Vorbemerkung: Im dritten Teil seiner Autobiographie verknüpft und vergleicht Günter Grass verschiedene Aspekte seines Lebens mit dem der Gebrüder Grimm. In der folgenden Passage geht es um die Einstellung zu der Konstruktion einer Nation, deren Perspektive seit den Gebrüder Grimm bis heute extremen Wandlungen unterworfen war. Mit der Betrachtung eines Aspektes durch die Jahrhunderte gelingt es Grass, auf kleinstem Raum einen Bezugsrahmen von immerhin fast zweihundert Jahren aufzubauen, ohne damit die einzelnen Begebenheiten gleichzusetzen. Vielmehr treten durch ein Nebeneinanderstellen und Vergleichen die krassen Unterschiede durch die Jahrhunderte hervor. 

„Mir kommt dazu mein Versuch, mich ‚beim Häuten der Zwiebel‘ zu erinnern, in den Sinn: was bleibt und nur zögernd zu berichten ist.
Es geschah auf einer winterstarren Waldlichtung. Siebzehn zählte ich, als wir, ins Karree gestellt, unter frostklarem Nachthimmel auf Führer, Volk und Vaterland sowie auf den Reichsführer der Waffen-SS vereidigt wurden. Satz für Satz sprachen wir nach: ‚Ich gelobe…‘ Feierlich war uns, war mir zumute. Nach dem Schwur wurde gesungen: ‚Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu…‘
Dazu kam es nicht. Das Kriegsende befreite mich von dem beschworenen blinden Gehorsam, ohne daß ich sogleich sehend wurde und begriff, welches Ausmaß an Verbrechen ein Eid, gesprochen in einer Frostnacht, bemänteln kann. Nie wieder würde ich einen Eid leisten.

Die Brüder Grimm jedoch meinten, gemeinsam mit fünf anderen ein frühes Beispiel für etwas gegeben zu haben, das gegenwärtig Verfassungspatriotismus genannt wird; aber mit Blick auf den jähen Verfassungsbruch des Königs Ernst August von Hannover fällt heutzutage auf, um wieviel Substanz betrogen die in der Bundesrepublik Deutschland seit sechzig Jahren gültige Verfassung mittlerweile ist.
Sie hält nicht, was sie verspricht. Weder ist die ihr eingeschriebene soziale Verpflichtung des Eigentums Wirklichkeit geworden, noch ist jeder Bürger vor dem Gesetz gleich. Als sich nach dem Zerfall des anderen deutschen Staates Aussicht auf Einheit bot, wurde der Schlußartikel des Grundgesetzes, der im Fall möglicher Vereinigung beider Staaten vorschrieb, der gesamtdeutschen Bevölkerung eine neue Verfassung vorzulegen, gebeugt und später getilgt. Und seitdem das Verfassungsrecht auf Asyl beschnitten, nur noch Fragment ist, sind Abschiebehaft und gewaltsames Abschieben von Flüchtlingen tagtägliche Praxis; beschämend nicht nur für jeden, der sich noch immer Verfassungspatriot nennt.
An diese beschädigte Grundlage des Staates könnte mich kein Eid binden. Und hätte ich, was mir erspart blieb — in welcher Funktion auch immer — auf ihren noch heilen, einst vielversprechenden Wortlaut einen Eid geleistet, müßte ich ihn nunmehr brechen, allein schon wegen des brutalen Umgangs mit Asylsuchenden, des Rückfalls in Barbarei.“

Günter Grass: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung. Göttingen 2010.
ISBN: 3869301554

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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