Es gibt ganz unterschiedliche Bücher. Es gibt sie, die streng etatistischen, geschichtsklitternden Bücher. Und es gibt auch solche, die Geisteshaltungen aus anderen Epochen und Zeiten anhängen und so tun, als könne man das Rad zurückdrehen. Sie spiegeln ihren Leserinnen und Lesern ein bestimmtes Weltbild wider, in dem sie sich wiederfinden, sich bestätigt fühlen dürfen. Und am anderen Ende des Spektrums sprechen Bücher offen über Subkulturen, über die Legalisierung von harten oder weichen Drogen, von der Gleichstellung von Homosexuellen und Transgender in einer heteronormativen Gesellschaft, sie sprechen von der Revolution, den gescheiterten und der angeblich bevorstehenden. Die Bücher sind so vielfältig und unterschiedlich wie ihre Leser. Eine Sibylle Lewitscharoff steht neben einer Sibylle Berg, ein Enzensberger neben einem Walser, ein Thomas Mann neben einem Bertolt Brecht.

Bücherlesen an sich ist nonkonformistisch, und das unabhängig von dem Inhalt. Es widerspricht dem Zeitgeist, wonach nunmehr nur der schnelle Konsum noch Glück und Seligkeit verspricht. In einer Welt der immer kleinteiliger werdenden Aufmerksamkeit, die die Seelen zerrüttet und den Geist in seinen Takt zwingt, ist das Lesen von Büchern ein Akt der Rebellion. Nichts widerspricht dem heutigen Zeitgeist mehr als seine Aufmerksamkeit und seine Konzentration über eine längere Zeitspanne auf einen Gedanken, eine Sache, eine Idee zu richten. Bücher konsumieren wir nicht wie andere Medieninhalte. Nach einem guten Buch ist man nicht mehr der selbe oder die selbe wie zuvor, denn frei nach Celan gilt: Bücher ändern vielleicht nicht mehr die Welt, aber sie verändern das In-der-Welt-sein. Während der Popsong sich selbst im Augenblick verbrennen muss, um aufzuleuchten und Aufmerksamkeit zu erhalten, verändert Dich das Buch womöglich für ein Leben lang, und wir erinnern uns an die Gefühle in dieser Zeit und vielleicht auch an die Entscheidungen im Leben, die wir zu der Zeit getroffen haben.

Nonkonformistisch ist das Bücherlesen. Nicht der gesamte Rest unseres Lebens, in dem wir schön brav den Mainstream konstituieren, von dem wir uns gerne abheben würden. Aber wir lesen Bücher. Immerhin.

Was Bücher noch leisten können: 

Bücher können die Komplexität der Welt einfangen

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

2 Kommentare

  1. … »Pro captu lectoris habent sua fata libelli« (Terenz): Da steckt es schon drin – das Buch als Lebens-Raum (Raum für ein ganzes Leben) und Geschichte, die sich ins Leben schreibt. So ist jedes (lesenwerte) Buch lang, auch das kürzeste.

    Und wenn ich zurückdenke, wie mir in Kindheit und Jugend ein Buch nach dem anderen immer aufs Neue eine neue, eigene Welt öffnete: wie zu dem Orchester der Schreibenden jeden Tag beinahe eine neue, ungehörte Stimme dazukam; – und wie im Lauf der Zeit diese Stimmen erkennbarer wurden, befreundeter, manchmal auch fremder; ihre Klangfarben änderten; die Stücke nicht mehr dieselben zu sein schienen – eine Symphonie des Geschriebenen, Gelesenen zusammenströmte: – dann wurde das Sekundenplappern und Effektgeschrei meiner zufälligen Gegenwart, die sich immer aufspielen möchte wie Ende und Anfang der Welt, zu – so wenig, als summte eine Stubenfliege vor einem unabsehbaren Fresco …

    Herzliche Grüße

    T. R. Brandt

    1. Vielen Dank für diese Ergänzung! Dieser Eintrag wird nicht der letzte seiner Art sein, es gibt noch viel dazu zu sagen zu der Frage, was Bücher alles leisten können!

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