Ich suche nach der Definition von Kitsch von Walter Benjamin. Es ist halb drei in der Nacht. Egal, es interessiert mich und ich weiß nicht mehr, wo ich sie aufgeschnappt habe. Erste Anlaufstelle: Wikipedia. Nicht sehr ergiebig an der Oberfläche, aber auf der Diskussionsseite finde ich einen Hinweis auf einen FAZ-Artikel, der die Gedichte Celans als Katalysator des Kitsches sieht, Celans Gedichte transformieren den Kitsch aus dem Trivialen ins Intellektuelle?! Spannend, will ich lesen!

Aufgeregt stecke ich mir eine Zigarette in den Mund – mein Blick fällt auf den hoffnungslos überlaufenen Aschenbecher: Die Zigarettenkippen fallen schon nach allen Seiten heraus, die Asche staubt längst über. Ich will ihn also entleeren, laufe am Fenster vorbei, die frische Nachtluft steigt mir in die Nase und ich bekomme Lust mir den Sternenhimmel anzusehen. Draußen auf dem Balkon stehend, rauchend, die Sterne und den vollen Mond betrachtend, fällt mir wieder der Kitsch ein. Ich schäme mich ein wenig und gehe wieder hinein. Einem Bauchgefühl folgend führt mein Weg mich in die Küche und an den Kühlschrank. Während der Käse in der Mikro auf dem Brot schmilzt, schlurfe ich zurück an den PC. Der Aschenbecher. Der steht noch am Fenster. Ich stehe auf, mache den Aschenbecher leer, setze mich wieder an den Computer. Der Mikrowellenherd piepst. Kitsch und Celan, achja. Ich frage Robert, der um diese Uhrzeit wie selbstverständlich auch noch online ist, ob er weiß, ob wir über das Uninetzwerk Zugang zum FAZ-Archiv haben. Während er schreibt, dass er es nicht weiß, hab ich es schon gefunden; mit meinem VPN-Zugang funktioniert es aber nicht, also bitte ich Robert, der in seiner Studentenbude direkt im Uninetzwerk ist, mir den Artikel runterzuladen und zuzusenden. Mein Bauch meldet sich wieder und ich nehme mein Essen aus der Mikro. Ich ärgere mich, dass ich kein Besteck mehr im Besteckkasten habe und die Spülmaschine öffnen muss. Ich räume die Spülmaschine halb aus, zumindest mal das Besteck. Den Rest hebe ich mir für später auf. Mit dem halbwarmen Käsetoast mache ich mich wieder an den Rechner. Robert braucht ein wenig länger mit dem runterladen. Bei der Gelegenheit, beim Hin- und Herklicken zwischen der Datenbankseite und den verschiedenen FAZ-Archiven sehe ich, dass die Filmrezensionen der FAZ über VPN verfügbar sind. Toll, denke ich mir, und fange gleich an zu stöbern. Ich lese die Kritik zum Fünften Element – ein Verriss. Ich lese die Kritik zu From Dusk till Dawn – ein Verriss. Ich lese die Kritik zu Leon der Profi – ein Verriss. Ich frage Robert, ob er noch an mich denkt. Er denkt an mich, Moment. Ich klicke durch das alphabetische Archiv, lese einen Verriss nach dem anderen – ich lese nur Rezensionen über Filme, die mir wenigstens ansatzweise gut gefallen haben – und endlich kommt der Artikel von Robert. Ein paar Nachrichten hin und her und ich bekomme auch ein schönes pdf-Dokument. Ich lese gespannt den Artikel über Celan und Kitsch, Walter Benjamin und Kitsch und über Gottfried Benn und Kitsch. Ich lese ihn ein zweites Mal, damit ich ihn auch verstehe. Walter Benjamin, stimmt, da war ja was. Seltsamerweise sagt der Artikel, Walter Benjamin sei Kitsch, jedoch was Walter Benjamin über Kitsch gesagt hat, steht nicht darin. Den Artikel schicke ich noch schnell einer Bekannten, das wird sie interessieren. Bei der Gelegenheit erzähle ich ihr noch, dass ich am Wochenende vermutlich nicht in der Stadt bin, sondern einen Termin irgendwo sonst in Deutschland habe, gleich nach meinen Auslassungen, wie man Walter Benjamin oder Paul Celan bloß mit Kitsch zusammenbringen könne und meiner persönlichen Verschwörungstheorie für diese Nacht, dass für den Autor des Artikels wohl die Opfer des Nationalsozialismus die Erfinder des neuen deutschen Kitsches sein sollen. Da fällt mir ein, dass ich mich noch um diesen Termin kümmern muss und dass man noch auf eine Zusage von mir wartet. Also dort auch dort noch schnell eine Mail hingeschickt.  Dabei sehe ich in meinem Emailpostfach eine der letzten Mails der Stiftung mit diversen Erinnerungen an die nächsten Fristen und andere Formalitäten, um die ich mich endlich einmal kümmern sollte. Ich wühle mich also durch die letzten Emails und die letzten Protokolle, um alle nötigen Dinge schonmal vorzusortieren. Walter Benjamin, Kitsch. Hm. Ein wenig deprimiert sitze ich nun, es ist über anderthalb Stunden seit meiner eigentlichen Suche vergangen, vor dem Computer und denke so über mein Rechercheverhalten an manchen Tagen nach…

Achja, in dem Browser ist noch eine Seite offen: Im Nachgang zu Natural Born Killers berichtet das Filmarchiv der FAZ über Amokläufe und wie zu der Zeit damals irgendwie noch versucht wurde, eine direkte Verantwortlichkeit des Regisseurs vor Gericht einzuklagen. Ähnlich ging es ja Judas Priest, nach dessen Beyond the Realms of Death sich ein Jugendlicher umgebracht hatte, das war damals der erste Prozess, indem versucht wurde, eine direkte Verantwortlichkeit für Künstler zu konstruieren. So. Nachdem ich mir also dann Beyond the Realms of Death angehört habe, möchte ich den FAZ-Artikel über Natural Born Killers auch Robert zukommen lassen, der immer noch schwer beschäftigt ist. Er wirkt etwas ratlos, bedankt sich aber artig.

Danach folge ich noch ein wenig meiner Nase, sie führt mich in dieser Nacht noch einige Male an so manch interessante Stelle. Dafür sind Studentennächte ja auch da!

P.S.: Falls jemand die Kitschdefinition von Walter Benjamin findet, ich hätte da Interesse.

Dies ist eine überarbeitete und gekürzte Tagebuchnotiz aus den frühen 2000er Jahren.  

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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