Mein Versprechen, kein Buch mehr in dieser Jahreshälfte anzuschaffen, habe ich irgendwie nicht so ganz halten können. Das lag aber vor allem daran, dass ich Bücher geschenkt bekommen habe. Aber auch, wie jetzt, dass ich mir ein Büchergeschenk aussuchen durfte, da ich jemanden für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft geworben habe. Das vernünftigste, was ich da finden konnte, war eine Ausgabe von ausgewählten Schriften Hermann Hesses. Die Auswahl umfasst alle wichtigen Publikationen Hesses, inklusive einiger interessanter Briefe. Vor allem die Briefe in den Zwischenjahren 1945 bis 1949 sind spannend zu lesen, aber auch danach reißt der (groß-)väterliche Duktus, den Hesse einnimmt, kaum ab. Man bekommt schon alleine durch das Lesen der Briefanfänge einen Eindruck der Zeitumstände, wenn Hesse etwa an „ein junges Mädchen“, im Januar 1950 schreibt: „Sie haben das Bedürfnis gehabt, als Dreiundzwanzigjährige dem Zweiundsiebzigjährigen sein Werk und Leben als unnütz und schädlich um die Ohren zu schlagen. Es muß Sie also ein großes Pflichtgefühl, ein starkes Bewußtsein um Ihre Mitverantwortlichkeit am Zustand der Welt getrieben haben, sonst hätten Sie diese Unart nicht begangen. Sie haben von mir ein einziges Buch gelesen, … „. Oder ein paar Monate später: „Lieber Herr B. Sie stellen eine Frage an mich, die immer wieder an mich gelangt: Wie kann man das Meditieren lernen?“ Und im September 1951: “ Sehr geehrte Frau Schüler! Da Sie einiges von mir gelesen haben, konnten Sie wissen, daß ich durch und durch Individualist bin, daß ich weder für die Sowjets noch für die westlichen Machtgebilde das Geringste übrig habe, daß es mir einzig auf den einzelnen Menschen und seine Seele ankommt.“

Nun, eine schöne Sammlung, denke ich. Hesse habe ich zu Schülerzeiten gelesen, das ist jetzt schon einige Zeit her. Nun fallen mir aber keine Gründe mehr ein, ihn nicht noch einmal in die Hand zu nehmen.

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Hermann Hesse: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Sonderausgabe 2015. Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG). Darmstadt 2015. Preis für Mitglieder: 79 €. 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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11 Kommentare

  1. Also dank der Zitate, die Du ausgewählt hast, fallen mir sofort Gründe ein, die Briefe Hesses, vielleicht auch Essays und andere Schriften wiederzulesen : Was für ein grossherziger Mensch. Der Zugang zu seinen Romanen fällt mir heute jedoch auch schwer – sie gehörten in einen früheren Lebensabschnitt. Vielleicht kommt das später wieder mal…

    1. Ja, alles hat seine Zeit. Ich bin auch noch unschlüssig, ob ich den Steppenwolf wieder in die Hand nehmen soll. Ich glaube, ich hatte mich irgendwann wieder dran gewagt, aber es zog mich nicht so recht mit. Aber ich werde auch zuerst einmal die Briefe wieder lesen!

      1. Steppenwolf, Narziss und Goldmund, Unterm Rad…Das sind so „Selbstfindungsbücher “ ( was nicht abwertend gemeint ist). Die treffen in bestimmten Lebensphasen. Das Glasperlenspiel dagegen habe ich noch nie vollständig geschafft.

  2. Da hätte ich auch nicht widerstehen können. Eine gute Idee so komplett – das ist ja desöfteren die Versuchung. Wir müssen sie ehren und der Jugend wieder nahe bringen – den Wert des Buches. Zumindest versuchen.

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