können sich kaum bis gar nicht von ihm frei machen. Das alles weiß Welzer und somit steht er vor einem Dilemma: Wie führt eine Bewußtseinsänderung zu einem Einstellungswechsel und dann zu einem veränderten Verhalten?  Man merkt, dass es Welzer selbst nicht ganz geheuer ist, allein durch die Lektüre seines Buches diese Reaktionskette auszulösen. Allerdings gibt er sich sehr viel Mühe: Er kämpft um jede Leserin, um jeden Leser. Das ehrt einen und man fühlt sich ernst genommen. Aber manche Dinge wirken, als wären sie auf einem Bein formuliert, etwa dann, wenn Welzer rät, man solle dort Widerstand leisten, wo es einem Spaß mache. Damit wird deutlich, dass eine sehr gute Analyse nicht automatisch in eine sehr gute Handlungsanleitung übergeht, oder anders gesagt: Guter Rat ist teuer. Damit unterwirft sich Welzer selbst den Diktaten der Aufmerksamkeitsökonomie, die ein Aktion-Reaktions-Schema oder wenigstens eine Antwort auf die Frage „Was kann ich konkret tun?“ verlangt. Das muss nicht unbedingt nach hinten losgehen, denn die Stoßrichtung ist schon klug und, um es sozialpädagogisch zu formulieren, die Leser werden dort abgeholt wo sie sind, nämlich beim täglichen Konsumieren. Rigoroser Konsumverzicht wird allerdings auch nicht gepredigt, was ja auch nicht automatisch zu einer besseren Welt führte. Das ganze läuft auf eine gesellschaftliche Transformation heraus (beziehungsweise viele kleine Transformationen), deren Notwendigkeit mit diesem Buch auf den Punkt gebracht wird. Wie das vonstatten geht, muss man dann im Einzelnen erst einmal sehen und vor allem auf sehr vielen verschiedenen Ebenen diskutieren. Das Buch kann allenfalls eine erste Denkbewegung sein. Und es macht deutlich: Jede und jeder kann Teil dieser Transformation sein. Wer von dem Buch begeistert ist kann auch gleich weitermachen, Harald Welzer hat zu dem Thema noch mehrere Bücher in petto.

Das Buch ist gut zu lesen und formuliert komplexe Zusammenhänge entlang von eingängigen Beispielen, die gut gewählt sind. Diese Beispiele werden durch Fußnoten belegt, was aber eine sehr gute Kombination ist – die erste Fußnote belegt eine Anekdote aus den Micky-Maus-Heften der 1950er Jahre. Damit ist nicht das Niveau gekennzeichnet, sondern die Bereitschaft des Autors, mitten aus den Zusammenhängen und dem Leben der Menschen zu argumentieren. Auch geht er auf möglichst breite Bildungsvoraussetzungen ein, so erklärt er zum Beispiel kurz und knapp das Wort ‚Holocaust‘ in einer Fußnote. Der Eindruck entsteht: Niemand wird mit einem Fragezeichen über dem Kopf allein gelassen. Äußerst lesefreundlich sind die sehr kurz gehaltenen Kapitel, die gerade so lang sind, um einen Gedanken pointiert darzustellen, aber nicht zu lang sind, sodass man das Interesse verliert.  Ja, Harald Welzer hat sich sehr viel Mühe gegeben, möglichst viele Hürden für seine Leserschaft abzubauen. Es ist ein Geben und Nehmen: Du liest mein Buch, dafür mache ich es dir einfach. Mir gefällt diese Art des Populismus sehr viel besser als ein reißerischer und simplifizierender Stil, wie etwa in dem Buch von Morgenroth. Denn das Buch ist eines mit Sicherheit nicht: simplifizierend, monokausal oder unterkomplex. Aber Welzer schafft es, komplexe Zusammenhänge gut auf den Punkt zu bringen. Dabei greift er auf eine ungeheuer breite Palette von Beispielen zurück. Man staunt, was sich alles in diesem Büchlein tummelt: Wikinger, Mayas, Mickey Maus, UFOs, die Mondlandung, Elektro- und Hybridautos, die Formel 1, Handys und Laptops sowieso, dazu noch New Yorker Fellverkäufer von vor 300 Jahren und Filme von Stanley Kubrick. Und vieles mehr.

Fehlt dann überhaupt noch etwas in dem Buch? Ich denke das, was andere vielleicht als seine Stärke ansehen würden. Meiner Meinung nach fehlt eine genaue Festlegung, ob es eine theoretische Analyse sein oder eine praktische Handlungsanleitung  geben möchte. Nicht Fisch, nicht Fleisch, die konzeptionelle Trennung des Buches ungefähr ab der Mitte macht deutlich, dass das Buch gerne beides sein möchte. Neben dem Hybridauto gibt es damit nun auch ein Hybridbuch. Aber, wie gesagt, die Kombination aus beidem kann man auch als eine Stärke sehen. Ich bin da eher skeptisch, würde allerdings dringend empfehlen, selbst zu einem Urteil zu kommen. Und das geht übrigens noch recht günstig: Die Bundeszentrale für politische Bildung führt dieses Buch offiziell in ihrer Buchreihe (die Reihe stellte ich bereits hier kurz vor).

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Harald Welzer: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt am Main 2014. 336 Seiten, 9,99 €.
ISBN: 9783596195732

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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