Es soll ja Menschen geben, die versuchen, Einfluss auf ihre Kinder zu bekommen, wenn die deutschen Pädagogen sie nachmittags endlich in Ruhe lassen. Ein kniffliges Thema dabei ist die jüngere deutsche Geschichte. Vielleicht mag man diesen Teil doch lieber den Spezialisten in der Schule überlassen? Mag sich wegducken, wer will, wer allerdings aktiv und offensiv mit diesem Thema umgehen möchte, sollte sich etwas überlegen. Und da kommt dieses Buch wie gerufen.

Dieses Buch eignet sich nämlich sehr gut, um den eigenen Kindern abseits der Schullektüre etwas zu diesem Thema an die Hand zu geben. Es ist letztes Jahr im Dezember erschienen und gefällt mir sehr gut. Wenn man sich also dieses Buch anschafft, seinem pubertierenden Nachwuchs einschärft „Lies das auf keinen Fall!“, dann könnten die Chancen vielleicht wirklich gut stehen, dass das Buch seinen Adressaten findet.

Worum geht es? Nun, Eliane Loew hat als jüdisches Mädchen in Berlin den Krieg in unterschiedlichen Schlupflöchern überlebt, die ihre Eltern für sie arrangierten, bevor sie von den Nazis umgebracht wurden. Eines Tages stolpert sie vom Hunger und Durst zerfressen aus ihrem letzten Versteck – der Krieg ist zu Ende. Hier beginnt die Geschichte von der Suche nach der eigenen Identität und der Möglichkeit einer eigenen Existenz. Über Umwege kommt das junge Mädchen an Bord der Exodus und wird somit Teil der Staatsgründung Israels. Auf ihrem Weg nach Eretz Israel bekommt das jüdische Mädchen, das keinen Stern trug, eine wichtige Aufgabe, die sie zu erfüllen hat, an der sie wachsen kann.

An dem Buch lässt sich zeigen, was Literatur, also Belletristik, leisten kann und all den Sachbüchern, die es zu diesem Thema, auch kindgerechte, zu lesen gibt, voraus hat. Das ist nämlich: Empathie. Die jugendlichen Leser können sich fragen: Wie fühlt es sich an als Jugendlicher verfolgt zu sein? Wie fühlt es sich an, angefeindet zu werden? Wie können schreckliche Dinge einen Namen bekommen? Wie kann man darüber reden? Wie konnte eine Jugendliche damals damit umgehen? Diese Antwort findet man in diesem Buch. Dabei fehlt weder eine solide historische Basis, noch eine souveräne Héroïne oder eine romantische Liebesgeschichte. Vermutlich also gerade das Richtige für pubertierende Mädchen (Jungs lesen in dem Alter sowieso nicht).

Nenn mich nicht beim Namen
Foto: Wolfgang Schnier

Eliane Loew ist ein wenig überzeichnet, aber das ist gut so: Sie ist nahezu schlafwandlerisch souverän und stark, und bietet damit das richtige Identifikationspotential. Sie agiert häufig in einer Mischung aus kindlichem Trotz und kühler, souveräner Rationalität, eben so, wie das Handeln von Erwachsenen manchmal Jugendlichen erscheinen muss. Damit steigt die Bereitschaft, sich mit Eliane zu identifizieren, aber führt auch dazu, dass das Buch nur bedingt für Erwachsene geeignet ist, da man über diese im Grunde etwas unglaubwürdigen Stellen stolpert. Aber das dürfte nicht weiter schlimm sein, die Zielgruppe ist schlicht eine andere.

Die historischen Umstände werden souverän im Erzählen erklärt: UNRRA, die Konzentrationslager, die Hagana, das Aliyah-Projekt und die Exodus werden im Rahmen eines Romans mit Fleisch gefüllt, plastisch dargestellt und für die eigene Vorstellungswelt verständlich präsentiert. Allerdings fand noch der Mythos der Trümmerfrauen Eingang in die Erzählung; neuere Untersuchungen zeigen, dass dies ein arrangierter Mythos der unmittelbaren Nachkriegszeit war, der sich bis heute so gehalten hat.

Interessant sind die Anspielungen auf die jüdische Mystik und Geschichte. Wo kommt man in dem Alter schon mit einem Schibboleth  in Berührung? Oder die Bedeutung der Namen für die jüdische Identität. Auf ihrer Schnitzeljagd durch Berlin, um ihre Identität bestätigen zu können, ruft Eliane Loew an einer Stelle energisch aus (und nicht verzweifelt!): „Falls Sie meinen Namen kennen und wissen, was mit meinen Eltern passiert ist… Bitte, wenn sie können, helfen Sie mir! Sagen Sie mir, was geschehen ist. Damit ich zu einem Namen komme.“ Hier wird im Subtext mitten aus der gelebten jüdischen Mentalität heraus erzählt, und gerade nicht von der Kanzel herab gepredigt oder als hätte man einen sterilen Untersuchungsgegenstand vor sich.

Alles in allem ein sehr schönes Buch. Ein wenig schade finde ich, dass mir in meiner Jugend kein solches Buch über den Weg gelaufen ist. Aber, ach ja, stimmt: Jungs in dem Alter lesen ja sowieso nicht. Also, geschenkt.

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Waldtraut Lewin: Nenn mich nicht bei meinem Namen. Ein Mädchen an Bord der Exodus. München 2014. 8,99 €
ISBN: 9783570402283

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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4 Kommentare

      1. Ich fände es ja schön, wenn die mal was schreiben würde über eines der Bücher, die sie so liest. Aber soweit kriege ich sie nicht, trotz allem Tantenbonus. Aber immerhin liest sie, das ist ja schon mal was…

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