Man kann über Thomas Mann denken und sagen, was man möchte, eines ist nicht von der Hand zu weisen: Es gibt kaum einen vergleichbaren deutschen Schriftsteller, der alle Lebensphasen in dieser Weise schriftstellerisch begleitet hat so wie er. Vor Jahren las ich in seinen Tagebüchern und ich war fasziniert. Einerseits war mir das gut-situierte bürgerliche Leben in der Weimarer Republik mit dem streng an Erwerbs- und Existenzsorgen vorbei gehenden Tagesablauf fremd, andererseits aber las ich mitfühlend, wie er von der harten Arbeit an einem Gedicht tagelang schlechte Laune hatte, weil ihm das rechte Wort nicht einfallen wollte.

So steht es auch im Tristan so schön beschrieben, man muss diese Stelle  autobiographisch auf Thomas Mann selbst beziehen: „Für einen, dessen bürgerlicher Beruf das Schreiben ist, kam er jämmerlich langsam von der Stelle, und wer ihn sah, mußte zu der Anschauung gelangen, daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.“

Wer einen ersten Zugang zu Thomas Mann sucht, sich aber von der schieren Materialfülle erschlagen fühlt, dem empfehle ich einen Blick in das Buch 49 Fragen und Antworten zu Thomas Mann von Thomas Klugkist zu werfen. Damit sollte ein erster Einstieg gelingen, ohne gleich überfordert zu sein.

Vielleicht hilft es auch, wenn man sich Thomas Mann von hinten nähert: Seine Reden zum Zeitgeschehen und Aufsätze über andere Schriftsteller bieten einen sehr guten Einstieg in die Gedankenwelt von Thomas Mann. Ihm wurde immer ein wenig vorgeworfen, einzig aus einer privilegierten Position heraus zu schreiben und seine Ansichten zu entwickeln. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Ich sage auch nicht, dass die Sichtweise von Thomas Mann die einzig legitime sei, noch, dass man auf andere Darstellungen verzichten solle. Nachdem ich aber ein knappes Dutzend Reden und Miszellen, einige Erzählungen und den Doktor Faustus gelesen hatte, habe ich für mich beschlossen, dass mir seine Sprache gefällt, Großbürgertum hin oder her. Nicht zuletzt ist das auch eine Geisteshaltung, die uns heute noch fremder ist als seinen Zeitgenossen. Thomas Mann ist ein Repräsentant einer ganz bestimmten bürgerlichen Schicht, die, wenn man sich einmal umsieht, allerspätestens irgendwann in den 1970ern oder 1980er Jahren endgültig verschwunden ist (und das ist vermutlich schon viel zu spät angesetzt).

Ich habe mir die zweite, erweiterte Auflage der Gesammelten Werke aus dem Jahre 1974 antiquarisch besorgt. Die Exemplare sind sehr gut erhalten und kamen sehr zügig hier an.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Empfehlung. Ich lese Thomas Mann sehr gern, bin aber kein allzu großer Tagebuchfreund, jedoch über die beschriebene Stelle mit der schlechten Laune wegen eines nicht zu findenden Wortes musste ich lächeln und sollte mich vielleicht doch mal ranwagen…
    Herzliche Grüße aus Jena,
    Marlis

    1. Ich lese gerne in Tagebüchern, liebe Marlis. Auch die Korrespondenzen von historischen Persönlichkeiten können interessant sein. Viele Strecken können aber auch etwas ermüdend sein, das stimmt. Bei Thomas Mann hatte ich allerdings nicht das Gefühl. Jedoch wusste er ab einem bestimmten Punkt, dass seine Tagebücher nach seinem Tod veröffentlicht werden würden. Das sollte man im Hinterkopf behalten.

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