Vor einiger  Zeit bin ich über ein paar Wasserleichen in der Literatur gestolpert. Vor allem im Expressionismus schwimmen einige herum: Bei Benn, Brecht und Georg Heym, aber auch bei  Trakl und Stefan George, und früher schon bei Heine und Keller, später bei Johannes R. Becher, Paul Celan und Peter Huchel. Das verblüfft auf der einen Seite, auf der anderen Seite lassen sich diese Wasserleichen auf ein Motiv zurückführen, sogar die postmoderne Adaptionen, wie etwa hier auf dem Cover zu sehen ist. Dieses Motiv geht letztlich auf Shakespeares Hamlet zurück, wo man der armen Ophelia, die von Leid und Kummer in den Wahnsinn getrieben wurde, bei ihrem Weg ins Wasser zusehen kann. Nun, das Thema in der literarischen und kunsthistorischen Perspektive ist hochinteressant: Es stellt sich die Frage, inwiefern sich das Motiv der Wasserleiche in den unterschiedlichen Epochen ändert. Diese Frage braucht einen Hebel, einen Ansatzpunkt, der aus einer schlichten Aneinanderreihung von Fakten eine sinnvolle Konstruktion entstehen lässt. Und die Bücher hier nehmen im Grunde dieselbe Perspektive ein — mal mehr, mal weniger pointiert — : Wie findet der männliche Zugriff auf die Weiblichkeit vor dem thematischen Hintergrund der schönen toten Jungfrau statt? Allgemeiner gesprochen: Wie wird die literarische Frauengestalt als Repräsentantin spezifischer Geschlechterideologien instrumentalisiert? Und wie verändert sich dieser Zugriff in den unterschiedlichen Epochen?

Nun, für mehr als für diese kurze Skizze reicht es im Moment nicht. Vielleicht komme ich später noch einmal darauf zurück. Hier muss nun erst einmal der Hinweis auf diese drei Bücher genügen, die ganz unterschiedliche Qualitäten haben und sich dadurch wunderbar ergänzen. Das Buch von Simone Kindler hat den Vorzug, dass es sehr detailliert auf die Figur Ophelias im Hamlet eingeht und einen Interpretationsrahmen bei Shakespeare aufspannt, von dem aus dann alle weiteren Untersuchungen ausgehen. Allerdings haftet dem Buch mit den teilweise recht kurzen Kapiteln und den zahlreichen Fußnoten ein wenig der Geschmack einer Seminararbeit an, hier ist anscheinend wenig Arbeit in das Endlektorat geflossen. Insgesamt wird hier eine eher kunsthistorische/geschichtswissenschaftliche Perspektive eingenommen, was nochmal ein besonderer Blickwinkel ist. Das Buch von Stefan Würffel ist nun eine einschlägige literaturwissenschaftliche Arbeit, die auf der einen Seite einen Blick für die Details bei den oben genannten Autoren hat, aber andererseits auch als eine fundierte Übersicht über die wichtigsten Vertreter der Opheliarezeption in der deutschen Literatur gelten muss. Das Buch von Frauke Bayer hat den Vorzug, dass es die jüngste Untersuchung ist und somit auch aktuelle Beispiele mit einbezieht. Es verfolgt auch die oben genannte Fragestellung am deutlichsten und hat eine interdisziplinäre Ausrichtung zwischen Philologie und Kulturphilosophie.

Wasserleiche Ophelia
Foto: Wolfgang Schnier

Allen Arbeiten ist gemein, dass es Forschungsarbeiten sind. Das Lesen ist zwar interessant, benötigt aber auch Zeit und Aufmerksamkeit. Nun, vielleicht komme ich ja noch dazu, ein paar Worte mehr zu meinen Wasserleichen zu schreiben.

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Stefan Bodo Würffel: Ophelia. Figur und Entfremdung. Bern 1985. ISBN: 377201612X

Simone Kindler: Ophelia. Der Wandel von Frauenbild und Bildmotiv. Berlin 2004. ISBN: 3496013168

Frauke Bayer: Mythos Ophelia. Zur Literatur- und Bild-Geschichte einer Weiblichkeitsimagination zwischen Romantik und Gegenwart. Würzburg 2009. ISBN: 9783899136869 

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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