Es gibt ja unterschiedliche Erklärungen, wie Zivilisationen und Kulturen entstehen und weshalb sie untergehen. Das Buch von Harald Welzer, das ich vor kurzem vorgestellt hatte, beschäftigt sich ja auch zumindest teilweise mit dem Untergang unserer eigenen Zivilisation, den wir sozusagen live miterleben. Der Ansatz von Franz Borkenau ist nun ein anderer: Er erklärt zum einen die Entstehung einer Hochkultur aus dem Untergang einer anderen, und zum anderen, das folgt daraus, er erklärt die Entstehung unseres Abendlandes aus dem Untergang des Römischen Reiches.

Die konventionelle Vorstellung sagt ja, dass die Geburt des Abendlandes mehr oder weniger die Mischung zwischen griechischer Mythologie und Philosophie sowie christlich-römischem Staat sei. Ich möchte hier nun nur kurz auf eine Kritik des Begriffes Abendland eingehen, die durchaus seine Berechtigung hat, wenn man zum Beispiel an Edward Said denkt. Er arbeitete heraus, dass das Gegensatzpaar Orient/Okzident (Okzident ist der lateinische Name für Abendland) konstruiert wurde, um das eine von dem anderen abzugrenzen und so identitätsstiftend zu wirken. Diese Konstruktion von Identität lässt sich in der deutschen Kulturgeschichte an vielen Stellen nachweisen, so lässt sich dies feststellen zum Beispiel an Goethes West-östlicher Divan, es zeigt sich, dass die afrikanischen Kolonien des deutschen Kaiserreiches notwendig waren für das imperialistische Selbst- und Weltbild in Deutschland, und die Identitätssuche von Schriftstellerinnen und Schriftstellern an der kolonialen SprachperipherieDeutschlands gibt auch Antworten für das Selbstbild der Mehrheitsgesellschaft, wie zum Beispiel bei Schriftstellern aus der Bukowina, Paul Celan und Herta Müller, aber auch bei Kafka. In der Literatur, nur um das kurz anzuschneiden, findet sich diese Abgrenzung und Vergewisserung der eigenen Identität oft bei Grenzfiguren der Exklusion, des Fremden und Nichtidentischen, wie etwa bei Goethes Mignon im Wilhelm Meister oder Kleists Michael Kohlhaas, aber auch Achim von Arnims Isabella von Ägypten, oder eben bei Kafka, wie etwa in Auf der Freitreppe oder Ein Bericht für eine Akademie. In der nichtdeutschen Literatur des Abendlandes findet sich diese Grenzkonfiguration zum Beispiel bei Shakespeares Shylock oder etwa in Form der exkludierten Frauenfiguren bei Baudelaire. Die amerikanische Literatur ist übrigens voll von der Suche nach einer Identitätsbegründung, man denke nur an Jean de Crèvecoeur, der Begriffe prägte wie „American Dream“, „Melting Pot of Cultures“ (Schmelztiegel der Kulturen) und Berichte lieferte, die bis heute unser Amerikabild prägen, wie etwa der Gedanke der Frontier.  Das soll nur kurz als Hinweis dienen, dass der Begriff des Abendlandes vielschichtiger ist, und oftmals auch eine Geschichte der Transformation ist, als es im Moment zeitgenössisch disktutiert wird.

Foto: Wolfgang Schnier

Aber zurück zu Franz Borkenau. Er sagt nun, dass das Abendland eben nicht das Produkt aus griechischer Mythologie und Philosophie einerseits und christlich-römischem Weltreich andererseits sei. Vielmehr lautet seine These, dass erst in der Auseinandersetzung des im Untergang begriffenen römischen Reiches mit den barbarischen Germanen und Iren der Grundstein für eine gemeinsame europäische Identität gelegt wurde. Zwei Beispiele, die auch schon seine Hauptargumentation sind, will ich kurz ansprechen. Da ist einmal das linguistische Argument. Die synthetischen indogermanischen Sprachen der Antike, Sanskrit, Altgriechisch und Latein, haben in der Sprachpraxis kein Personalpronomen, sie synthetisieren alle Informationen in einem Wort: feci enthält als Information, dass etwas getan wird, wer dies tut und wann es getan wurde. Die analytischen Sprachen, wie das Deutsche, trennen diese Bestandteile: Ich habe getan. Borkenau stellt nun fest, dass in einer der ältesten Inschriften, die wir vom Altnordischen haben, etwas anders ist als in der Sprache der Hochzivilisationen der Römer und Griechen. Auf diesem Artefakt steht: Ich, Holtijaz, machte das Horn. Diese exklusive Stellung des Personalpronomens „Ich“ vor dem Verb ist für Borkenau ein radikaler Bruch mit der Tradition der Antike, es ist Zeichen einer radikalen Individualisierung, die sich nicht nur in den Mythen niederschlägt (auf die germanischen Mythen geht Borkenau ebenfalls ein), sondern bis in die Sprache hinein verwurzelt ist. Und das Argument ist nicht von der Hand zu weisen: Die modernen Sprachen des Abendlandes, auch solche, die aus dem Lateinischen hervorgegangen sind, wie etwa das Französische, benutzen das analytische Verfahren, wonach das Personalpronomen vor das Verb gestellt wird. Dies sieht Borkenau als ein eindeutiges Indiz, dass in der dialektischen Auseinandersetzung zwischen dem schwächelnden christlich-römischem Weltreich und den erstarkenden barbarischen Germanen eine neue Geisteshaltung entstanden ist, die erheblich zur Identität des Abendlandes beigetragen hat, wie wir es heute kennen. Die Betonung des Individuums und des Individuellen führten letztlich zu den persönlichen Freiheitsrechten der Aufklärung und zu der Entdeckung und Formulierung der Universalität der Menschenrechte. Das ist, vor allem anderen, Ergebnis der abendländischen Entwicklung.

Das andere Argument, das Borkenau anführt, geht zurück auf die Auseinandersetzung der frühen christlichen Kirche mit Pelagius, vermutlich ein Ire, sicherlich aber ein Kelte, der einen großen Einfluß auf die frühe irische Kirche ausübte. Pelagius lehrte, dass moralische Vollkommenheit für den Menschen erreichbar sei durch bloße Anstrengung des freien Willens, unabhängig vom Zutun göttlicher Gnade. Verbunden war diese Vorstellung mit einem leidenschaftlichen Glauben an Christus und einer besonders starken asketischen Moral. Dies rief nun den erbitterten Widerspruch von Augustinus hervor, der auf die Erbsünde und die Prädestination als Grundlage des christlichen Glaubens beharrte. Augustinus setzte sich bekanntlich durch, die Erbsünde, die Prädestination und die Abhängigkeit des Menschen von der göttlichen Gnade wurden kirchliches Dogma. Und obwohl Pelagius mit seiner Auffassung scheiterte, führte die Auseinandersetzung mit ihm und seinen Anhängern dazu, dass sich die Westkirche für Jahrhunderte mit den Themen Sünde, Gnade und das moralische Verhalten des Individuums auseinandersetzte, während die Ostkirche mit Fragen beschäftigt war, die vom Menschen und dem Individuum absahen, wie etwa die Diskussion über die Natur der Dreieinigkeit und Christi. Der Konflikt mit Pelagius ist zum Ausgangspunkt einer eigenständigen Entwicklung der westlichen katholischen Kirche geworden.

Das Buch ist posthum erschienen, Franz Borkenau hatte nach seinem frühen und überraschenden Tod lediglich ein loses Manuskript hinterlassen, das mit beinahe dreißig Jahre Verzögerung von seinem Freund Richard Löwenthal publiziert wurde. Die einzelnen Essays sind fragmentarisch geblieben, allerdings ist die Hauptargumentation deutlich zu erkennen und das Buch ist ein hochinteressanter Beitrag zum Thema Abendland, der helfen kann, diesen völlig überladenen Begriff in der Debatte heutzutage auf eine Grundlage zu stellen, die der geistig-intellektuellen Genese dieses Begriffes gerecht wird. Jeder, der heutzutage den Begriff Abendland im Munde führt, sollte sich dieses Buch einmal ansehen, damit er oder sie weiß, wovon eigentlich die Rede ist. Ansonsten sind diese Diskussionen irgendwie müßig, finde ich.

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Franz Borkenau: Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und von der Entstehung des Abendlandes. Herausgegeben und eingeführt von Richard Löwenthal. Stuttgart 1984. ISBN: 3608930329.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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