Jedes Jahr im Juli jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkrieges. Hier kämpften die Republikaner gegen die Faschisten, oder, anders formuliert, es war der erste Stellvertreterkrieg des kurzen 20. Jahrhunderts, in der die Kräfte der Freiheit versuchten, das Rad der Zeit anzuhalten und der Ausbreitung der totalitären Systeme Einhalt zu gebieten. Es war sozusagen der Griff in die Speichen im Rad der Geschichte. Das Motto der spanischen Faschisten war bezeichnenderweise Es lebe der Tod, während die republikanische Seite die Parole No pasarán ausrief und mit dem Sie werden nicht passieren damit ursprünglich das Versperren von Gebirgspässen meinte, was den Vormarsch der Faschisten auf  Madrid aufhalten sollte. Der Bürgerkrieg hatte von Beginn an eine internationale Komponente: Die Faschisten wurden vor allem von Nazi-Deutschland unterstützt, während die Republikaner vor allem Unterstützung von zahllosen Freiwilligen aus aller Welt erhielten. Die demokratischen Länder, die später den größten Teil der Alliierten gegen Nazi-Deutschland bildeten, verhielten sich offiziell neutral, was später als Appeasmentpolitik den Zeitgeist beschrieb, den das damalige politische Denken bestimmte.

Die Besonderheit am Spanischen Bürgerkrieg liegt darin, dass die Republik hauptsächlich von Anarchisten verteidigt wurde. Es gibt kaum eine Reflexion auf die Bedeutung des Anarchismus, der diese welthistorische Besonderheit in den Blick bekommt. Selbst wohlwollende und seriöse Interpretationen von Anarchismus, die ihn nicht als zu bekämpfende politische Ideologie betrachten, sondern nüchtern als ein politisches Phänomen neben anderen untersuchen, unterstellen mit dem Moment der Gesetzlosigkeit eine chaotische, willkürliche Komponente, die alle anderen Facetten des Begriffes in den Debatten meist überblendet. Die in der Binnendynamik der anarchistischen Bewegungen viel bedeutendere Komponente der Herrschaftsfreiheit und deren Ausdruck in der Ablehnung von staatlichen Strukturen wird vor allem im deutschen Verständnis des Begriffes oftmals nur als Willkür und Regellosigkeit wiedergegeben. Das wird vermutlich eine deutsche Besonderheit sein, denn dies wurde in anderen Gesellschaften zu anderen Zeiten ganz anders diskutiert  — wie etwa in Spanien. Und nicht zuletzt muss man festhalten, dass es heute kaum einen Bereich gibt, der regelloser erscheint wie der Bereich der grenzenlosen Ökonomie. Die immer weiterreichende „Liberalisierung“ von Finanzmärkten und realwirtschaftlichen Bereichen, der „Abbau von Handelshemmnissen“ wird meist umschrieben als eine „Deregulierung“, also ein Abbau von staatlicher Einflussnahme. Es gibt keinen Bereich in dem sich der Anarchismus auch nur annähernd ähnlich stark durchgesetzt hat wie in der kapitalistischen Ökonomie von heute.

Anarchie
Foto: Wolfgang Schnier

Nun, das war ganz und gar nicht die Perspektive der Anarchisten im 20. Jahrhundert, die die Befreiung des Menschen zum Ziel hatten, nicht die Befreiung der Ökonomie. Die demokratisch-freiheitlichen Kräfte in Spanien waren dabei so vielfältig wie die Heldenlieder, die nach ihrer Niederlage auf sie gesungen wurden. So gibt es vielfältige Zeugnisse und Solidaritätsnoten von Unterstützern der republikanischen Seite, die in die Literaturgeschichte eingegangen sind. Ich möchte hier drei dieser literarischen Erzählungen herausgreifen: Hemingways Wem die Stunde schlägt, Orwells Mein Katalonien und Enzensbergers Der kurze Sommer der Anarchie.

Ernest Hemingway und George Orwell waren beide auf der Seite der Republikanischen Kämpfer in Spanien und schrieben ihre Reflexionen auf den Spanischen Bürgerkrieg unter diesem persönlichen Eindruck. Hans Magnus Enzensberger berichtet lange nach den Ereignissen in einem besonderen Stil über das Leben eines der Hauptprotagonisten und greift damit auf eine spezielle Form zurück. Besonders für Orwells Werk nimmt Mein Katalonien eine Schlüsselstellung ein. Hier entfaltet sich seine tiefe Skepsis gegenüber jeglichen Totalitarismen und bereitet damit seine viel bekannteren späteren Werke Animal Farm und 1984 vor. Diese werden erst vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrungen Orwells im Spanischen Bürgerkrieg zur Gänze verständlich, da er hier tiefgreifende politische Erfahrungen machte, die dann seine späteren Werke prägten. Hemingway hatte bereits vor dem Bürgerkrieg in Spanien in Europa gekämpft, nämlich im Ersten Weltkrieg an der italienischen Front. Gegenüber Orwell fällt bei Hemingway die detaillierte Beschreibung von Gewaltszenen ins Auge, die man bereits Anfang des kurzen 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs von Erich Maria Remarque kennt. Hemingway nimmt dabei nicht so sehr übergreifende Zusammenhänge in den Blick, sondern richtet die Aufmerksamkeit auf Details. Beschreibungen wie etwa die Plünderung einer von den Faschisten gehaltenen Stadt, der letzte Kampf des Guerillaführers El Sordo und die Brückensprengung sind die Höhepunkte des Romans und gehören mit zu den besten Szenen, die Hemingway je geschrieben hat. Sie dienten unzähligen Schriftstellern als Inspirationsquelle für ihre eigenen Texte. Bei Orwell hat man den Eindruck eines, wenn auch beschränkten, Panoramablicks, der erklären möchte. Bei Hemingway sind die Protagonisten Spielball der Geschichte und der Zeitumstände, in die sie hineingeworfen sind, bei Orwell sind sie die Handelnden, die mit der Hand in die Speichen des fahrenden Rades greifen.

Sehr deutlich ergreift Orwell Partei für die anarchistische Seite, mehr noch als Hemingway, nämlich dann, wenn Orwell in deutlichen Worten die Spaltung und damit Schwächung der republikanischen Kräfte durch die Stalinisten anspricht. Orwell hatte nie den Anspruch unparteiisch zu sein, er markiert sehr deutlich seinen Standpunkt innerhalb der Geschichte. Dadurch erhält seine Erzählung allerdings wieder etwas von der Unmittelbarkeit zurück, die bei Hemingway auf der Narrationsebene direkt mit dem Stoff verwoben ist.

Enzensberger nun bricht radikal mit diesen Narrationsmustern. Seine biographische Erzählung hat noch nicht einmal eine kohärente Erzählstruktur. Sein Hauptprotagonist ist Buenaventura Durruti, dessen Lebensgeschichte er durch Erfahrungsberichte von Bekannten, Freunden und Familienmitgliedern erzählt. Dabei bricht er durch die ganz unterschiedlichen Stimmen, die wie Tatsachenberichte von ausgewählten Stationen im Leben Durrutis berichten, eine durchgehende Struktur auf. Ein Ereignis wird oftmals von unterschiedlichen Blickwinkeln von unterschiedlichen Zeugen und Berichten betrachtet. Diese Berichte stammen größtenteils aus Interviews, die Enzensberger sehr oft persönlich mit den Überlebenden des Spanischen Bürgerkrieges geführt hat. Somit gibt es keine einheitliche Erzählstimme, allenfalls in den die Kapitel unterbrechenden ‚Glossen‘ werden größere Zusammenhänge erläutert und beinahe lexikalisch präsentiert. Diese Bruchstücke sind linear von der Geburt bis zum Tode Durrutis geordnet, sodass sich letztlich ein zusammenhängendes Bild ergibt. Jedoch lässt Enzensberger keinen Zweifel daran, dass diese Montage der Lebensgeschichte gleichzeitig eine Geschichtskonstruktion ist, wie Geschichte insgesamt immer eine menschliche Konstruktions- und Abstraktionsleistung darstellt. Allerdings ergibt sich durch das polyphone Erzählen entlang der Biographie Durrutis eine ganz eigene Authentizität, die ihre Autorität durch die Montage von Augenzeugenberichten erhält. Es gibt bei Enzensberger nicht nur jeweils einen Augenzeugen, wie es Orwell und Hemingway sind, sondern hunderte Quellen, von Zeitungsberichten über Pamphlete bis zu Emilienne Morin, die Geliebte Durrutis — die ihn nie geheiratet hat: „Natürlich haben wir nie geheiratet, Buenaventura und ich. Wo denken Sie hin? Aufs Standesamt zu gehen, das ist unter Anarchisten nicht üblich.“

Alle drei Bücher ergreifen Partei für die unterliegende Seite der Republikaner. Und letztlich spiegeln die unterschiedlichen Positionen und der Widerspruch zwischen Fiktion und Dokumentation die Widersprüche innerhalb des republikanischen Lagers wider. Anarchisten, die die Republik verteidigen? Ja, es gibt wohl Schlimmeres als den Tod.

Einer der bekanntesten deutschen Anarchisten des 20. Jahrhunderts übrigens, Erich Mühsam, erlebte die kurze Blütezeit des Anarchismus nicht mehr. Er wurde von den Nazis bereits 1934 ermordet.

Auch andere Schriftsteller haben sich auf den Spanischen Bürgerkrieg bezogen, wie etwa Paul Celan. Hier stechen vor allem seine Gedichte Schibboleth und In Eins hervor — allerdings ändert sich hier nicht nur die Perspektive, sondern auch das Thema. Und nicht zuletzt ist der Spanische Bürgerkrieg auch in jüngster Zeit immer wieder Ausgangspunkt für Betrachtungen und Einlassungen geworden, wie ein Blick ins literarische Feuilleton zeigt.

Geschrieben von Wolfgang Schnier

Das Sein verstimmt das Bewusstsein. literatur & kultur| lesen & schreiben| tech & privacy| kritik & gesellschaft|

4 Kommentare

  1. Spannende Buchbesprechung!
    Wobei ich die beiden Bücher von Orwell und Enzensberger noch gar nie im Lesefokus hatte.
    Das ist nun anders, danke dafür!
    LG vom Lu

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s