In einem berühmt gewordenen Brief an Oskar Pollak steht der noch berühmter gewordene Teilsatz von Kafka: „Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Der Kontext des Briefes von 1904 macht deutlich: Es geht Kafka darum, dass Bücher uns neue Perspektiven bieten müssen und wir Kafka zufolge gerade aus dieser Perspektivenerweiterung erst das Glücksversprechen erfahren können, von dem Pollak einen Brief vorher gesprochen hatte.

Das bedeutet nichts anderes, alsdass Bücher eine Therapie für uns sein können, damit wir uns aus den eigenen Fesseln, die wir im Leben um uns schlagen, befreien können. Ein gutes Buch entfaltet eine innere Aufmerksamkeit, die uns dabei hilft, uns selbst zu hinterfragen in dem was wir tun und in unserem Selbstverständnis in Bezug auf die Welt. Oder, wie Kafka es formuliert, ein Buch muss uns wie mit einem Faustschlag auf den Schädel aufwecken.

Bücher können uns also auf unsere inneren Grenzen hinweisen. Kafkas Helden sind dabei verstoßene Randfiguren, die man oft als psychologische Metaphern des Seelenlebens der Menschen gelesen hat. Schafft man es, als Untersuchung in den Untersuchungsgegenstand hineinzuschlüpfen, als seien Gregor Samsa, Josef K. und Georg Bendemann Teil der eigenen psychischen Disposition, bekommen wir eine Vorstellung davon, an welchen inneren Grenzen diese Charaktere rühren. Dieses Unbehagen ist das gefrorene Meer. Das Glücksversprechen wird gebrochen, wenn wir nicht unserem eigenem Unbehagen näher gebracht werden.

Bücher
Foto: Wolfgang Schnier

Was Bücher noch leisten können:

Bücherlesen macht tolerant
Bücherlesen ist nonkonformistisch
Bücher können die Komplexität der Welt einfangen

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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3 Kommentare

  1. Ein feines Bild, das mit der Axt und dem gefrorenen Meer…
    natürlich vom großen Meister Franz Kafka!

    Was Bücher auch noch leisten können:
    du kannst mit ihnen zusammen meditieren, achtsam sein, ruhig(er) werden, die Fantasie aus der heutigen nervösen Hektik (wieder) befreien und beim Lesen dahinschweben wie ein (endlich) befreiter Vogel über das nun aufgetaute Meer…

    viele Morgengrüße
    vom Lu

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