Hier kamen wieder zwei Blogstöckchen durchs Fenster geflogen. Einmal von meinem lieben Bloggerkollegen Finbar, mit dem die Stöckchen nur so hin- und herfliegen. Und einmal vom Kurier aus der Bücherstadt, der sehr interessante Fragen gestellt hat. Der Einfachheit halber habe ich alle Fragen zusammengepackt und in einem Rutsch beantwortet. Der Service an die Leserin, an den Leser dieses Mal: Angesichts der Fülle an Fragen fasse ich mich kurz und knapp.

Ich möchte mich nochmal für diese Nominierungen bedanken, aber auch gleichzeitig darauf hinweisen, dass so etwas schnell Überhand nehmen kann. Oftmals drehen sich die Dinger im Kreis und irgendwann haben sich diese Blogstöckchen totgetreten. Diese Blogstöckchen sollten im besten Falle wie eine kurze Unterbrechung im Programm sein, wo man einmal kurz inne hält und vielleicht über andere Dinge als sonst reden kann. Aber es sollte nicht Selbstzweck werden oder einen Blog dominieren. Daher freue ich mich sehr über Nominierungen, allerdings werde ich auch in Zukunft die Regeln ein wenig abändern  und niemand sonst das Blogstöckchen  zuwerfen. Vielleicht ist es auch generell sinnvoll, immer ein paar dieser Nominierungen zu bündeln und in einem Rutsch zu beantworten. Mal sehen, wie sich das so entwickelt. Vergangene Blogstöckchen sind übrigens hier zu finden. So viel zu der Vorrede, nun zur Feiertagsausgabe, hier sind die Fragen, die ich zu beantworten hatte:

Wofür lohnt es sich, jeden Tag aufzustehen?

Um jeden neuen Tag ein besserer Mensch zu werden als am Tag zuvor.

Wenn du für ein, zwei Tage ein Tier sein könntest, was für eines wärst du gern?

Eine Elster. Die Punks unter den Vögeln.

Wovon besitzt du am meisten? Bücher, Musik oder Filme?

Bücher. Zwischen 2.000 und 3.000 Bücher stehen hier herum.

Hat sich durch deinen Blog etwas in deinem Leben verändert?

Ja. Das Schreiben beeinflusst das Denken. Und umgekehrt. Und man kann nichts ohne seinen Gegenstand denken. Hegel hat das vortrefflich und leicht verständlich formuliert:

Indem ich einen Gegenstand denke, mache ich ihn zum Gedanken und nehme ihm das Sinnliche; ich mache ihn zu etwas, das wesentlich und unmittelbar das Meinige ist: denn erst im Denken bin ich bei mir, erst das Begreifen ist das Durchbohren des Gegenstandes, der nicht mehr mir gegenübersteht und dem ich das Eigene genommen habe, das er für sich gegen mich hatte. Wie Adam zu Eva sagt, du bist Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein, so sagt der Geist, dies ist Geist von meinem Geist, und die Fremdheit ist verschwunden. Jede Vorstellung ist eine Verallgemeinerung, und diese gehört dem Denken an. Etwas allgemein machen heißt, es denken.

Was findet sich immer bei dir im Kühlschrank?

Quark, Red Bull und Eiskaffee.

Schlag das nächste Buch in Reichweite auf Seite 37 auf und poste den dritten Satz und sag bitte, was das für ein Buch ist.

„Das Alltagsgedicht hatte sich damals schon festgelaufen, ohne Spannkraft hing es in den Seilen, Knockdown auf Abruf, zur beliebigen Wiederholung einsatzbereit.“

Bruno Hillebrand: Gesang und Abgesang deutscher Lyrik. Von Goethe bis Celan. Göttingen 2010.

Foto: Wolfgang Schnier

Gibt es für dich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens?

Es ist in unserer Zeit schwierig, diese metaphysische Frage ebenfalls metaphysisch zu beantworten, ohne in Monokausalität, Rekursivität oder Aberglaube abzudriften. Für viele Menschen ist es heutzutage allerdings bereits unangenehm, dass es Dinge gibt, die man nicht messen, kaufen oder in Listen packen kann. Daher ist die Frage wie ein Fuß in der Tür. Vielleicht kommen auch wieder andere Zeiten. Und das Beharren auf die Frage ist wichtiger als ein Verharren bei ein und derselben Antwort.

Wer ist deine Lieblings-Filmfigur (ODER -Buchfigur) und warum?

Meine Lieblings-Filmfigur ist Jean-Luc Picard.

Was isst du NICHT?

Blumenkohl.

Wofür hättest du gern mehr Zeit?

Mit Familie und Freunden kann man nie genug gute Stunden verbringen. Das kommt oft zu kurz und es liegt meist an den allgemeinen Umständen und nicht an einem selbst. Davon einmal abgesehen impliziert diese Frage, dass ich Dinge tun muss, die mir nicht gefallen und ich gerne in dieser Zeit etwas anderes machen würde. Das ist zur Zeit glücklicherweise nicht der Fall. Aber ich könnte vielleicht hier und da ein bisschen weniger Zeit vertrödeln und dafür lesen. Aber ich brauche manchmal auch einfach Leerlauf, von daher ist das auch wieder in Ordnung.

Wo in Bücherstadt wohnst Du?

Paul-Celan-Allee 17

Worüber schreibst du am liebsten?

Dinge, die mich bewegen. Das ist meist etwas aus den Bereichen Literatur, Philosophie, Kunst und Kultur.

Wenn du ein Buch wärst, welches wärst du?

Oft gebe ich auf ähnliche Fragen ein ganz bestimmtes Buch an. Aber wenn ich wirklich ein Buch wäre, dann bitte ein Hardcover-Gedichtband mit Lesebändchen und zeitlosem Design.

Darf man Bücher wegwerfen?

Ja. Ich habe unbrauchbare Bücher weggeworfen, die ich mal aus einem Wasserschadenbestand bekommen hatte und eigentlich retten wollte. Ging aber nicht. Andere Bücher kann man weggeben und verschenken. Das ist dann der Beginn einer umgekehrten Nahrungskette. Nach mehreren Stationen am Ende dieser Kette werden die Bücher dann vermutlich doch weggeworfen.

Stell dir vor, du wirst für einen Tag in ein Buch gesogen – in welchem würdest du dich gerne befinden?

Diese Frage erinnert mich an die Frage weiter oben. Ich antworte einmal ähnlich: Hoffentlich wäre ich in einem schönen Bilderbuch. Vielleicht ein Bilderbuch vom Paradies vorm Sündenfall. Ich wäre dann derjenige, der Adam die Eva ausspannt und ihn mitsamt Schlange aus dem Paradies rauswirft. Und dann würd ich gleich dort bleiben.

Wenn du einen Protagonisten zum Leben erwecken könntest, welcher wäre es?

Die Frage ist mehrdeutig. Ich interpretiere sie folgendermaßen: Ich würde Romeo wieder zum Leben erwecken.

Gibt es ein Buch, das dir besonders am Herzen liegt?

Mehrere. Als Rede der Meridian von Paul Celan. Als Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera. Als Drama der Woyzeck von Georg Büchner. Als Epos die Odyssee von Homer. Als Essay Der Mythos des Sisyphos von Albert Camus. Als Aphorismensammlung die Minima Moralia von Adorno. Als Jugendbuch Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry.

Wenn dein Leben ein Buchtitel wäre, welchen hätte es?

Dialektische Bewegungen oder:
Gescheitert an dem zuvorkommenden Verständnis der liberalen Gesellschaft

In welcher Jahreszeit würdest du die Zeit anhalten wollen?

In dem Übergang von Frühling zum Sommer. Das sind eine, zwei wunderbare Wochen, in denen die Natur zum Leben erwacht, es herrlich duftet und es weder zu heiß oder zu kalt ist. Außerdem ist dann das Licht am schönsten, die Erwartungen an den Sommer groß und noch nicht enttäuscht, und die Menschen überwinden endlich ihre Winterdepressionen.

Hättest du gerne Superkräfte? Was würdest du damit machen?

Wenn ich von meiner bescheidenen Kenntnis der modernen Superhelden dieser Welt ausgehe, dann sucht sich das keiner von denen freiwillig aus, sondern die Superkraft kommt zu dem Helden wie eine Bestimmung, eine Berufung, gegeben vom Schicksal oder einer höheren Macht. Und das ist auch der Grund, weshalb diese Geschichten funktionieren: Es wird dem eigenen Leben ein Sinn, eine Bestimmung gegeben, nach der fortan gelebt wird und woran das Leben gemessen wird. Es ist ein Gegenentwurf zu dem tristen Alltag der Menschen, die diese Geschichten konsumieren. Heimlich wünscht man sich eine geheime Instanz, die einem einen tieferen Sinn, eine Bestimmung für das eigene Leben vorgibt. Diese Imagination einer Sinngebung durch das Schicksal oder Vorsehung oder höheren Macht ist ein zweifelhafter Trost in unserem beschädigten Leben, in dem wir tagein, tagaus in einem öden Trott eingespannt sind, aus dem wir mit solchen Geschichten ausbrechen wollen. Ich lehne für mich persönlich diese externe Sinnstiftung meines eigenen Lebens ab und ich möchte ein sinnerfülltes und zufriedenes Leben in dieser Welt für alle Menschen und keinen schwachen Trost von imaginierten Superkräften, die ja auch nur notwendig und vorstellbar sind, eben weil unsere Realität so mies ist. Diese Gier nach Superhelden und Geschichten mit Superhelden in unserer Zeit zeigt doch erst, wie kaputt und entfremdet unsere Welt uns selbst geworden ist.

Einer Legende zufolge gibt es immer 36 Gerechte auf der Welt, die der Grund dafür sind, dass die Welt noch nicht gänzlich in Schutt und Asche liegt. Diese 36 Gerechte sind nicht bekannt und man weiß nicht, ob sie arm oder reich, einflussreich oder gewöhnliche Menschen sind. Ohne ihre selbstlosen Taten wäre die Welt aber schon längst zerstört. Wenn einer der Gerechten stirbt, wird irgendwo ein anderer geboren. Ihre Identität darf nie bekannt werden. Ich mag diese Legende weitaus lieber als die seltsamen, ruhmsüchtigen Superhelden, die davon leben, dass man sich ihnen passiv und hierarchisch unterordnet.

Aber wieder zurück zur Frage. Meine Superkraft wäre also die, die Superkräfte überflüssig machen würde. Es wäre die Einlösung des Versprechens der Versöhnung von der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung aller Menschen und dem gesellschaftlichen Ganzen. Aber das kann kein menschlicher Erlöser, Prophet oder wie sie heute heißen: Superheld, vollbringen. Entweder ist das ein gesellschaftlicher Prozess auf den wir zuarbeiten, oder wir leben in der vormessianischen Zeit. Das darf sich dann jeder selbst aussuchen.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

15 Kommentare

  1. Selten so ein spannendes „Stöckchen“ gelesen. Und ich mag deine Superheldengedanken. So hab ich das nämlich noch nie betrachtet. Spannend spannend. 🙂
    Viele liebe Weihnachtsgrüsse (ausnahmsweise mit doppeltem s weil das iPad die korrekte Schreibweise gerade nicht zulässt) aus der Ferne,
    Eleni

  2. Herzlichen Dank, lieber Wolfgang, eine ECHTE Horizonterweiterung!!!

    Dir ein feines Silvester/Neujahr!
    LG vom Lu

    PS: Bitte ganz oben beim Link zu mir statt Fingbar, nur Finbar *lächel*

  3. Die Sache mit dem Blogstöckchen habe ich dank Dir nun auch begriffen. Wurde vor kurzem gerade selber nominiert und war etwas überfordert, weil ich nicht so recht wusste wer/was/wozu und überhaupt. Danke für die Infos! 🙂 Dein Blog ist schön. Ich bleib Dir auf den Fersen 🙂

    1. Vielen Dank!
      Ja, das Spiel funktioniert eigentlich etwas anders: Man nominiert zehn (oder elf, oder…) Blogs, die einem gut gefallen, um sie seinen eigenen LeserInnen zu empfehlen und aus den Schreiberlingen ein paar interessante Dinge herauszukitzeln. Der Grundgedanke ist, neue Blogs kennenzulernen. Mein Punkt ist jetzt aber, dass sich das oft im Kreise bewegt und ich vielleicht auch nicht andere Blogs nominieren kann als die dreißig Leute vor mir. Und wenn niemand mehr weitere Blogs nominiert, hat sich das ganze auch irgendwie erledigt. Aber so war das mit den Kettenbriefen früher auch. 😉

      1. Habs mir eben irgendwie auch so vorgestellt – ich hab jetzt einmal mitgemacht und ein paar weitere nominiert. Mir ist aber in den letzten Wochen auch aufgefallen, dass ich beinahe auf jedem Blog immer wieder eine Nomination gelesen habe. Und Kettenbriefe habe ich immer gehasst. Genauso wie die Ketten-SMS, die man an alle weiterleiten soll, welche man gern hat. Was soll der Mist? Solche Sachen lösche ich immer gleich. Im übrigen gefallen mir ja alle Blogs, die ich abonniert habe, sonst hätte ich sie ja nicht abonniert. Wen nominiert man denn da am besten? Schwierig! Eigentlich kein kluges Spiel! 🙂

      2. Es ist manchmal schon interessant, weil es auf interessante Blogs hinweisen kann und manchmal auch interessante Dinge gefragt werden. Letztlich muss aber jede/r selbst einen Umgang damit finden.

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