3.9.2011, Louvre

Napoleons Krönungsbild im Louvre hat mich gefangen. Es ist so detailreich, hat so viele verschiedene Gesichter, und Ausdrücke und Charaktere, es ist faszinierend. Es wirkt wie eine Fotografie, als hätte jemand einen Schnitt durch die Zeit vorgenommen. Ich war selten von einem Gemälde so fasziniert. Die Mona Lisa erscheint blass und schal, die Erwartungen waren viel zu hoch gesteckt, jedenfalls empfinde ich es so. Mir war es aber wichtig gewesen, sie einmal im Original zu sehen. Sie ist so dunkel, das Bild wirkt dunkel; vermutlich ist das dem Sicherheitsglas geschuldet, hinter der die Mona Lisa hängt. Ist es überhaupt die echte Mona Lisa, oder vielleicht aus Sicherheitsgründen nicht doch eher eine Kopie? Wer wollte das entscheiden und wer wollte es verdenken? — Ich habe mir das Krönungsbild als Plakat gekauft. Es gibt darauf eine Frau, eine der drei Schwestern Napoleons, die auf etwas oder jemanden außerhalb des Bildes blickt. Es ist faszinierend: jeder auf dem Bild, der eine direkte Sicht auf Napoleon hat, schaut ihn an; außer sie, sie verweigert sich dem. Sie schaut an der Szene vorbei, sie schaut fokussiert, als fände etwas Entscheidendes außerhalb des Bildes statt. Was ist das nur? Was könnte es sein? Was könnte wichtiger sein, in dieser Situation, in Notre Dame? Jacques-Louis David malte sich selbst in die Tribüne des Bildes im Hintergrund. Sein Alter Ego kann also ebenfalls das sehen, was diese Frau außerhalb des Bildes sieht. Wie kann Wichtiges außerhalb, ja, hinter Napoleon existieren, auf das der Blickfokus liegen muss? Kunstwerke transzendieren Wirklichkeit, und es sind die Details, die das entscheiden.

4.9.2011, Versailles

Versailles, Postmoderne: Am Kristallfenster in den königlichen Gemächern klebt Kaugummi. Dahinter Louis XV. als Allegorie, wie er der personifizierten Europa Frieden anbietet.
Marie-Antoinettes Schlafzimmer, aus dem sie durch eine Hintertür fliehen mußte, um von dem Mob zu entkommen. Versailles ist ein Labyrinth, viele Wege muß man doppelt gehen, und für die Öffentlichkeit ist nur ein Bruchteil zugänglich.
Es gibt eine Kopie des Bildes, das die Krönungszeremonie mit Napoleon zeigt, das ich gestern im Louvre gesehen habe. Es ist aus der gleichen Zeit vom gleichen Künstler angefertigt worden, aber entweder ist das Bild im Louvre restauriert worden, oder dieses hier ist nicht ganz so kunstfertig. Ich glaube aber, hier das ist eine Kopie. Bei der Version des Bildes hier sind es auch zwei Frauen, die aus dem Bild herausschauen. Das Bild ist sehr viel größer. Ich erschrak, als ich es hier sah.

Foto: Wolfgang Schnier

T.  musste mich regelrecht nach Versailles zwingen. Ich war missmutig und genervt und habe mir keine Audiotour mitgenommen, obwohl sie kostenlos gewesen ist. Ich wollte den Ort auf mich wirken lassen, ohne dass dies von vorgefertigtem Schulbuchwissen erdrückt wird. Es war dann auch schön gewesen, es hat eine ganz andere Authentizität, wenn man am Ort des Geschehens ist. Ich frage mich, ob Stefan Zweig je in Versailles gewesen ist. Die Räume im ersten Geschoß sind lächerlich hoch, es muß ein gehöriger Aufwand gewesen sein, sie zu heizen. C. hat auch erzählt, wie sehr Ludwig XIV. gestunken haben muß. Er soll verschiedene vereiterte Löcher im Mund gehabt haben, jahrelang ohne vernünftiges Waschen zugebracht haben. Die Frauen haben sich nicht wegen der Hitze frische Luft zugewedelt, sondern weil es so miasmatisch gestunken hat.

Die eigentliche Lebenswelt von Ludwig XIV. beschränkte sich auf zwei Räume. Sein Schlafzimmer und sein Arbeitszimmer. Das Arbeitszimmer lag so, dass er in den Hof schauen konnte. Hier fanden Audienzen statt, hier regierte er den kulturellen Mittelpunkt Europas aus einem Zimmer, das, verglichen mit anderen Räumen in Versailles, erdrückend klein wirkt. Hier fiel mir eine Idee für eine Erzählung ein, die mich für die Rest der Zeit in Versailles beschäftigte. Nur der Spiegelsaal interessierte mich noch, ich schlenderte beinahe teilnahmslos durch die anderen Räume. Die Idee verblasst in der Notiz, ich habe nicht viel Zeit, T. drängt, ich solle fertig werden:
Wie ist es wohl, wenn man sich im Laufe der Jahre immer weiter in sich selbst zurückzieht? Irgendwann folgt man nicht mehr den Gesprächen mit Freunden im Restaurant, man nutzt solche Ereignisse nur noch, damit sie als Inspiration für den inneren Monolog dienen. Man geht ins Museum oder ins Kino am liebsten alleine, man wird schwerfällig, sich mit anderen Menschen zu unterhalten, man erträgt ihre Freundlichkeit und Eigenheiten nicht mehr, man verzichtet auf immer mehr Freunde und Freundschaften, da sie nur von dem inneren Monolog ablenken. Und doch ist man angewiesen auf Zuträger äußerer Reize, auf Projektionsflächen der eigenen Gefühlswelt und als Anregung für die eigenen Monologe. Aber man wird immer besser und gewiefter im Laufe der Zeit, man zieht immer mehr Erinnerungen heran, die einen fortan unterhalten.  Der Einzelgänger geht über den Steppenwolf hinaus, er vergisst im Gespräch mit sich selbst immer mehr die anderen Stimmen, die sonst zu Wort kommen wollten. Der Einzelgänger wird arroganter zu sich selbst, je introvertierter er wird. Er wird die äußeren Reize in eine Richtung lenken wollen, er wir sie immer einseitiger gestalten, auf Reize, die ihn an andere Stimmen in ihm erinnern, immer öfter verzichten und sie unterdrücken. Am Ende sitzt er in einem leeren Raum mit cremefarbener Farbe, wo er den Tag über mit sich selbst beschäftigt ist.

5.9.2011, Cimetière Parisien de Thiais

088
Foto: Wolfgang Schnier

Heute war ich am Grab von Paul Celan. Es war nicht leicht zu finden, aber, kurz bevor der Friedhof schloss, haben wir doch noch das Grab gefunden. T. hat mir sehr geholfen, – und das ist eigentlich eine Untertreibung, weil ich ohne seine Hilfe niemals so weit gekommen wäre. Wir waren zuerst auf dem falschen Friedhof. T. fragte eine wildfremde Frau nach dem Weg, die uns schließlich zu der nächsten Bushaltestelle fuhr. Von dort waren es dann ca. 20 Minuten Busfahrt. Der Friedhof war riesig. Das Grab selbst ist ganz unscheinbar, ja, beinahe läuft man an ihm vorbei. Paul Celan liegt nicht im jüdischen Teil des Friedhofs, der eine Sektion weiter ist, sondern im christlichen Teil. Es freute mich, dass so viele Steine auf der Platte lagen. Ich habe zwei Steine auf das Grab gelegt. Seltsam fand ich, dass jemand wohl einen Mauerrest und eine Tonscherbe auf das Grab gelegt hatte. Wir waren zum richtigen Zeitpunkt dort, die Sonne war schon am untergehen, der Himmel bewölkt, und der Friedhof lag einsam und verlassen da.

Die Steine auf seinem Grab haben mich an die Steine in seinen Gedichten erinnert. Haben sie auch, neben anderem, die Wirklichkeit transzendiert? Man muss die Steine in seinen Gedichten interpretieren als die Steine, die auf die jüdischen Gräber gelegt werden. Ein Gedicht kam mir in den Sinn, ich musste es nachschlagen, ich hatte es nur noch bruchstückhaft in Erinnerung:

In den Flüssen nördlich der Zukunft,
werf ich das Netz aus, das du
zögernd beschwerst
mit von Steinen geschriebenen
Schatten.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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