Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich eine Melodie an einen ganz bestimmten Ort erinnert. Manchmal erinnert mich eine Melodie auch an eine bestimmte Zeit in meinem Leben. Manchmal fällt beides zusammen: Das ist dann wirklich ein großartiges Erlebnis, musikalisch und atmosphärisch.

Ein guter Freund machte mich auf dieses Album aufmerksam: Unter dem Label James Farm haben sich die Jazzgrößen Joshua Redman, Aaron Parks, Matt Penman und Eric Harland zusammengetan und letztes Jahr dieses Album herausgebracht. Und dieses Album erinnert mich an New York City.

Wenn Menschen in Europa an New York City denken, dann denken sie meistens an Manhattan. Das ist nicht verkehrt, aber eben nur ein Teil dessen, was NYC ausmacht. Jedenfalls sollte man zumindest einen kleinen Abstecher nach Brooklyn machen, wenn man schonmal dort ist — meine Empfehlung für ein gutes Pub, abseits der Touristenfallen: Chip Chop in 383 5th Ave, Brookyln. Es geht ja nichts über einen frittierten Käsekuchen! Sicher kann man seinen kompletten USA Urlaub auf Manhattan reduzieren. Das wäre ungefähr so, als würde man seinen gesamten Deutschlandbesuch auf das Hofbräuhaus in München beschränken. Kann man machen. Wer aber ein wenig Kultur und lebendige Atmosphäre erleben möchte, der kommt an Brooklyn nicht vorbei. Und wer sich davon partout nicht überzeugen lassen möchte, der muss zumindest über die Brooklyn Bridge ans andere Ufer wechseln, oder mit der Fähre rüber nach Staten Island fahren, um die Skyline von Manhattan auch richtig genießen zu können.

Foto: Wolfgang Schnier
Foto: Wolfgang Schnier

Aber zurück zur Musik. Der Jazz ist bei europäischen Intellektuellen nicht immer gut angekommen. Adorno sah in ihm zum Beispiel die Kulturindustrie in Reinform manifestiert. Damit hat er wohl recht gehabt, aber auch nur, weil das Fernsehen zu seiner Zeit seinen emanzipatorischen Charakter noch nicht völlig verloren hatte. Gemessen an dem, was die Kulturindustrie seit den 1960er Jahren alles auf den Markt geschmissen hat, kommt der Jazz heute fast schon nonkonformistisch daher. Seine Entwicklung fand größtenteils im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit statt, und seit Adornos Zeiten hat sich hier einiges getan. Zwölftonmusik hin, reiner Musikgenuss her, es gibt vielleicht noch ein paar Zwischentöne und Nischen, die von unterschiedlichen Musikformen besetzt werden, und das auch vom Jazz. Und hier hat es mir vor allem der rein instrumentale Jazz angetan.

Und dieses Quartett erinnert mich an gemütliche Spaziergänge über die Brooklyn Bridge zum Park am Hudson River, von wo man nachts die Lichter in Manhattan tanzen sieht. Dort ist man ein wenig abseits der lauten Motorengeräusche und kann die Szenerie auf sich wirken lassen. Mich überfiel damals ein Gefühl der Einsamkeit inmitten dieser Millionenmetropole. Ich war gewiss nicht allein mit diesen ganzen Menschen um mich herum. Aber ich war einsam mit meinen Gedanken und meinen Gefühlen in einer aufwühlenden Zeit, die ich sehr intensiv empfunden habe. Wenn man ein wenig zum Grübeln neigt, dann freut man sich, wenn man seine Nische findet, um abseits des Menschentrubels ein wenig seinen Gedanken nachhängen zu können. Dafür eignet sich New York City gut. Während Manhattan tagsüber voll mit deutschen Touristen ist, wird man nachts in Brooklyn selten jemanden finden, mit dem man sich in deutscher Sprache unterhalten kann. Und so ist man dann wirklich auf sich selbst zurückgeworfen, und zwar in einer Art Schwebezustand zwischen verschiedenen Welten, wie man es kaum an einem anderen Ort der Welt in sich zum Vibrieren bekommt. Man blickt auf den Nabel der westlichen Welt, auf Manhattan, während man selbst den eigenen Standpunkt hinterfragt, und die Beobachterposition, die man eingenommen hat als jemand, der etwas in der Ferne erleben möchte, trifft einen plötzlich selbst, weil man gezwungen ist, sich selbst zu hinterfragen. Und dann leuchten die Lichter in einem neuen Glanz, weil sich durch das Nachdenken über die eigene Position die Sicht auf die Lichter in der Nacht verschiebt. Man könnte fast sagen, durch Beobachtung verändert sich der Gegenstand. Ist das schon Metaphysik?

Foto: Wolfgang Schnier
Foto: Wolfgang Schnier

Auch Musik kann einen wieder auf sich selbst zurück werfen. Bewusstes Musikhören ist eine Eigenschaft, die man sich oftmals wieder zurück erobern muss. Das gleichmäßige Plätschern der Fahrstuhlmusik ist schon zu einem Cliché geworden, aber viel zu oft ist Musik nur Hintergrundrauschen, weil man keine Stille zulassen will. Somit wird bewusstes Musikhören zu einer Art Therapie: Es ist nicht bloß Konsum um des Konsumierens willen, es ist eine aktive Auseinandersetzung mit sich selbst. Die Musik ist die Stimulanz, das eigene Bewusstsein wird zum Resonanzkörper. Und hier beginnt womöglich die innere Freiheit, von der Kant einmal gesprochen hat. Die hat nämlich zuallererst auch damit zu tun, sich über den eigenen Standpunkt klar zu werden, sich Rechenschaft abzulegen über die inneren und äußeren Abhängigkeiten. Konsequente Selbstreflexion ist auch ein Selbst-Erziehen zur Mündigkeit. Wenn man dabei noch Musik hören kann — umso besser. Aber manchmal braucht man zuerst die Einsamkeit der Metropole.

Nun, jedenfalls sind das ungefähr meine Gedanken, die mir beim Hören dieser CD kommen. Sicherlich ist das ein rein subjektives Empfinden, von Individuum zu Individuum verschieden, keine Frage. Aber vielleicht zeigt es, welche Wirklichkeitsräume das Hören von Musik aufschließen kann. Mit 20 Jahren konnte ich mit Jazz übrigens noch nichts anfangen. Vielleicht kommt das erst mit der Zeit. Falls ja, dann bin ich gerade mitten drin.

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James Farm: City Folk. Recorded January 2014, at Brooklyn Recording, Brooklyn NY. Nonesuch Records. 10 Tracks, Spielzeit: ca. eine Stunde. 14,99 €

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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