Abraham Goldfaden.

von Dr. S. Bernfeld

Vor wenigen Wochen starb in New York im Alter von 67 Jahren ein merkwürdiger Mann, dessen Wirken für die kulturelle Entwicklung der osteuropäischen Juden von großer Bedeutung war. Abraham Goldfaden war ein jüdisch-deutscher Dichter, vornehmlich aber der Begründer des jüdisch-deutschen Theaters, das namentlich auf englischem und amerikanischem Boden zu so hoher Blüte gelangen sollte. Auch die Lebensschicksale dieses Mannes, eines fahrenden Dichters, der nirgend zu Ruhe kam, bieten so viel des Interessanten; sie sind ein Stück Kulturgeschichte der ostdeutschen Judenheit.

Abraham Goldfaden, der im Wolhynischen Städtchen Alt-Konstantin am 12.Juli 1840 das Licht der Welt erblickt hat, war ein Kind des Ghetto. Er wuchs in recht bescheidenen Verhältnissen auf, da sein Vater ein armer Handwerker war, der jedoch trotz seiner Armut seinen begabten Sohn eine für seine Verhältnisse recht gute Erziehung gab. Natürlich lernte der junge Goldfaden zuerst und hauptsächlich Hebräisch, Bibel und Talmud. Schon mit zehn Jahren schrieb er ein hebräisches Gedicht. Aber außerdem ließ ihn sein Vater frühzeitig auch die deutsche und russische Sprache erlernen; die Bibel las er in einer rein deutschen Uebersetzung, wie überhaupt die detusche Sprache ein ganzes Jahrhundert hindurch für die osteuropäischen Juden die einzige Bildungssprache war, welche sie nebst dem Hebräischen mit der Kulturwelt in Verbindung brachte. Es ist bezeichnend, daß der Kaiser Nikolaus I., der sich die Bildung seiner jüdischen Untertanen sehr angelegen sein ließ, für sie eine deutsche Uebersetzung der Bibel und des talmudischen Hauptwerkes des Maimonides anzufertigen befahl. Um die Juden aus ihrer Abgeschlossenheit herauszureißen, trug dieser despotische Monarch kein Bedenken, sich dabei der deutschen Sprache zu bedienen, da dies auf anderem Wege nicht erreichbar zu sein schien.

Die Jugend Goldfadens fiel in die Zeit, in der Nikolaus I. die Juden in Rußland mit Anwendung von Gewaltmitteln der europäischen Kultur zuzuführen unternahm. die Maßregeln dieses harten, rücksichtslosen und vor keinem Mittel  zurückschreckenden Despoten sind den russischen Juden bis auf den heutigen Tag in trauriger Erinnerung geblieben. Indessen heißt es die geschichtliche Wahrheit zu gestehen, daß Nikolaus I. keineswegs ein blindwütiger Tyrann war, wie er oft geschildert wird; er ließ sich nicht vom Haß gegen die Juden leiten und am allerwenigsten betrachtete er seine jüdischen Untertanen als ein schädliches Element im Staate. Im Gegenteil, er wußte ihre Fähigkeiten, ihre geistige Beweglichkeit und ihre Brauchbarkeit in der bürgerlichen Gesellschaft sehr zu schätzen. Deshalb eben gab er sich so große Mühe, sie aus ihrer mittelalterlichen Abgeschlossenheit herauszureißen und sie zu zivilisieren. Nur vertrug er keinen Widerspruch, und in seiner Bornhiertheit konnte er es nicht begreifen, daß die Juden mit wenigen Ausnahmen seinem Vorhaben Mißtrauen entgegenbrachten. Um diesen Widerstand zu brechen, bei dem zweifellos viel Unverstand und Fanatismus mitgewirkt haben, verfiel Nikolaus I. auf die sonderbarsten Mittel. Eines der grausamsten war wohl die Anordnung, die jüdischen Knaben im zartesten Alter aus dem Elternhaus zu reißen und in die entferntesten Gegenden Rußlands für den späteren Militärdienst erziehen zu lassen. Darüber ist in hebräischer und russischer Sprache eine ganze Literatur vorhanden. Indessen ist es charakteristisch, daß derselbe Despot ein Gesetz erließ, wonach die jüdischen Knaben, welche eine öffentliche Schule besuchten, von demtraurigen Los der gewaltsamen Rekrutierung befreit wurden. Allerdings war für die meisten frommen Juden in Rußland das eine so schlimm wie das andere. Goldfadens Vater war jedoch vernünftig genug, seinen begabten Sohn wirklich in die öffentliche Schule zu schicken, wodurch er nicht nur der gewaltsamen Aushebung zum Militärdienst entging, sondern auch etwas Ordentliches lernte. Er konnte auch später im Alter von 17 Jahren die Rabbiner- und Lehrerbildungsanstalt in Shitomir besuchen, wo er die Qualifikation eines Lehrers erhielt.

Zeitung des Judentums
Foto: Wolfgang Schnier

Für den Lehrerberuf scheint aber Goldfaden keine allzugroße Neigung gehabt zu haben. Es steckte in ihm das Künsterblut, ohne daß man ihn eigentlich als Dichter bezeichnen kann. Seine hebräischen Gedichte haben sich überhaupt keinen Platz in der Literatur erobern können, hingegen wurden seine Lieder in der jüdisch-deutschen Mundart, die er unter dem Titel „Das Jüdele“ gesammelt veröffentlicht hatte, bei den osteuropäischen Juden zu Volksliedern. Die Entwicklung Goldfadens als Dichter fällt in die erste Regierungszeit Alexanders II., der im Gegensatz zu seinem autokratischen Vater den Juden gegenüber eine humane und milde Gesinnung bekundete. Die freundliche Behandlung der Juden, die nunmehr in Rußland Platz griff, hatte die natürliche Folge, daß sie sich den zivilisatorischen Bestrebungen der Regierung viel zugänglicher zeigten als früher. Wenigstens erstand in kurzer Zeit unter der russischen Judenheit eine zahlreiche und mutige Schar von Kulturkämpfern, welche ihren Glaubensgenossen nicht entschieden genug das bereitwillige Eingehen auf die Tendenzen des menschenfreundlichen Kaisers raten konnten. Viele begabte und eifrige Schriftsteller, Dichter und Publizisten griffen die zivilisatorische Parole der Regierung auf und traten dafür mit großem Eifer ein. Diese Bewegung hat ein reichhaltiges Schrifttum in hebräischer und in jüdisch-deutscher Sprache hervorgerufen, welche leider außerhalb Rußlands fast gänzlich unbekannt ist. Zu diesen Propheten der europäischen  Zivilisation zählte auch Goldfaden, als er seinen Beruf, den des Volksidchters und Volkserziehers, erkannte und erfaßte. In seinen Volksliedern, die er nunmehr ausschließlich nur in der jüdisch-deutschen Mundart niederschrieb, führte er mit Begeisterung den Kampf für europäische Bildung und Zivilisation; er geißelte mit Hohn und Spott den religiösen Fanatismus, die Bildungsfeindlichekit und die kulturelle Rückständigkeit seiner Glaubensgenossen, die sittlichen Mängel und wirtschaftlichen Schäden, welche daraus für die osteuropäischen Juden resultierten. Indessen war Goldfaden keineswegs ein liebloser kalter Spätter, der sich über die unwürdigen Zustände in seinem Volke nur lustig machte; die warme, aufrichtige Liebe zu seinen Volksgenossen leuchtet aus all seinen Schöpfungen hervor, und mitten aus der Komik und der Verspottung läßt er Worte der Aufmunterung und des gutmeindenden Rates vernehmen. Er ist eigentlich mehr Humorist als Satiriker und nirgends läßt er seine menschenfreundliche Gesinnung vermissen. Goldfaden zeigte sehr viel Verständnis für die politische und wirtschaftliche Lage der Juden in Rußland, wodurch ihm vieles erklärlich und so auch verzeihlich erschien. Gehässigkeit läßt er in keinem seiner Lieder und dramatischen Schöpfungen durchblicken.

Zu seinem eigentlichen Beruf als Begründer des jüdisch-deutschen Theaterwesens soll Goldfaden, wie er selbst zu behaupten pflegte, nur durch den Zufall gelangt sein. Da es ihm bis um das Jahr 1876 nicht gelingen wollte, irgendwo festen Fuß zu fassen, fiel es ihm in dem genanntnen Jahre ein, nach Rumänien  zu gehen. Infolge der kriegerischen Ereignisse ergoß sich damals über dieses Land ein wahrer Goldregen, da die transslavischen Agitatoren nach Serbien und nach Rumänien reichliche Geldmittel geschickt hatten.

Das kam auch den rumänischen Juden zugute, und diesen Zustand suchte mancher arme jüdische Literat für sich auszunutzen. Goldfaden kam nach Rumänien, und da er dort fand, daß jüdische Volkssänger seine jüdisch-deutschen Volkslieder mit großem Erfolg vorzutragen pflegten, so will er dadurch auf den Gedanken gekommen sein, das jüdisch-deutsche Theater ins Leben zu rufen. Natürlich konnte er in der ersten Zeit, da es ihm an schauspielerischen Kräften mangelte, nur an die Posse und die Burleske denken. Den Stoff für dieses leichte Genre wählte er nur aus dem Leben der osteuropäischen Juden. Aber sein Spott richtete sich dieses Mal nicht mehr nur gegen den ungebildeten, unbeholfenen Glaubensgenossen, der aus dem geistigen Ghetto nicht herauskommen konnte und wollte, sondern bereits auch gegen den halbgebildeten, nach der neuesten Mode gekleideten jüdischen Lümmel, gegen die putzflüchtige jüdische Dame, gegen alle Hohlheit  und Aufgeblasenheit, gegen Scheinbildung und Modekrankheiten. Zwischen seinem ersten Auftreten und jetzt lag eben die Zeit kultureller Entwicklung der russischen Juden, die natürlich auch ihre Schattenseite hatte. Godlfaden war nicht einseitig, er erkannte auch die sittlichen Mängel, die sich infolge der neuen Lebensgewohnheiten seiner Glaubensgenossen entwickelt hatten. Und während er gegen die ungebildeten Juden niemals Haß verriet, übergoß er die schöngeputzten jungen Herren und Damen, deren Bildung in leeren Phrasen und in Herzlosigkeit bestand, mit Hohn und Spott.

Goldfaden erkannte bald seinen eigentlichen Beruf; er wurde in der Folge was man so richtig einen „Theatermenschen“ nennt. Er bildete wirkliche Künstler und Künsterlinnen aus, die sich dem polnisch-deutschen Theater widmeten. Und mit diesen gutgeschulten Kräften wagte er sich an das ernste Drama heran. Zwei Stücke von ernstem Gehalt sind besonders hervorzuheben: Sulamith und Bar Kochba. Sulamith ist eine kindlich naive Idylle aus der Zeit des zweiten Tempels; den Stoff dazu entnahm er einer hübschen Sage in der palästinensischen Agada, die unter der Bezeichnung, „Die Katze und der Brunnen“ bekannt ist. Ein jüdischer Jüngling lernt auf einer Wallfahrt nach Jerusalem ein hübsches Landmädchen kennen, mit dem er sich verlobt und dem er an einem Brunnen ewige Liebe schwor. Dem Brunnen selbst und eine in der Nähe sich sonnende Katze sollten Zeugen des Liebeschwures sein. Später aber vergaß der leichtsinnige Jüngling sein Versprechen und führte ein anderes Mädchen heim. Er lebte mit der jungen Frau, die ihm zwei Kinder geschenkt hatte, recht glücklich, als ihm ein grausames Schicksal an seinen verletzten Liebesschwur erinnerte. Zuerst wurde das ältere Kind von einer Katze totgebissen, und bald darauf fiel das zweite in einen Brunnen und ertrank. Es folgte darauf das reuevolle Bekentnnis des  unglücklichen Vaters und der Besuch des Ehepaares bei einem frommen weisen Rabbi, der den Knoten löst. Diese naive Erzählung ist von Goldfaden recht geschickt dramatsich verarbeitet. Noch ernster ist das Heldengedicht Bar-Kochba, in dessen Mittelpunkt der jüdische Freiheitskämpfer Simon bar Kochba steht. Dieses Drama verdiente, auch auf moderne Bühne gebracht zu werden.

Abraham Goldfaden wurde mit seiner Schöpfung von einem eigentümlichen Schicksal heimgesucht. Er, der Jahrzehnte hindurch für Bildung und Aufklärung unter seinen Glaubensgenossen gekämpft hatte, wurde selbst ein Opfer dieser Bestrebungen. Er war nämlich nach der Beendigung des russisch-türkischen Krieges in seine Heimat zurückgekehrt und besuchte mit seiner gutgeschulten Truppe alle großen Städte Rußlands. Er erntete überall Beifall. Aber den gebildeten Juden in Rußland mißfiel sein Wirken; sie erblickten darin eine Hemmung der kulturellen Entwicklung unter den Juden, da sie das erwünschte Ziel in der Beseitigung der jüdisch-deutschen Mundart zu finden glaubten. Sie erwirkten daher in Petersburg, im September 1883, ein Verbot des jüdischen Theaters für ganz Rußland. Einige Zeit versuchte Goldfaden seine Truppe in Warschau in angeblich „deutschen“ Vorstellungen zu beschäftigen. Aber bald darauf wurde ihm auch das verboten, und so erlitt sein geistiges Kind einen gewaltsamen Tod. Indessen hatte mittlerweile die Emigration der russischen Juden nach London und Amerika große Dimensionen angenommen. Das in Rußland unterdrückte jüdisch-deutsche Theater fand daher bald darauf Aufnahme in London und New York, wohin sich nun Goldfadens Schauspieler und auch er selbst hinüberretteten, um dort ihre Tätigkeit wieder aufzunehmen. Das jüdisch-deutsche Theater ist in den letzten Jahren namentlich in New York zu großem Ansehen gelangt; aber wie es in solchen Dingen immer zu geschehen pflegt, Goldfaden wurde auf amerikanischen Boden von jüngeren Kräften überflügelt und in den Schatten gestellt. Er geriet halb in Vergessenheit, obwohl Sulamith und Bar Kochba ihre Beliebtheit bei der jüdischen Volksmasse noch immer behaupteten. Als echter Humorist pflegte sich Goldfaden in seinen alten Tagen über sein Mißgeschick hinwegzusetzen. Wegen seines lautern Charakters und seines liebenswürdigen Naturells erfreute er sich in der jüdischen Kolonie zu New York großer Beliebtheit. Sein Tod rief überall aufrichtige Teilnahme hervor. Wie man auch seine dichterische Bedeutung einschätzen mag, seine Liebe zum jüdischen Volk und seine echt künstlerischen Bestrebungen verdienen volle Anerkennung. Und schließlich darf eines nicht vergessen werden: Der verstorbene jüdisch-deutsche Dichter hat Jahrzehnte hindurch Hunderttausenden von armen, viel geplagten und das Leben mühselig dahinschleppenden Glaubensgenossen Stunden der größten Wonne, der Erhebung und des Trostes gewährt. Er hat ihnen geholfen, des Lebens Last etwas leichter zu tragen.

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S. Bernfeld: Abraham Goldfaden. In: Allgemeine Zeitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 72. Jahrgang, Nr. 9 (28.2.1908), S. 101-103. Download (9MB)

Geschrieben von Wolfgang Schnier

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