„Manchmal stürzen die Kulissen ein. Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus — das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages aber erhebt sich das ‚Warum‘ und mit diesem Übedruß, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. […] Es kommt gleichwohl ein Tag, da stellt der Mensch fest oder sagt, daß er dreißig Jahre alt ist. Damit beteuert er seine Jugend. Zugleich aber situiert er sich im Verhältnis zur Zeit. Er nimmt in ihr seinen Platz ein. Er erkennt an, sich an einem bestimmten Punkt einer Kurve zu befinden, die er eingestandenermaßen durchlaufen muß. Er gehört der Zeit, und bei jenem Grauen, das ihn dabei packt, erkennt er in ihr seinen schlimmsten Feind. Morgen erst, wünschte er sich, morgen, während doch sein ganzes Selbst sich dem widersetzen sollte. Dieses Aufbegehren des Fleisches ist das Absurde.“

Camus Mythos
Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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4 Kommentare

  1. Immer wieder wichtig in diesem einmalig traurigen Buch zu lesen, immer wieder zu bemerken, wie unendlich traurig dieser Autor doch gewesen ist während seines relativ kurzen, und dennoch so wichtigen Lebens für die Menschheit…

    das bemerkte ich auch vor kurzem wieder, als ich sein Tagebuch der beiden längeren Reisen in die USA und nach Brasilien las…

    ich liebe diesen Autor immer noch sehr…

    LG vom Lu

    1. Ja, da hast Du recht. Es gibt sicherlich einen melancholischen Zug bei Camus. Den gibt es vermutlich auch in einem der schönsten literarischen Essays die ich kenne, Noces/Hochzeit des Lichts, den ich verschlungen habe wie kaum einen anderen Text.
      Danke für den Hinweis auf seine Tagebücher. Ja, die sollte ich mir einmal ansehen!

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