Ein Mord, eine Leiche, ein Täter. Ist es so einfach? Der Mord an der Prostituierten Emilie Thevenin ist schon über 30 Jahre her, dank der technischen Entwicklung kann er heute endlich aufgeklärt werden. Aber reichen die Indizien aus? Auf seiner Spurensuche wirbelt Marc Rappaport, investigativer Journalist in Paris aus reichem Hause, viel Staub auf. Ein klassischer Krimi also? Ja und nein: Es ist vor allem eine Nabelschau der französischen Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert, die im Begriff ist auseinanderzufallen. Es ist also ein Gesellschaftsroman, erzählt in Form eines Krimis. Daher lohnt ein genauerer Blick auf das sehr interessante Buch von Gila Lustiger.

Viel wurde über Michel Houellebecqs Roman Soumission diskutiert. Und, wie ich denke, zurecht, und auch Gila Lustiger, die in Frankfurt am Main geboren wurde, in Jerusalem Germanistik und Komparatistik studiert hat und seit über 30 Jahren in Paris lebt und arbeitet, bezeichnet Houellebecq als den einzigen Autor, der sich die französischeGesellschaft genau angeschaut hat. Dabei hat sie, freilich, sich selbst ausgenommen, aber man muss sie ebenfalls zu den Autorinnen und Autoren zählen, die genau hinsehen auf die zivilgesellschaftlichen Probleme in Frankreich. Einige Symptome und Erklärungen sind auch auf Deutschland übertragbar, nämlich dann, wenn Aussagen über die Bedingungen der Minderheiten in einer Einwanderergesellschaft getroffen werden; hier gleichen sich die Erfahrungen der Einwanderer in Frankreich, die vornehmlich aus dem Makreb stammen, mit den so genannten „Fremdarbeitern“ in Deutschland, die aus Südeuropa und der Türkei kamen und heute in der dritten Generation in Deutschland leben. Gila Lustiger schaut in der Tat genau hin: Sie verbindet die Geschichte des persönlichen Schicksals einer viel zu jung gestorbenen Prostitutierten mit den gesellschaftlichen Bedingungen des Antisemitismus in Frankreich, dem in immer krasseren Farben schillernden Islamismus und seinem Nährboden, als auch mit dem weiten Themenfeld der Industrie- und Politikskandale. Diese Komplexität wird erzählt in Form eines Krimis.

Ein bestimmendes Thema der interkulturellen Literatur war immer auch der Status und die Rolle einer als fremd empfundenen Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft, exemplarisch thematisiert an dem gesellschaftlichen Außenseiter. Diese Thematik fand oftmals eine beinahe schon nebensächliche Beachtung, wie etwa die Figur der Mignon bei Goethe, oder war ein eher indirektes Subthema, das erst später an den Text angelegt wurde, wie etwa bei Michael Kohlhaas. In den modernen postindustriellen Gesellschaften von heute ist das anders: Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund schreiben ganz bewusst aus einer interkulturellen Perspektive, wie etwa Rafik Schami, BahmanNirumand, Emine Sevgi Özdamar oder Sherko Fatah. Viele von ihnen leben in einem anderen Sprachzusammenhang, aber publizieren aus ihrer Sichtweise in einer anderen Sprache als die der sie umgebenen Mehrheitsgesellschaft, oder kommen aus anderen kulturellen Hintergründen und publizieren fortan in einer anderen Sprache als ihre Muttersprache — zu der ersteren Gruppe gehört Gila Lustiger, zu der letzteren etwa Samuel Beckett und Milan Kundera. Allen gemein ist, dass sie mit dem scharfen Blick eines Außenseiters an ihr Thema herangehen, auf die Spitze getrieben wird dieser Blick gemischt mit einer Innenperspektive aus den erzählten Gesellschaftszusammenhängen heraus. Und genau diese sehr interessante Konstellation wählt Gila Lustiger.

Dies ist eine Komplexität, die man während des Leseflusses unbeschwert und unbewusst in Gila Lustigers Roman mitliest. Viel auffälliger ist die Erzähltechnik, wonach nach und nach ein Puzzleteil nach dem anderen aufgedeckt wird, eben so, wie man es von anderen Krimis kennt. Dabei fehlt weder eine überraschende Wendung am Ende noch eine langsame Steigerung der Spannung. Wer einen soliden Krimi erwartet, wird nicht enttäuscht werden. Aber beinahe interessanter sind die Beschreibungen der französischen Gesellschaft als eben eine postindustrielle europäische Gesellschaft, die sich aktuellen, brisanten und unsere Zeitgeschichte bestimmenden Themen stellen muss: Terrorismus, Rassimus und Antisemitismus, der Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit Minderheiten, sowie dem Verhältnis zwischen Individuum und Institutionen.

Aber der Reihe nach: Es geht um einen Mordfall an einer jungen Prostituierten, über 30 Jahre sind seit dem vergangen. Marc Rappaport, Journalist aus reichem Hause, hat sich ohne erkennbare Motivation an ihrem Schicksal festgebissen. Auslöser war die Meldung, dass der Fall nach der ganzen Zeit aufgeklärt worden sei, man fand mit Hilfe von DNA Spuren, die heute ausgewerten werden können, den mutmaßlichen Mörder. Ende der Geschichte? Nein, hier fängt es erst an: Wieso passt der mutmaßliche Täter so gar nicht in das Profil? Jemand, der sich anschnallt und pünktlich seine Steuern zahlt, weil er sich nicht vorstellen kann, dass er mit einer Gesetzesübertretung durchkommen könnte, so einer soll einen Mord begangen haben? Und so lässt Rappaport, angetrieben von immer mehr Ungereimtheiteiten, im Gespräch mit dem genervten Polizeichef, der mich irgendwie an einen New Yorker Flughafenpolizeichef in der Weihnachtszeit erinnert, nicht locker. Viel passiert nicht auf den ersten hundert Seiten, dafür erfährt man viel über die Gedankenwelt und den Hintergrund des Protagonisten: Von den erfolgreichen Kolonialgeschäften seines Großvaters, auf die sich das Familienvermögen heute stützt, von dem Sex mit seiner Freundin, die er irgendwie noch nicht geschafft hat zu heiraten, von billigem Essen mit seinem Chefredakteur in Paris  im Sommer, wenn die Pariser vor den Touristen, den Tauben und der Hitze aufs Land und ans Meer flüchten. Letztlich dreht sich die Geschichte aber um diesen Mord an der Prostituierten. Und, wie man dasmittlerweile kennt, kommt man von einem Brotkrümel zum nächsten, die Geschichte nimmt an Fahrt auf, das unbequeme Nachfragen bei einer Ungereimtheit wirft nur noch weitere Fragen auf. Was jetzt wirklich hinter dem Mord steckt? Das sollte jede/r selbst nachlesen. Aber bei diesem Weg von Rappaport von der Gosse bis zur High Society, von den Machtlosen zu den Mächtigen, von einer toten Prostituierten, für die sich niemand mehr so richtig interessiert zu Geheimnissen, die besser nicht ans Tageslicht kommen sollten, auf diesem Weg zeichnet Gila Lustiger ein Panorama der französischen Zivilgesellschaft nach, die im Begriff ist auseinanderzufallen.

Gila Lustiger Die Schuld der Anderen
Foto: Wolfgang Schnier

Moderne westliche Gesellschaften integrieren durch Gegensätze. Indem die Gesellschaften einen Rahmen bieten, innerhalb dessen die partikularen Gruppen ihre Vorstellungen, Überzeugungen, Religionen oder Tätigkeiten ausleben können, integrieren sie die unterschiedlichen Mitglieder einer Gesellschaft über Differenz, da die Zustimmung zu dem gemeinsamen Rahmen die Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist. Diese Basis besteht im Westen seit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution aus den Werten Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, sowie die Universalität der Menschenrechte mit ihren persönlichen Freiheitsrechten. Diese Überzeugungen sind mit ein Grund für die Attraktivität Europas, allerdings werden diese Werte oft auch als eine Schwäche angesehen. Eine Demokratie mit ihrem oftmals unbequemen Prozess der öffentlichen Meinungsbildung und einer unkontrollierten, freien Presse ist prinzipiell schwieriger zu regieren als ein autokratisches System. Und nicht zuletzt gelten die persönlichen Freiheitsrechte auch für die Menschen, die nicht von ihnen überzeugt sind und ihnen einen Rahmen geben, sie zu bekämpfen. Die immerwährenden Unruhen in den USA zeigen, dass selbst in einer Gesellschaft, die seit 200 Jahren Erfahrung als Einwanderungsgesellschaft hat, der Integrationsprozess ein schwieriges Geschäft ist und Rassismus und soziale Exklusionsmechanismen ebenso zu einer heterogenen Gesellschaft gehören. Prinzipiell ist das ein unabgeschlossener Diskussionsprozess, der schon alleine deshalb nicht zu einem Ende kommt, weil jede Generation wieder von Neuem ihren Platz in der Gesellschaft finden muss.

„Die Juden gehören zu Frankreich!“ — „Die Juden gehören zur deutschen Gesellschaft!“ — Das sind Sätze, an denen man sehr deutlich das Problem auf einer sprachlichen Ebene fassen kann. Diese Sätze sind Symbol für die Ausgrenzung von Juden. Wieso? Das fällt einem wie Schuppen von den Augen, wenn man die Gegenprobe macht: „Die Katholiken gehören zu Frankreich.“ — „Die Katholiken gehören zur deutschen Gesellschaft!“ Auf einen Schlag wird die Absurdität klar. „Die Brillenträger gehören….“, es wird deutlich: Richtiger wären Aufzählungen wie: „Franzosen sind Katholiken, Juden und Protestanten.“ — „Zur deutschen Gesellschaft gehören Christen, Juden und Muslime.“ Wie gesagt, die Integration der einzelnen Minderheiten, ob die jüdische oder katholische Minderheit, ist eine andauernde Aufgabe, die ständig verhandelt werden muss. Gila Lustiger erzählt beinahe nebenbei die Geschichte von Ilan Halimi:

Und seit 2006 der vierundzwanzigjährige Handyverkäufer Ilan Halimi als Jude zu Tode gefoltert worden war, beschäftigte der Antisemitismus der muslimischen Jugend in den Vororten jeden Einzelnen von ihnen. Egal, wie gelöst die Stimmung war, früher oder später wurde dieser neue ekelerregende Judenhass erörtert. Marc hatte darüber geschrieben. Er hatte den Körper des armen Jungen gesehen, der zu achtzig Prozent mit Säure verätzt worden war. Und der Anblick, der sich ihm geboten hatte, war so schrecklich gewesen, dass es sogar ihn, den abgebrühten Journalisten, erschüttert hatte. Er hatte mit dieser Erschütterung über den Prozess geschrieben, hatte jedes einzelne Gangmitglied porträtiert. Alle waren sie arbeitslos, alle Kinder von Immigranten aus afrikanischen Staaten, alle französische Staatsbürger, alle orientierungslos und frustriert, alle an den Rand gedrängt, alle von radikalislamischer Literatur aufgehetzt und verseucht und auf die Juden fixiziert, die zum Objekt von Wahnvorstellungen geworden waren. Und alle hatten sich mit ihrem selbstgebastelten Islam, der nichts mehr mit der Religion ihrer Väter zu tun hatte, die sie ihres Integrationswillens und ihrer Schwäche wegen verachteten, eine Ersatzidentität geschaffen, die ihnen eine Wichtigkeit vorgaukelte, die sie nur in der Ausübung von Gewalt ausleben konnten. Sie hatten Koranverse rezitiert, während sie auf Halimi eingestochen und glühende Zigaretten auf ihm ausgedrückt hatten. Und im Namen Allahs hatten sie ihm einen  Zeh und ein Ohr abgeschnitten. Marc hatte sich ganz besonders für den Anführer der Gruppe interessiert, der dem Delirium des Hasses verfallen war. Er hatte diesem jungen Mann zugehört, dessen Eltern von der Elfenbeinküste stammten, und gedacht, hier haben wir einen, der die gesamte gewaltätige Geschichte seines Landes, durchzogen von Sklavenhandel und Ausbeutung, kultureller Enteignung und Usurpation, Despotismus, Willkür und Demütigung, Bürgerkrieg und Korruption direkt in die französische Vororte verpflanzt hatte. Aber wie war das möglich? Und was machte man mit diesem Erbe des Kolonialismus? Wie entledigte man sich der Ressentiments? Und wie kam es, dass ein vierundzwanzigjähriger Handyverkäufer für das ganze Elend verantwortlich gemacht worden war und nicht die eigentlichen Akteure, die, wenn sie in ihren gediegenen Vierteln auch nicht mehr nostalgisch von der guten alten Zeit schwafelten und ihre koloniale Herrschaft als Zivilisierung verherrlichten, sich doch das Vorrecht einräumten, in den politischen und ökonomischen Fragen der afrikanischen Länder weiterhin mitzumischen, um sich den Zugang zu strategischen Rohstoffen zu sichern. Warum ein Jude die Folgen tragen musste? Ganz einfach, weil die Machtlosen eine leichtere Beute abgaben als die Mächtigen.
Drei Wochen hatten sie sich in einem Keller in einem dieser Sozialbauten mit Ilan Halimi amüsiert. Nachbarn und Bekannte hatten hereingeschaut. Sie waren vorbeigekommen, hatten sich das Spektakel angesehen, und keinem Einzigen von ihnen war es eingefallen, die Polizei zu informieren. Das war, was Marc niedergeschmettert hatte, was er nicht mehr hatte nachvollziehen können und wollen, weil es ihm die ganze Nutzlosigkeit dessen verdeutlichte, was man menschliche Kultur nannte oder die Genetik der Moral. Mit ein paar Irren, die quälen wollten, konnte man noch umgehen. Jede Epoche brachte ihre Psychopathen hervor. Sie gehörten weggeschlossen. Fertig, aus. Aber was machte man mit den Gaffern, die sich belustigten? Wo war ihr Gewissen als obere Instanz? Waren sie wirklich dabei, sich eine Gesellschaft ohne Gewissen heranzuziehen, in der der archaische Impuls zu töten nicht mehr durch den verbietenden Gegenimpuls des Gewissen aufgehoben wurde?

Die jüdische Community fühlt sich von der Zivilgesellschaft in Frankreich allein gelassen. Das, und nicht nur der steigende Antisemitismus, sind Gründe für die sprunghaft angestiegende Flucht von Juden nach Israel. Dort sind sie vor innergesellschaftlichem Antisemitismus sicher. Aber die Frage geht weiter: Wie geht man mit den Menschen mit Migrationshintergrund um, die nach Deutschland oder Frankreich aus dem Makreb, Südeuropa, der Türkei oder dem Mittleren Osten eingewandert sind? Die Probleme in Deutschland und Frankreich sind nahezu die selben: Die Kinder von Einwandererfamilien haben von kleinauf gesehen, wie ihre Eltern sich von morgens bis abends abgemüht haben, um sich als Teil der Gesellschaft zu integrieren, um aufgenommen und akzeptiert zu werden. Aber das Aufstiegsversprechen war ein trügerisches: Die vertikale Mobilität, der soziale Aufstieg, blieb ein Versprechen, das in den meisten Fällen nicht eingelöst wurde. Stattdessen sind selbst die Kinder, die in Deutschland oder Frankreich geboren wurden, Rassismus und Ausgrenzung ausgesetzt, als seien sie Fremde. Manche — nicht alle! — treibt das in eine Radikalisierung eines Do-it-yourself-Islams, den sie sich als krassen Gegenentwurf der befriedeten westlichen Gesellschaften zusammenreimen. Muslime selbst nun können aufgeklärt sein, aber der Islam ist es nicht. Damit hat er eine offene Flanke gegenüber dem Extremismus, der in seinem Namen mordet. Und in der Tat: In den Nachwehen zu den Anschlägen auf Charlie Hebdo waren die meisten Islamverbände in Deutschland wie in Frankreich sehr defensiv mit dem Thema umgegangen. Ein explizites Bekenntnis der Islamverbände zu der Universalität der Menschenrechte und den individuellen Freiheitsrechten, das heißt auch Religionsfreiheit verstanden als Freiheit von Religion, steht nach wie vor aus. Genau das ist eine emanzipatorische Kritik am Islam, die mit der Fremdenfeindlichkeit der Abkürzungsnazis nichts zu tun hat: Es fehlt schlicht ein offenes Bekenntnis aus innerer Überzeugung zur Aufklärung, zu den Ergebnissen der Französischen Revolution, zur Universalität der Menschenrechte, zu den individuellen Freiheitsrechten, zur Religionsfreiheit. Damit aber steht der Verdacht im Raum, dass die gemeinsame Basis, über die unsere Gesellschaften integrieren, in Frage gestellt wird.

Nun, eigentlich geht es aber in dem Roman um etwas anderes. Eigentlich geht es um die Recherche an dem Mord an Emilie Thevenin, der 19-jährigen Prostituierten, die so rebellisch war und Geschichte in Paris studieren wollte, obwohl es dafür überhaupt keinen Grund gab, weil alle jungen Menschen in dem verschlafenen Nest die Sicherheit eines handfesten Berufs vorziehen, weil ihre finanziellen Möglichkeiten das gar nicht zuließen, weil in dieser Kleinstadt Denken um des Denkens willen bereits ein Akt der Rebellion gegen die natürliche Ordnung darstellt. Und Marc Rappaport kommt überall vorbei: Er schaut in die Banlieus, in die vergessenen Vororte, er schaut sich die Bandenkriege in Marseille an, er reflektiert über die Verwahranstalten moderner Altenheime, er redet mit Polizisten und Profilern, Lehrern, Pensionären, mit Leitern von mittelständischen Unternehmen, Krankenschwestern, Prostituierten und verängstigten Ehefrauen. Dadurch ergibt sich ein Panoramabild der französischen Zivilgesellschaft, eine Mosaiklandschaft einer postindustriellen Gesellschaft in ihren unterschiedlichen Gegensätzen und Widersprüchen. Letztlich gibt der Roman auch denen eine Stimme, die keine haben, die niemand hört, die niemand sehen möchte. Es geht auch um diejenigen, die vergessen wurden und zwischen die Räder kamen. Aber das auszuführen würde die Pointe nehmen.

Insgesamt ist der Roman ein Nachdenken über gesellschaftliche Prozesse in der spätkapitalistischen Gesellschaft in Frankreich im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert. Es ist kein Thriller, dafür ist das Erzähltempo zu langsam, aber es ist auch kein Ideenroman, keine lehrreiche Parabel. Das Buch ist ein Schaubild, ein Spiegel, und in ihn hineinzusehen stimmt nachdenklich. Ebenso wie Michel Houellebecq schaut sich Gila Lustiger die französische Gesellschaft genau an. Und genauso wie Houellebecqs Roman keine Dystopie erzählt, sondern eine konsequente Spekulation über die Verhältnisse in unserer Gegenwart darstellt, so ist Gila Lustigers Roman kein Krimi im klassischen Sinne. Ironischerweise gibt es einen solchen investigativen Journalismus, wie er im Roman potraitiert wird, in Frankreich nicht. Ja, der Roman ist ein Spiegel. In Deutschland wurde der Roman bereits disktuiert (1, 2, 3, 4), zur Zeit wird er ins Französische übersetzt. Ich bin auf die Diskussionen in Frankreich gespannt.

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Gila Lustiger: Die Schuld der Anderen. Berlin 2015. 22,99 €. 
ISBN: 9783827012272

 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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