Es wurde schon sehr viel über das Tagebuchschreiben nachgedacht und darüber philosophiert. Prinzipiell gibt es, wie zu so vielem, zwei Arten des Zugangs: Ein individuell-persönlicher Blick, oder der Versuch einer Verallgemeinerung. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass letzteres eher Gefahr läuft in die Hose zu gehen. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass es vermutlich kaum ein subjektiveres Genre wie das Tagebuchschreiben gibt. Ich versuche daher mal das erste.

Tagebuch
Foto: Wolfgang Schnier

Zum Tagebuchschreiben braucht man ein wenig Geschick, das man sich aneignen muss. Meine ersten Gedanken dazu waren ungefähr: ‚Was soll ich da bloß hineinschreiben?‘ ‚Wenn das jemand später liest, was soll der von mir denken!‘ Oder: ‚Das hört sich jetzt aber blöd an…‘ Manchmal auch: ‚Ich habe gar nichts Interessantes aufzuschreiben.‘ Fängt man mit diesen Gedanken zu schreiben an, hat man es wirklich schwer auf einen grünen Zweig zu kommen. Und so hatte ich es schnell wieder gelassen. Wie lange das her ist weiß ich gar nicht mehr. Ich kann es ja nicht nachlesen.

Einen Ausweg fand ich erst, als ich anfing, ein Tagebuch unter einem ganz bestimmten Blickwinkel zu führen. Das hier näher auszuführen wäre mir dann doch ein wenig zu persönlich, aber solche Themen findet jeder selbst in seinem Leben: Ein Tagebuch über den beruflichen Alltag, die Entwicklung während der Ausbildung, ein Notieren der zwischenmenschlichen Beziehungen, ein Reisetagebuch. Und, ja, genau, ein Reisetagebuch hatte ich tatsächlich irgendwann angefangen und meine Eindrücke notiert (hier gibt es einen kurzen Ausschnitt daraus). Damit hatte ich ein Thema, das ich schriftlich verarbeiten konnte und musste.

Reisetagebuch
Foto: Wolfgang Schnier

Irgendwie habe ich erstaunlich lange gebraucht zu verstehen, dass es zwei verschiedene Formen des Tagebuchs gibt: Zum einen eine Chronik der Tagesereignisse, eine Auflistung der Aktivitäten und Vorkommnisse, und zum anderen ein Nachdenken über das, was mich beschäftigt hat. Beides kann miteinander korrespondieren, muss aber nicht. Mein Schwerpunkt liegt seit jeher auf der Reflexion, dem Festhalten der Gedanken, die mich beschäftigten. Nur am Rande notiere ich mir die Tagesereignisse, und entfernt erinnert mich dieses Vorgehen an Braudel und seine unterschiedlichen Ebenen der Historie.

Wer einen Rat hören möchte, wie er oder sie mit dem Tagebuchschreiben anfangen könnte, sozusagen einen Einsteigertipp, dann würde ich mir Folgendes überlegen: Welche Art von Tagebuch möchte ich schreiben? Eine Chronik der Tagesereignisse, oder lieber eine Reflexion der eigenen Gedanken und Gefühle? Mag man beides führen, sollte man es voneinander trennen, etwa auf einer Doppelseite links stichpunktartig die Chronik, und auf der rechten Seite die Reflexion. Bei der Reflexion würde ich empfehlen, das Tagebuch unter einem gewissen Betrachtungswinkel zu beginnen. Das kann ein studienbegleitendes Tagebuch sein, ein Reisetagebuch, ein Lesetagebuch, eine Beschäftigung mit dem Hobby oder jede andere Konstante in einem Lebensabschnitt. Im Laufe der Zeit werden sich auch noch andere Stimmen zu Wort melden, da bin ich mir sicher. Und dann ist der Prozess gut eingeölt, man hat dann Antworten auf die am Anfang gestellten Fragen. Nur anfangen, das muss man irgendwann.

Tagebuch
Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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8 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Bericht zum Thema Tagebuch. Ich muss gestehen, dass ich sehr schmunzeln musste. Erstens, weil ich selbst vor Jahren versucht habe Tagebuch zu schreiben. Was nicht geklappt hat, weil für mich ein Tagebuch etwas ist, wo ich von mir erwarten würde, dass ich jeden Tag etwas hinein schreibe. Und sei es nur „mich freut’s heut gar nicht irgendwelche Worte zum heutigen Tag niederzuschreiben.“ Und genau darin liegt auch mein persönliches Übel. Nach einer Woche hatte ich so einen immensen Druck in mir, jeden Tag etwas schlaues oder nicht schlaues hineinschreiben zu müssen, dass ich es wieder sein hab lassen. Weil ich spürte, dass ich meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht werden würde, obwohl es sich um so etwas „banales“ wie ein Tagebuch handelt. Ich war immer Gegner von auslösenden Faktoren, die einem etwas Schönes – vor allem Leidenschaft und Begeisterung- vermiesen können. Und ich wusste, wenn ich mich dazu zwingen würde weiterzuschreiben, nur um Jahre später womöglich etwas aus meiner Teenagerzeit zu lesen, dann würde ich den Spaß am schreiben verlieren. War offensichtlich gut, denn sonst würde es hierzu vermutlich kein Kommentar geben. Und den Rest meines schmunzelnden Lächelns kannst du dir vermutlich eh schon denken. 😉
    GlG, Eleni

    1. Vielen Dank für deinen augenzwinkernden Kommentar. Ja, ich hatte noch überlegt, ob ich dazu schreiben soll, dass ein Tagebuch nicht bedeutet, dass man unbedingt jeden Tag superkluge Ergüsse festhalten muss. Vor allem am Anfang waren bei mir auch Wochen zwischen den Einträgen. Aber vielleicht gehört das zu dem Gewöhnungsprozess dazu. Heute schreibe ich beinahe täglich (aber nicht zwingend jeden Tag!), weil es eingeschliffen ist und ich mit der Zeit Übung gewonnen habe.
      Ich habe aus meiner Teenagerzeit auch einige Tagebuchfragmente. Ich glaube es gibt sie wirklich noch irgendwo, aber die Tinte müsste so langsam verblassen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich meinem zukünftigen Biographen diese Texte überlassen soll, wenn es mir selbst schon zu peinlich ist, diese Notizen wieder in die Hand zu nehmen.

      1. Ich hab gestern, noch bevor ich deinen Beitrag gelesen hab, zufällig auch mit einer Freundin über Tagebücher gesprochen und sie kam da zu einer ähnlichen Schlussfolgerung wie du 😉
        Wobei ja tatsächlich sehr witzig sein kann was man da in jungen Jahren so fabriziert hat. In Wien gibt’s dazu sogar regelmäßig einen sogenannten „TAGebuch Slam.“ Also falls du mal wissen möchtest was andere Leute da so hineingeschrieben haben, hier ein Video (ganz hinunter scrollen da gibt’s ein best of vom Slam P.anoptikum): http://www.liebestagebuch.at/videos/#slam-panoptikum-diary-slam 😉

      2. Vielen Dank für diesen Hinweis. Das wusste ich nicht. Ich bin unentschlossen, ob das ungefähr meinen Humor trifft oder nicht. Aber ich glaube eher nicht. Aber ich finde die den Grad der Fähigkeit zur Selbstironie bemerkenswert, den die Leute da an den Tag legen.

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