Jeder Mensch kommt einmal an diesen Punkt, an dem er über den Tod nachdenkt. Manchmal ist es die eigene Todesangst, manchmal ist es der Verlust eines Freundes, Bekannten oder Verwandten. Immer stellen sich die gleichen Fragen: Was geschieht mit uns im Tode, was wird nach dem Tode sein? Vor kurzem ist ein interessanter Band über den Tod erschienen, der die wichtigsten philosophischen Texte von der Antike bis zur Gegenwart zusammenstellt.

Nach der Lektüre muss ich sagen, die klarsten Argumente hatten die alten Griechen und Römer gefunden. Letztlich sind es auch ihre Argumente, die die Diskussionen bis heute beeinflusst haben. Wenn etwa Nietzsches Zarathustra etwas kryptisch die Hinwendung zum Leben predigt, dann ist das letztlich ein Gedanke, den schon die alten Stoiker wie Seneca hatten. Seneca, der von seinem Schüler Nero zum Tode verurteilt wurde und keinen Wimpernschlag zögerte und sich umbrachte, machte deutlich, dass es nicht darauf ankomme, wie lang man lebt, sondern wie man lebt. Und daran erinnert ein Aphorismus heute noch, dessen Urheber unbekannt ist: „Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben zu geben.“ Ich finde, damit ist schon viel gewonnen und ändert entscheidend die Blickrichtung bei diesem Thema.

Aber auch auf den ersten Blick spitzfindigere Argumente der alten Griechen und Römer, die den Tod betreffen, stimmen bis heute nachdenklich. Da ist zum einen das Symmetrieargument: Genau betrachtet ist die Zeit vor unserer Geburt qualitativ nicht zu unterscheiden mit der Zeit nach unserem Tod; vor unserer Geburt haben wir schlicht noch nicht existiert und nach unserem Tode existieren wir nicht mehr. Wieso sollte uns also das eine Sorgen bereiten, während uns das andere kalt lässt? Anders formuliert: Dass wir vor unserer Geburt nicht existiert haben, ist kein Übel, aber dass wir nach unserem Tod nicht mehr existieren, soll eines sein, obwohl beide ‚Zustände‘ nicht voneinander unterscheidbar sind? Diese Argumentation von Lukrez und Seneca wird bis heute diskutiert. Lukrez bringt noch ein anderes interessantes Argument vor: Angenommen, der Tod sei etwas Schlechtes und das bestehe darin, dass wir nicht mehr existieren. Allerdings werden wir nach unserem Tod unendlich lang nicht mehr existieren, und das unabhängig davon, ob wir jetzt sterben oder in 50 Jahren. Der Zeitpunkt des Todes ist für dessen Qualität nicht von Bedeutung, es ändert an der Unendlichkeit nichts. Ja, zugegeben, es gibt Denktraditionen im Okzident, die tröstender sind.  Aber trotzdem sind diese Gedanken in der heutigen Zeit wieder erfrischend, weil sie unseren Fokus verschieben und uns helfen, sich dem Thema von ganz unterschiedlichen Richtungen zu nähern.

Vielleicht sollte man es mit Montaigne halten. „Wer die Menschen sterben lehrte, würde sie leben lernen.“ Damit meint er, dass man die Fähigkeit erlangen sollte, dem Tod gelassen entgegen zu blicken, um sich dadurch auf das Leben konzentrieren zu können. Und je früher das einem im Leben gelingt, desto länger kann man dem Tod gelassen entgegen blicken. So ist  Montaigne zu verstehen, wenn er sagt: Philosophieren heißt sterben lernen. Montaigne zufolge muss man zweierlei tun, um das sterben zu lernen. Erstens muss man jederzeit mit dem Tode rechnen und ihn ständig gedanklich vorwegnehmen, weil er einen dann nicht mehr überraschen kann. Zweitens solle man die philosophischen Argumente studieren, weshalb der Tod nichts Schlechtes sei. Nun,  ersteres mag tun wer will, bei dem zweiten Punkt gehe ich dann mit.

Tod
Foto: Wolfgang Schnier

In dem Büchlein finden sich noch weitere Philosophen, wie etwa Hume, Schopenhauer, Nietzsche, Scheler, Jaspers und Sartre. Allen gemeinsam ist, dass sie sich aus ihrem jeweiligen Blickwinkel dem Thema nähern und versuchen, Aussagen über den Tod zu treffen. Manche halten es mit dem aristotelischen Dualismus, wonach der Tod schlicht die Trennung der Seele vom Körper darstellt, andere halten den Tod als den Endpunkt des Lebens und damit dem Leben zugehörig. Interessant ist, dass viele Philosophen, gleich welcher Denktradition sie sonst zuzurechnen sind, den Tod zum Anlass nehmen, um über das Leben nachzudenken. Man muss nicht gleich soweit gehen wie Heidegger, der das Leben vom Tod her definierte, aber man kann schon sagen, dass uns der Tod erst an den Wert des Lebens erinnert. Dadurch, dass wir nur dieses eine Leben bewusst leben, und kein Ereignis und kein Erlebnis sich wiederholen kann, kommt dem Leben und jedem einzelnen Augenblick erst eine Qualität, eine Schwere zu, die uns im Alltag oft nicht erreicht. Aber es ist gut, sich hier und da einmal darüber klar zu werden:

Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann. Es ist umöglich zu überprüfen, welche Entscheidungen im Leben die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler, der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben. Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selbst ist? Aus diesem Grunde gleicht das Leben immer einer Skizze. Auch ‚Skizze‘ ist nicht das richtige Wort, weil Skizze immer ein Entwurf zu etwas ist, die Vorbereitung eines Bildes, während die Skizze unseres Lebens eine Skizze von nichts ist, ein Entwurf ohne Bild.

So formuliert es Kundera in der unerträglichen Leichtigkeit des Seins. Und wenn es hier auch nicht ausdrücklich erwähnt wird, erhält das Leben seine Schwere erst durch das Ende. Und hier schließt sich der Kreis mit den Philosophen der Antike: Der Gedanke an den Tod sollte unseren Blick auf das Leben lenken und wie wir hier und jetzt leben wollen. Jedenfalls ist es das, was ich aus der Lektüre dieses Bändchens mitgenommen habe. Wen das jetzt immer noch etwas unbefriedigend zurück lässt, dem gefällt vielleicht ein Gedanke von Epikur: Niemand erlebt den eigenen Tod, sondern nur die Zeit bis zum Tode. Der Tod steht damit außerhalb unserer Erfahrung. Daher brauchen wir keine Angst vor ihm zu haben.

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Der Tod. Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Héctor Wittwer. Stuttgart 2014. ISBN: 9783150191774

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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8 Kommentare

  1. Danke, ich kann das Geschriebene hier aus meiner Sicht nur unterstreichen.
    Wir haben nur die Lebenszeit bis zum Tod, eine Erfahrung danach gibt es nicht, nur irgendwelche Vorstellungen davon. Unsere Lebenszeit zum Besten zu leben ist schon schwer genug, ist Versuch und Entwurf und der Tod trifft jeden irgendwann, das ist gewiss, aber alles Danach ist Spekulation von Verherrlichung bis zum Schreckensszenario.

  2. Oder weniger als Spekulation, da hlte ich es mit Hume – da gibt es einfach keine Anzeichen für. Und das macht den Tod noch dramatischer. Danke für den Hinweis, den ein oder anderen Text kenne ich, aber das Schöne an solchen Sammelbändchen ist ja, dass die Texte an einem Ort versammelt sind. Gibt es von Wittwer auch ein Geleitwort, in dem er seine eigene Position darstellt?

    1. Es gibt eine ausführliche Einleitung von Wittwer zu dem Band, allerdings entwickelt er keine eigene Positionen dort, sondern führt in das Thema ein, indem er zum Beispiel ausführlich auf Heidegger eingeht, ohne den die modernen Existenzialisten nicht zu verstehen sind. Das macht er, weil kein Text(auszug) von Heidegger selbst Platz in dem Band gefunden hat. Zusätzlich gibt es jeweils eine knappe Einführung zu den einzelnen Philosophen, die kurz die Zusammenhänge herstellen sollen.

  3. Sicherlich eine Gedankenreizende Lektüre / aus Männlicher Sicht.
    Viel spannender hingegen finde ich die zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Tod und die Öffnung des Geistes für diesen Bereich.
    Der ja nach wie vor eine Tabuzone darstellt ohne es nicht zu sein.
    Um wieviel leichter könnte der Mensch das Leben nehmen wenn unser Umgang mit dem Tod ein anderer wäre.

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