Der berühmte erste Satz der Negativen Dialektik lautet:

Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.

Was bedeutet dieser Satz am Anfang  von Adornos Hauptwerk, das „dicke Ding“, wie Adorno die Negative Dialektik nannte? Dieser erste Satz antwortet auf die 11. These über Feuerbach von Marx: „Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert;  es kömmt darauf an, sie zu verändern.“

Die Philosophie seit Marx trat an, um die Welt unter dem Vernunftprinzip zu verändern, neu zu gestalten. Die historische Chance dazu war 1917 bis 1919 am Ende des Ersten Weltkrieges, als sich in Russland und in Deutschland die Revolution erhob. Jedoch wurde die Marxsche Vorhersage nicht eingelöst: Im Osten siegte die autoritär-diktatorische Variante, in Deutschland wurde die liberal-demokratische Variante von den Protofaschisten der Reaktion und von der SPD niedergerungen. Diese Tragik in der deutschen Geschichte lässt sich bei so unterschiedlichen Autoren nachlesen wie Alfred Döblin (1,2,3) oder Sebastian Haffner (1,2,3). Das kurze Zeitfenster, die Welt vernünftig einzurichten, schloss sich. Seit dem lebt die Menschheit in einer Art Dämmerzustand, in dem wir dazu verdammt sind, uns selbst und den Planeten zugrunde zu richten. Die teleologische Hoffnung der frühen Aufklärer mündete in der Shoa, der unbeschreibbaren neuen Barbarei. Die Welt vor Auschwitz ist von der Welt nach Auschwitz durch einen unüberbrückbaren Zivilisationsbruch getrennt. Die Welt, so schrieb Adorno an einer Stelle, überlebte ihren eigenen Untergang.

Wie ist vor diesem Horizont überhaupt noch Philosophie und Kultur möglich? Das ist die entscheidende Frage der Kritischen Theorie nach Adorno. Die Dialektik der Aufklärung ist dabei der Ausgangspunkt jeglichen Denkens von Adorno nach Auschwitz. Das Buch wurde oft als das schwärzeste Buch von Adorno und Horkheimer bezeichnet. Hier vertreten die Autoren die These, dass zwar die Aufklärung des Menschen, verstanden als einen fortwährenden Prozess seit der Antike, in immer größere und weitreichendere Abhängigkeiten und Unkontrollierbarkeiten hineinführt, die Aufklärung selbst aber alternativlos ist. Die Frage dabei war, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“ Adorno und Horkheimer kamen dabei zu der Erkenntnis: „Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur um so tiefer in den Naturzwang hinein. So ist die Bahn der europäischen Zivilisation verlaufen.“ Diese Ambivalenz ist bitter. Allerdings ist die Perspektive, die in dem ersten Satz der Negativen Dialektik angesprochen wird, nicht weniger bitter. Dabei geht es allerdings nicht darum, sich durch realitätsverblendenden Optimismus die Sicht zu nehmen, noch mit resignierender Verbitterung in Apathie zu flüchten. In einem Brief an Horkheimer schrieb Adorno im Januar 1962: „Solange die Welt antagonistisch ist und die Widersprüche selbst perpetuiert, erbt sich auch die Möglichkeit ihrer Veränderung fort.“ Dieser Optimismus lässt wenigstens einen kleinen Spalt offen, Kritische Theorie wird zu einem Fuß in der Tür, wenn einmal bessere Zeiten kommen. Falls sie noch kommen.

Die Flucht aus dieser vernagelten Perspektive haben viele der zweiten Generation von Kritischen Theoretikern versucht, allen voran Jürgen Habermas. Sie mussten dabei einige der Einsichten von Adorno und Horkheimer über Bord werfen oder ignorieren, um einen Ausweg zu finden. Manche gingen mit Habermas diesen Weg, wie etwa Axel Honneth oder Albrecht Wellmer. Andere, wie Rolf Tiedemann oder Hermann Schweppenhäuser, standen dieser Strömung von Anfang an skeptisch bis ablehnend gegenüber. Das Dilemma ist das Verhältnis von Theorie und Praxis. Bei einer solchen Diagnose wie hier aufgezeigt stellt sich die Frage: Wozu überhaupt noch Philosophie? Adornos Antwort in der Negativen Dialektik lautete: Übrig bleibt nur eine philosophische Selbstbeschäftigung und Selbstkritik. Alles andere schien ihm von der instrumentellen Vernunft und denZumutungen der verwalteten Welt kompromittiert. Darauf wollten manche Philosophen sich dann doch nicht festlegen und beschränken lassen. Allerdings sind Aporien wie die der Teilhabe und Nicht-Teilhabe fundamentale Grundgedanken der Philosophie Adornos. Nichtsdestotrotz bleibt das harte Urteil von der Welt im Dämmerzustand. Denn über allem schwebt der Satz aus der Minima Moralia:

Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Nun, nachdem ich vor kurzem einen berühmten Satz bei Kafka versucht habe zu interpretieren, hier nun der Versuch einer Exegese eines nicht weniger berühmt gewordenen Satzes von Adorno. Manchmal braucht man ja einen solchen Einstieg, um in eine Gedankenwelt eines Autors hineinzuschlüpfen.

Adorno Denkmal
Foto: Wolfgang Schnier

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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